Einbein-Sportler Tom Belz

„Alles ist gut, so wie es ist“

Von Michael Eder
01.06.2017
, 14:31
Unmöglich? Gibt es nicht für Tom Belz. Eine Prothese wollte er nicht. Dabei hat der Krebs ihm ein Bein genommen – aber nicht seinen Mut, seine Energie. Und auch nicht den Sport.

Es war der Tag, als Boris Becker die Kinderkrebsstation der Frankfurter Uniklinik besuchte. An diesem Tag, 22 Jahre ist es her, wurde Tom Belz dort stationär aufgenommen. Er war acht Jahre alt. Diagnose: Knochenkrebs. Ein halbes Jahr Chemotherapie folgte. Und dann die Nachricht: Wir müssen dein linkes Bein amputieren, wir können es nicht retten.

Ich war ein ganz normaler Junge, lebhaft, offen, frech. Wenn man hinfällt, dann steht man gleich wieder auf, so wurde ich erzogen. Ich habe nie daran gedacht, aufzugeben. Die Nachricht der Amputation aber war ein Schlag ins Gesicht. Nicht nur, weil ich danach nur noch ein Bein haben würde, sondern weil ich schon so viel durchgemacht hatte bis dahin, so viel investiert, so viele Therapien, so viele Tränen. Als ich aufwachte nach der Amputation, war der ganze Körper ein einziger brennender Schmerz.

Ein weiteres Jahr musste Tom Belz auf der Kinderkrebsstation bleiben. Viele, sagt er heute, beschrieben eine solche Zeit als ganz fürchterlich. Er nicht. Für ihn seien diese anderthalb Jahre eine schwere Zeit gewesen, aber auch eine Zeit, an der er gewachsen sei, wie auch seine Familie. Für die Eltern, glaubt er, sei das alles schlimmer als für das erkrankte Kind. Sie litten selbst – und sie müssten die Leiden ihres Kindes begleiten.

Die erste Prothese bekam er mit neuneinhalb. In der Reha lernte er damit gehen. Aber er spürte, das war nichts für ihn, weil er sich in seinem Kopf nicht behindert fühlte. Er wollte keine Prothese.

In die Schule ging er zunächst dreimal die Woche mit Prothese und zweimal ohne, und dann hat er mit seinen Eltern so lange verhandelt, bis die Prothese nur noch in der Ecke lag. Er wollte auch nie ein Rad mit drei Rädern, er wollte ein ganz normales Fahrrad. Er wollte normal schwimmen und kein Gestell dafür haben. Er wollte keinen Lift für die Badewanne, er wollte selbst hineinklettern. Und weil es so schwierig ist, allen begreiflich zu machen, dass man so vieles hinkriegt, wenn man will, begann er mit den Jahren, ihnen zu zeigen, was er kann, was möglich ist, und eines der wichtigsten Mittel dabei war der Sport.

Ich habe meine Behinderung nie als Behinderung gesehen. Ich habe nie akzeptiert, dass andere Menschen mir Steine in den Weg legen mit dem Argument, Tom, du bist behindert, du kannst das nicht! Ich will nicht, dass andere Menschen entscheiden, was ich kann und was nicht. Ich will das selbst entscheiden. Ich will es ausprobieren.

Mit vierzehn spielte er Fußball im Verein. Im Mittelfeld. Auf Krücken. Er war schnell, er konnte schießen, hatte aber ein Handikap, wie er sagt, einen echten Nachteil: Nicht das fehlende Bein, sondern eine Regel, denn wenn er den Ball mit den Krücken berührte, hieß das: Handspiel. Eineinhalb Jahre kickte er, dann ging er lieber im Rollstuhl in die Halfpipe mit den Skaterjungs. Und spielte Schlagzeug in einer Garagenband. Als er wieder in die Schule ging, nahm ihn ein Freund, für den er ein ganz normaler Junge war, mit nach Hause, hatte aber vergessen, seinen Eltern zu sagen, dass der Gast nur ein Bein hat. Die Eltern sind aus allen Wolken gefallen. Alle wollten ihm Gutes tun.

Die Mutter nahm ihm den Ranzen ab, wollte ihm den Schuh ausziehen, es gab keine Distanz mehr, alle haben ihn angefasst und wollten machen und tun und helfen und bemitleiden, der Vater wollte ihn die Treppe hochtragen ins Kinderzimmer. Für Tom Belz war es ein Schlüsselerlebnis. Er beschloss, so etwas nie wieder erleben zu wollen. Er begann, den Menschen ihre Angst zu nehmen, ihre Scheu, diese Fixierung auf die Behinderung, die er selbst nicht kannte. Er wollte, dass sie ihm wieder in die Augen sehen, und nicht in Richtung des fehlenden Beines. Er beschloss, sich nie mehr auf seine Behinderung reduzieren zu lassen. Klar, auf dem Papier stehe: 80 Prozent Behinderung, oder 100 Prozent. Aber dass ihm deshalb jemand ins Gesicht sage: „Tom, du kannst das nicht!“, das lasse er nicht mehr zu.

Im Leben hat jeder sein Päckchen zu tragen, der eine ein größeres, der andere ein kleineres. So habe ich auch den Krebs gesehen. Ich habe kein Problem, wenn die Leute sehen, dass ich nur ein Bein habe. Ich mag es nicht verstecken, ich will keine Prothese, ich hole die Leute lieber in ihrem Erschrecken ab und zeige ihnen: Alles ist gut, so wie es ist.

Als Musiker tourte Tom Belz sechs Jahre lang durch Deutschland und Europa, die meisten Wochenenden waren sie unterwegs mit ihrem Hardcore Metal, mit einem einbeinigen Schlagzeuger, der ab und zu auf der Bass Drum stand oder einen Handstand machte. „Du musst es den Leuten vor den Kopf donnern, damit sie es realisieren“, sagt Belz. Er nahm an einem 24-Stunden-Lauf teil, reiste nach Bali zum Surfen, er läuft jeden zweiten Tag acht Kilometer, stemmt Gewichte im Studio. Seine Erlebnisse teilt er auf einem Blog im Internet.

Sport ist mir wichtig, weil er eine Plattform ist, um den Leuten zu zeigen: Es geht! Ich kann das! Und er ist wichtig, weil ich mich in ihm austoben kann. Und Spaß habe, egal, ob allein, zu zweit oder in einer Mannschaft.

An diesem Samstag steht Belz im hessischen Wächtersbach mit einem Freund beim Strong Viking Run am Start, einem Lauf über 13 Kilometer durch Schlamm und Wasser, über abenteuerliche Hindernisse.

Da gibt es auf der Strecke so eine Schräge, da musst du hochrennen, oben ran springen und dich hochziehen. Wie das gehen soll, weiß ich noch nicht. Ich werde die Krücken mit einer Schnur an der Hose befestigen. Ich kann sie dann loslassen, ehe ich mich hochziehe, und sie dann wieder heranholen. So könnte es gehen. Und wenn nicht, dann muss mein Freund mir eben helfen. Irgendwie kriegen wir das hin, irgendwie kriegt man es immer hin.

Mit seinem Start will Belz Geld für den Frankfurter Verein „Hilfe für krebskranke Kinder“ sammeln. Auf der Internetseite des Vereins ist ein Spendenkonto eingerichtet. Um die Ausrüstung für sich zu finanzieren, schrieb Belz Sportunternehmen an. Von Nike bekam er keine Antwort, von Adidas den Hinweis, leider sei der Etat für derartige Anlässe bereits erschöpft. Belz schrieb zurück: „Schade, Leute, ihr hättet ja nicht mal zwei Schuhe sponsern müssen, denn mir reicht schon einer.“ Schließlich fand er mit Decathlon ein Unternehmen, dessen Etat nicht erschöpft war und das ihn und seinen Freund von Kopf bis Fuß einkleidete.

Der Viking Run ist eine typische Belz-Aktion. Er geht in die Öffentlichkeit und will den Leuten zeigen, was er, der Einbeinige, leisten kann. Er versucht, den Blickwinkel zu verändern, mit der sie Behinderte betrachten und beurteilen. Er haut ihnen das Brett weg vorm Kopf, indem er sagt, sein Handikap empfinde er nicht schlimmer als einen Schnupfen.

Wenn ich etwas nicht kann, dann frage ich um Hilfe, aber das ist so gut wie nie der Fall. Ich baue mein Schlagzeug selber auf, ich muss es selber schleppen, und ich kriege die Krise, wenn mir einer dabei helfen will. So ist es auch im Sport. Ich will sehen, wie weit ich gehen kann, und weiß, dass ich längst nicht dort angekommen bin, wo meine Grenzen liegen. Ich gehe lieber den schweren Weg als den einfachen. Ich falle lieber hin und stehe wieder auf, als mir alles abnehmen zu lassen.

Tom Belz beeindruckt die Menschen, weil ihm die Schwere fehlt, die Selbstbetroffenheit. Lebhaft, offen, frech – die Krankheit hat ihn nur im Äußeren verändert, nicht im Inneren. Er nimmt seine Behinderung nicht als Entschuldigung, er macht sich nicht abhängig von ihr. Er ist frei. Auch frei von dem, was andere ihm einreden wollen, mit ihren Vorstellungen vom Behindertsein. Wie damals, als es hieß: Was soll der Junge machen nach der Schule? Etwas im Sitzen, hieß es, etwas mit Computer, und so machte er in Frankfurt ein Praktikum in der Verwaltung, füllte tagelang Excel-Tabellen mit Zahlenreihen und dachte: „Was mache ich hier?“ Mit 16 begann er ein Praktikum in den Werkstätten Hainbachtal in Offenbach, einer Einrichtung für behinderte Menschen. Danach ging er in ein Pflegeheim. Geht nicht mit einem Bein? Unsinn. Er hob die Omas und Opas aus dem Bett, wie alle anderen Pfleger auch. Er machte seine Arbeit. 2012 kehrte er in die Hainbachtaler Werkstätten zurück, bekam eine Festanstellung und leitet seither eine Gruppe für geistig und stark mehrfach behinderte Menschen im Alter von 20 bis 63 Jahren. Mit ihnen redet er, wie er mit jedem redet. Alle sind gleich, nur die Päckchen, die sie tragen, die sind verschieden.

Die Spendensammlung von Tom Belz finden Sie unter www.kinderkrebs-frankfurt.de/spenden (Anlass-Spende)

Quelle: F.A.S.
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