Trainerin Jessica Campbell

Weiblicher Feinschliff für harte Kerle

Von Bernd Schwickerath, Helsinki
19.05.2022
, 12:42
Hat alles im Blick: Jessica Campbell
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Jessica Campbell ist 29 Jahre alt und erste Trainerin bei der deutschen Eishockey-Nationalmannschaft. Bei der Weltmeisterschaft überzeugt die Kanadierin vor allem durch zwei Tugenden.
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Eishockey kann ein großartiger Sport sein: schnell, technisch fein, hart, mit irren Wendungen. Eishockey kann aber auch anstrengend sein: das ewige Gepöbel, ein regelrechter Kult um unterdrückte Schmerzen, eine oft alberne Männlichkeit. Frauen haben es da seit jeher schwer.

Auf dem Eis entwickelt es sich zwar stetig weiter, aber sobald es um Posten und Ämter geht, sind sie meist außen vor. Erst in den vergangenen Jahren fand ein vorsichtiges Umdenken statt, in Nordamerika in der Profiliga NHL wurden zumindest einige Frauen eingestellt, 2020 stellte der Schweizer Topklub SC Bern in Florence Schelling seine erste Managerin vor. Doch hinter der Spielerbank bleiben die Männer meist unter sich.

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Ausgerechnet der Deutsche Eishockey-Bund (DEB), sonst nicht gerade die Speerspitze der Emanzipation, geht nun bei der WM in Finnland andere Wege. Zum Stab von Bundestrainer Toni Söder­holm gehört Jessica Campbell, 29 Jahre alt, Kanadierin, zuständig für das Unterzahlspiel und die individuelle Entwicklung der Spieler. Campbell war selbst Nationalspielerin, wurde Weltmeisterschaftszweite und war zwischendurch eine Art Fernsehstar, weil sie weit kam in der TV-Show „Battle of the Blades“, so etwas wie „Let’s dance“ auf Eis.

Vor allem aber ist Campbell selbständige Lauf- und Techniktrainerin für NHL-Profis und ein Nachwuchsteam aus Chicago. Deswegen wurde Nürnbergs Sportdirektor Stefan Ustorf auf sie aufmerksam, holte sie im Frühjahr für ein paar Wochen nach Franken, wo sie in wenigen Tagen das Überzahlspiel verbesserte. Schon damals berichteten Zeitungen, das Fernsehen war auch da. Eine Frau beim Männer-Eishockey ist eben auch 2022 etwas Besonderes.

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Müller: „Sie hat sofort überzeugt“

Jetzt bei der WM ist alles noch größer. Am Mittwoch waren diverse Kamerateams zum Training der deutschen Mannschaft gekommen. Und da ging es eben nur am Rande um die Frage, ob Tim Stützle für das vierte Turnierspiel an diesem Donnerstag (15.20 Uhr bei Sport1 und Magentasport) gegen Dänemark fit ist oder die Nordamerika-Profis Lukas Reichel und Leon Gawanke schnell nachreisen. Ersteres ist übrigens weiterhin in der Schwebe, zu Reichel und Gawanke informierte der DEB am Abend, man erwarte die beiden Spieler am Donnerstag in Finnland.

© Youtube

Viel wichtiger zuvor aber war für die Kamerateams, dass Jessica Campbell sprechen würde. Das tat sie gewohnt eloquent – was Söderholm besonders an ihr schätzt: „Sie kommuniziert sehr gut mit den Spielern. Sie hat andere Schlüsselwörter. Wenn ich zwei, drei Sätze rede, redet sie vielleicht einen Satz“, sagt der Bundestrainer, der die „Sache aber nicht größer machen will, als sie ist“. Campbell sei nicht fürs Image da, es sei eine „Eishockey-Entscheidung“ gewesen. Das klingt bei den Spielern ähnlich: „Wenn man in die Kabine kommt, muss man mit Kompetenz überzeugen“, sagt Kapitän Moritz Müller, „und sie hat sofort überzeugt.“

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Auch Campbell selbst will nicht zu viel über ihre Rolle als Frau reden. „Ich konzentriere mich aufs Coachen“, sagt sie. Wenn sie dadurch anderen Frauen den Weg ebne, sei das schön, aber nicht ihre Hauptaufgabe. Die sieht sie in der Verbesserung des Teams – kollektiv wie individuell. „Sie sucht nach Lösungen, hat ein sehr gutes Auge für technische Feinheiten“, sagt Söderholm, der vorher mehrmals mit Campbell telefoniert hatte, ehe er sie in sein Team holte.

Auch Campbell erinnert sich gern an die Gespräche zurück: „Wir haben schnell festgestellt, dass wir ziemlich ähnlich denken, wie Eishockey gespielt werden sollte.“ Mit Tempo und Puckbesitz, mit Konsequenz und klugen Entscheidungen. War sie dennoch überrascht, dass sie mit zur WM durfte? „Nein, weil ich an mich glaube“, sagt sie. Und weil sie neue Ideen in die Diskussionen bringe.

„Immer auf höchsten Niveau arbeiten“

Die sollen auch ihr selbst helfen. Schon in Nürnberg hatte sich Jessica Campbell von der reinen Lauf- und Technikexpertin zur Ko-Trainerin entwickelt. Jetzt beim DEB macht sie so weiter, sieht sich „in derselben Rolle wie die anderen Assistenztrainer, aber mit anderer Perspektive“, denn es gebe immer „verschiedene Wege zum selben Ziel“. Wo ihr eigener Weg hinführt? „Ich wollte immer auf dem höchsten Level arbeiten“, sagt sie.

Und eine WM ist ja schon mal ziemlich hoch. Vielleicht reicht es ja bald zu einem festen Job, vielleicht auch irgendwann als Chefin. Abgeneigt ist sie nicht: „Egal, wo du herkommst, wer du bist, welches Geschlecht du hast – wenn du gut bist, solltest du Erfolg haben. Am Ende des Tages sprechen wir alle über Eishockey.“

Quelle: F.A.Z.
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