Fechten-Olympiaqualifikation

Ein Hauen und Stechen

Von Achim Dreis
29.04.2021
, 16:34
Künstliche Verknappung der Startplätze für starke Einzelkämpfer: Deutschlands beste Degenfechterin Alexandra Ndolo kritisiert den Qualifikationsprozess für Olympia.

„Vielleicht ist es an der Zeit, den olympischen Qualifikationsprozess für den Fechtsport zu überdenken?“, fragte Alexandra Ndolo, die beste deutsche Degenfechterin, nachdem sie den einzigen freien Platz für eine Europäerin beim kontinentalen Ausscheidungs-Turnier in Madrid knapp verpasst hatte. Es klang nach der Verbitterung einer Gescheiterten, weil sie das große Ganze im Moment einer persönlichen Niederlage anführte. Zumal die 25. der Weltrangliste monierte, dass sich deutlich schwächere Sportlerinnen aus anderen Kontinenten qualifizieren konnten.

Nun steht Alexandra Ndolo, in Bayreuth geborene und in Franken aufgewachsene dunkelhäutige Tochter einer Polin und eines Kenianers, keinesfalls im Verdacht, die Vielfalt in Sport und Gesellschaft nicht zu respektieren. Sie wolle auch die Leistungen von qualifizierten Sportlerinnen wie der Senegalesin Nedeye Diongue oder Kiria Tikanah Abdul Rahman aus Singapur, in der Weltrangliste auf Rang 207 notiert, nicht schmälern. Doch Ndolo mahnt die richtige Relation an. Ihrer Meinung nach bestehe die Olympische Idee aus zwei Komponenten, führt die 34-Jährige in den sozialen Netzwerken aus. Die globale Feier des Sports, an der Athleten aus allen Kontinenten beteiligt sein sollen und „die ganze Welt inspiriert“, sei ihr genauso wichtig wie „die Prinzipien des höher, schneller, stärker“. Doch das werde nicht immer berücksichtigt.

Obwohl Fechten zweifellos eine Einzelsportart ist, sind vor allem Mannschaftsergebniss maßgeblich für die Teilnahmeberechtigung. In jeder der drei Waffengattungen Degen, Säbel und Florett qualifizieren sich jeweils acht Nationen für Teamevents – vier über die Weltrangliste, weitere vier nach regionalen Kriterien. Die drei Mitglieder dieser Equipen sind zugleich für die Einzel gesetzt, unabhängig davon, wie stark sie als Solisten agieren. Somit sind 24 der 34 Einzel-Plätze in jeder Waffengattung belegt, was eine gewisse Disbalance im Tableau ergibt. Um die restlichen Plätze entsteht ein großes Hauen und Stechen. Nur sechs sind für die besten Solistinnen der Weltrangliste reserviert, davon wiederum nur zwei für Europäerinnen. Weil die deutschen Degendamen nur auf Platz elf des Team-Rankings plaziert waren und Alexandra Ndolo als Solistin nicht zur absoluten Weltspitze zählte, fiel sie bei beiden Kriterien durch. Beim einzigen Qualifikations-Wettbewerb scheiterte die EM-Zweite von 2017 und Dritte von 2019 im Finale an der Top-Ten-Athletin Olena Kryvytska aus der Ukraine.

Unterstützung erhält Ndolo in ihrer Haltung von Sven Ressel, dem Sportdirektor im Deutschen Fechter-Bund. „Ihre Position ist richtig, wir sehen das ähnlich“, sagte Ressel gegenüber der F.A.Z.: „Die Besten sollten bei Olympia dabei sein.“ Und dies sei nach den derzeit gültigen Kriterien nicht immer gegeben, weshalb es für eine ehemalige Fecht-Nation wie Deutschland auch immer schwieriger werde, an alte Erfolge anzuknüpfen. In Tokio vertreten immerhin jeweils drei Säbel- und Florettfechter bei den Herren sowie Leonie Ebert als weibliche Solistin mit dem Florett die deutschen Farben.

„Leidenschaft, positive Einstellung und Durchhaltevermögen“ sind die Eigenschaften, die Alexandra Ndolo auf ihrer Homepage als persönliche Schlüsselwerte propagiert. Dementsprechend versucht die Kämpferin nun auch, ihre olympische Enttäuschung wettzumachen. Sie sei stolz, wie sie „in den letzten fünf Jahren aufgetreten“ sei, teilte die Sportsoldatin als Fazit der verlängerten Olympiade mit. Nach einer kurzen Pause werde sie die Arbeit wieder aufnehmen und Paris als neues Ziel anpeilen. „Ich werde bis 2024 weitermachen, bin immer noch hungrig.“ Womöglich ändern sich bis dahin sogar die Qualifikations-Kriterien. Nach Aussage von Ressel wird beim Weltverband bereits darüber nachgedacht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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