Eines seiner berühmtesten Fotos: Cleveland Williams liegt rücklings auf dem Ringboden, Muhammad Ali triumphiert. Für diese Aufnahme befestigte Neil Leifer seine Kamera im November 1966 an der Lichtanlage des Astrodome in Houston – etwa 25 Meter über dem Ring.
Eines seiner berühmtesten Fotos: Cleveland Williams liegt rücklings auf dem Ringboden, Muhammad Ali triumphiert. Für diese Aufnahme befestigte Neil Leifer seine Kamera im November 1966 an der Lichtanlage des Astrodome in Houston – etwa 25 Meter über dem Ring. Fotos: Authentic Brands Group

„Ali war wie ein Geschenk des Himmels“

MICHAEL WITTERSHAGEN

12. Januar 2021 · Der Fotograf Neil Leifer hat einige der größten Boxer aus nächster Nähe erlebt. Nun hat er daraus ein Buch gemacht. Ein Gespräch über die Magie von Ali, die Kraft der Bilder und das Problem dieses Sports heute.


Mr. Leifer, wie viele Boxkämpfe haben Sie bisher fotografiert? 

Wissen Sie was: Ich habe keine Idee, ich habe sie nie gezählt. Es müssen einige hundert sein – mindestens.

Der Fotograf und sein Lieblingsboxer: Neil Leifer und Muhammad Ali posieren 1966 im Studio.
Der Fotograf und sein Lieblingsboxer: Neil Leifer und Muhammad Ali posieren 1966 im Studio.

Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Muhammad Ali, er hat das Boxen vollkommen verändert. Als ich ein kleiner Junge war, im New York der vierziger und fünfziger Jahre, wurde zumeist im Madison Square Garden geboxt, in Detroit, Miami oder Los Angeles. Aber Ali brachte das Boxen um die ganze Welt, er kämpfte dort, wo man es sich niemals erträumt hätte: Frankfurt, Zürich, Tokio, Dublin, Jakarta, Manila, Kuala Lumpur, Kinshasa in Zaire. Ich habe seinen Kampf gegen George Foreman im Oktober 1974 dort fotografiert, dabei hatte ich vorher noch nie von Zaire gehört. Die Boxwelt vor Ali war eine andere als nach ihm. Ali war wie ein Geschenk des Himmels für diesen Sport.

Eines seiner liebsten Fotos: Muhammad Ali schreit, Sonny Liston liegt hilflos auf dem Boden. Am 25. Mai 1965 vergingen lediglich 1:46 Minuten bis zu diesem K. o. Als Leifer diese Aufnahme gelang, war er gerade einmal 22 Jahre alt.
Eines seiner liebsten Fotos: Muhammad Ali schreit, Sonny Liston liegt hilflos auf dem Boden. Am 25. Mai 1965 vergingen lediglich 1:46 Minuten bis zu diesem K. o. Als Leifer diese Aufnahme gelang, war er gerade einmal 22 Jahre alt.

Haben Sie einen Lieblingskampf von ihm?

Insgesamt war ich bei 35 seiner Kämpfe dabei – und keiner übertrifft das, was im Oktober 1975 in Manila gegen Joe Frazier los war. Es war der dritte Kampf der beiden gegeneinander, jeder hatte bisher einen für sich entschieden, und dieser dritte war überwältigend. 25.000 Zuschauer waren da, sie saßen in einer nichtklimatisierten Halle, die Hitze und die Luftfeuchtigkeit waren schon für mich als Fotograf kaum auszuhalten. Aber die Intensität im Ring war trotzdem unglaublich. Am Ende siegte Ali nach Punkten.


Frazier, Tyson, Louis, Lewis, Schmeling, Foreman, Ali – die Boxgeschichte ist voll mit großen Charakteren. Wer ist für Sie der Beste?

Ali – keine Frage. Er war für mich der beste Fighter der Geschichte, und er war ganz sicher der beste Athlet. Ali hätte auch als Leichtathlet Karriere machen können, er wäre auch ein großartiger Footballspieler geworden. Welche Qualität er hatte, das zeigte sich, als er 1970, nach seiner dreijährigen Sperre aufgrund seiner Weigerung, den Wehrdienst anzutreten, wieder in den Ring stieg – und besser war als jemals zuvor. Wer außer ihm hätte das geschafft?

Wie viele Boxkämpfe hat Neil Leifer fotografiert? „Es müssen einige hundert sein – mindestens.“
Wie viele Boxkämpfe hat Neil Leifer fotografiert? „Es müssen einige hundert sein – mindestens.“

Gerade ist ein beeindruckendes Buch mit den besten Box-Fotos von Ihnen erschienen, 424 Seiten stark, 8,7 Kilogramm schwer. Warum fasziniert Sie dieser Sport so sehr?

Die meisten Fotos habe ich in den sechziger und siebziger Jahren gemacht. Damals war Boxen ein ungemein kraftvoller Sport. Und die Charaktere waren unglaublich charismatisch. Boxer stellten immer eine Ausnahme dar, sie waren einfach nicht mittelmäßig, nicht durchschnittlich, sie waren besonders. Boxer, das waren harte junge Männer, oft nicht sehr gebildet. Gestalten, die aus rauhen Gegenden kamen, die vielleicht selbst kriminell waren. Dabei waren die meisten richtig nette Typen. Als Ali seine Karriere beendet hat, sind wir Freunde geworden, und ich hätte mir keinen besseren vorstellen können. Mike Tyson, ganz egal, was andere vielleicht sagen, war einer der herzlichsten Menschen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe. Ich habe auch andere Sportarten fotografiert, Baseball oder American Football, aber solche extremen und schillernden Charaktere wie im Boxen habe ich nirgendwo entdeckt. Und dieser Charakter macht letztlich die Fotos aus. 


Warum sind Fotos von Ali derart ikonisch?

Ich bezeichne den Grund gern als visuelles Charisma. Es gibt einfach Menschen, die ein ganz spezielles Charisma haben, sobald sie vor einer Kamera stehen. Mick Jagger ist so einer, David Bowie hat das ausgezeichnet – und eben Ali. Wer von ihm ein schlechtes Bild gemacht hat, war kein richtiger Fotograf. Soll ich Ihnen eine Geschichte erzählen, warum ich ihn als Fotograf so geliebt habe?


Gern.

Nach dem Zaire-Fight gegen Foreman 1974 machte ihn „Sports Illustrated“ zum „Sportsman of the year“, ich sollte das Titelfoto von ihm machen. Ich wollte ihn in einem Smoking fotografieren, er sollte aussehen wie ein echter Filmstar. Ali lebte in Chicago, ich fuhr zu ihm, erzählte ihm von meiner Idee und wollte ihn mit in ein Studio nehmen. Mein Assistent bereitete dort alles vor, ich hatte zwanzig Filmrollen mit je 12 Fotos besorgt – denn wie viele Fotos konnte man schon von einem Mann in einem Smoking schießen? Aber Ali hatte gar keinen Smoking. Dafür hatte er ein paar andere Sachen dabei.

  • Fast neun Kilogramm wiegt das Werk mit den Bildern von Neil Leifer.
  • Das Buch bietet überraschende Perspektiven und ein Lesezeichen ganz nach dem Geschmack von Boxfans.
  • Es geht nicht immer nur um die Kämpfe an sich. Auch viele andere Aspekte spielen im großen Boxbusiness eine Rolle.
  • Was passiert an den Stellen, auf die gerade keine TV-Kameras gerichtet ist? Leifer suchte sich seine speziellen Blickwinkel.
  • Das Buch ist kein reiner Bildband. Es werden auch Hintergründe erzählt über die große weite Welt des Boxens.
  • Boxen im Laufe der vielen Jahre: Leifers Buch ist auch ein Rückblick auf längst vergangene Zeiten und Kämpfe.
  • Faszination für die Massen: Leifer hielt den Augenblick, den viele schon wieder vergessen haben, für die Nachwelt fest.
  • Hinter den Kulissen: Der Fotograf gibt Einblicke in Bereiche, die kein Fan oder Zuschauer sonst zu sehen bekommen hätte.
  • The Show must go on: Leifer hat viele Jahrzehnte Boxgeschichte festgehalten. Es werden weitere dazukommen.
  • Fast neun Kilogramm wiegt das Werk mit den Bildern von Neil Leifer.
  • Das Buch bietet überraschende Perspektiven und ein Lesezeichen ganz nach dem Geschmack von Boxfans.
  • Es geht nicht immer nur um die Kämpfe an sich. Auch viele andere Aspekte spielen im großen Boxbusiness eine Rolle.
  • Was passiert an den Stellen, auf die gerade keine TV-Kameras gerichtet ist? Leifer suchte sich seine speziellen Blickwinkel.
  • Das Buch ist kein reiner Bildband. Es werden auch Hintergründe erzählt über die große weite Welt des Boxens.
  • Boxen im Laufe der vielen Jahre: Leifers Buch ist auch ein Rückblick auf längst vergangene Zeiten und Kämpfe.
  • Faszination für die Massen: Leifer hielt den Augenblick, den viele schon wieder vergessen haben, für die Nachwelt fest.
  • Hinter den Kulissen: Der Fotograf gibt Einblicke in Bereiche, die kein Fan oder Zuschauer sonst zu sehen bekommen hätte.
  • The Show must go on: Leifer hat viele Jahrzehnte Boxgeschichte festgehalten. Es werden weitere dazukommen.


Und dann?

Es war sieben Uhr am Abend, ich habe verschiedene Smoking-Verleihe angerufen, zu einem sind wir danach hingefahren. Als Ali in der Tür stand, machte der Mitarbeiter ein Gesicht, als sei Jesus wieder aufgetaucht. Aber er hatte einen Smoking – und so sind wir ins Studio gefahren. Ich habe dann zwei, drei Filmrollen mit Ali im Smoking fotografiert, verschiedene Posen, er war super darin. Und als ich ihn wieder nach Hause bringen wollte, sagte er mir, er habe noch zwei Gewänder dabei, die ihm Präsident Mobutu geschenkt hatte. Natürlich habe ich ihn auch darin fotografiert. Dann zog er eine neue Trainingsjacke aus der Tasche, er liebte diese Trainingsjacke. Also: wieder Fotos. Und so ging es immer weiter. Am Ende hatte ich keine einzige Filmrolle mehr. Eine Stunde hat er mir damals gegeben, am Ende waren wir fast drei Stunden im Studio. Wie kann man diesen Menschen nicht lieben?


Sind Fotos früher bedeutender gewesen, weil heute beinahe jedes Ereignis in Echtzeit überall verfolgt werden kann?

Das Fernsehen macht den großen Unterschied. Noch Anfang der Sechziger gab es Zeitungen nur in Schwarz-Weiß. Genau wie das Fernsehen. Erst einige Magazine druckten allmählich in Farbe. Das war damals eine Sensation. Und es war die einzige Möglichkeit zu erfahren, wie Ali oder andere wirklich aussehen. Heute gibt es Dutzende unterschiedliche Kameraperspektiven, Slowmotion, Superslowmotion, jeder Schweißtropfen ist nach einem Treffer zu sehen. Das verändert den Menschen, weil er glaubt, alles schon einmal gesehen zu haben. Das besondere Foto verliert dadurch ein Stück weit seine Kraft.


Hat sich auch das Boxen in all den Jahren verändert?

Und wie! Boxen ist gigantisch geworden. Und zugleich ist die historische Bedeutung des Champions zurückgegangen. Früher gab es einen Weltmeister. Denjenigen, der den vorherigen besiegt hatte, der wiederum den vorherigen besiegt hatte. So konnte man in der Geschichte zurückgehen und landete irgendwann bei Joe Louis oder Max Schmeling. Heute gibt es verschiedene Weltmeister in verschiedenen Verbänden. Tyson Fury ist gerade Weltmeister der WBC, Anthony Joshua Weltmeister der IBO, IBF, WBA, WBO. Aber was ist das noch wert? So wie es nur einen Fußball-Weltmeister geben kann, einen Super-Bowl-Champion, sollte es auch nur einen Box-Weltmeister geben – alles andere ergibt keinen Sinn und schadet dem Sport.

Neil Leifer: Boxing. 60 Years of Fights and Fighters.

Collector's, Edition von 1000 nummerierten Exemplaren. Taschen-Verlag, Köln, 2020. ChromaLuxe-Aluminiumcover im Schuber, 36 x 38,7 cm, 8,70 kg, 424 Seiten. 800 Euro.

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