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Weltrekord: Francois Gabart segelte alleine in sechs Wochen um die Welt – das hat noch kein Mensch vor ihm geschafft. Foto: Alexis Courcoux

Die Leiden nach dem Höllentrip um die Welt

Von SEBASTIAN REUTER
Weltrekord: Francois Gabart segelte alleine in sechs Wochen um die Welt – das hat noch kein Mensch vor ihm geschafft. Foto: Alexis Courcoux

17.04.2018 · 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten und 35 Sekunden – François Gabart gelang bei seiner Weltumseglung ein besonderer Weltrekord. Sein Körper leidet noch immer darunter. Dennoch plant er schon das nächste Projekt.

W er mit François Gabart telefoniert, der muss das stetige Rauschen im Hintergrund akzeptieren. Dass sich der 35 Jahre alte Franzose einmal nicht zumindest in der Nähe einer Küste befindet, kommt schließlich nur selten vor. Die Geräuschkulisse von wehendem Wind und brechenden Wellen begleiten den Alltag und das Leben des Mannes aus Saint-Michel – auch wenn Gabart derzeit immer noch dabei ist, sich von seinem schier unglaublichen Rekord zu erholen: 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten und 35 Sekunden. Das sind die Zahlen, die François Gabart seit dem 17. Dezember 2017 auf Schritt und Tritt begleiten. In dieser Zeit segelte der blonde Mann mit den eisblauen Augen auf seinem Trimaran einmal um die Welt – komplett auf sich allein gestellt. Er unterbot die vorherige Bestmarke aus dem Januar des vergangenen Jahres um fast sechseinhalb Tage – und blieb nur etwas weniger als zwei Tage über der schnellsten Weltumseglung, die jemals von einem kompletten Team absolviert wurde.

Zahlen und Daten

Zeit: 42 Tage, 16 Stunden, 40 Minuten, 35 Sekunden
(6 Tage, 10 Stunden, 23 Minuten schneller als der bisherige Rekord)

Länge: 28.850 Seemeilen (etwa 51.000 Kilometer)
Durchschnittstempo: 27 Knoten (50 km/h)
Höchsttempo: 39,2 Knoten (72 km/h)

Boot: 30 Meter lang, 21 Meter breit, 35 Meter hoch, 14,5 Tonnen schwer
Segelfläche: 430 Quadratmeter (ca. zwei Tennisplätze)
Kabinengröße: 6 Quadratmeter
Kosten für das Gesamtprojekt: 25 Millionen Euro
François Gabarts Trimaran Animation: Macif-Group

Eine Leistung, die ihm immer noch in den Knochen steckt: „Ich hatte ein paar Wochen Urlaub, bin aber immer noch sehr müde. Es dauert lange, bis der Körper wieder so leistungsfähig ist wie vorher“, sagt Gabart, fast drei Monate nach seiner Rückkehr. Das Schwerste sei es, wieder zu lernen, eine komplette Nacht durchzuschlafen und bei jedem Aufwachen nicht direkt wieder verschreckt nach irgendwelchen Messgeräten zu suchen, die kontrolliert werden müssen. „Es klappt noch nicht jede Nacht. Aber viel frische Luft, ein bisschen Sport und gutes Essen haben mir schon viel bei der Regeneration geholfen“, sagt Gabart. Maximal drei bis vier Stunden Schlaf hat er sich unterwegs pro Tag gegönnt – verteilt auf etwa zehn Phasen von maximal zwanzig Minuten am Stück. Seine Yacht raste dabei weiter in vollem Tempo über den Ozean, in der Spitze erreichte Gabart eine Geschwindigkeit von umgerechnet 74 Kilometern in der Stunde. Momente der Ruhe? Fehlanzeige. Schon der Start sei für ihn wie ein Sprung vom Zehnmeterturm gewesen.


„Du legst ab – und dann gibt es kein Zurück mehr. Urplötzlich bist du komplett auf dich allein gestellt.“
François Gabart

Von der im Ärmelkanal gelegenen Insel Ouessant aus segelte der Franzose durch den Atlantik gen Süden, umrundete das Kap der Guten Hoffnung, das Kap Leeuwin und das Kap Hoorn an den Südspitzen von Afrika, Australien und Südamerika, durchquerte den Indischen Ozean, das Südpolarmeer sowie den Pazifik – und erreichte nach mehr als 51.000 Kilometern und sechs Wochen auf den Weltmeeren am dritten Adventssonntag des vergangenen Jahres das Ziel. Tausende Fans empfangen den Rekordsegler im Hafen, Feuerwehrboote ehren ihn mit Wasserfontänen, und Hubschrauber senden Live-Bilder ins französische Fernsehen. Für die Segelnation Frankreich ist François Gabart spätestens seit diesem Tag ein Held. „Es war ein unglaubliches Gefühl. Solche Emotionen begegnen einem im Alltag nicht so schnell“, sagt Gabart. Bis zuletzt habe er Angst davor gehabt, dass noch etwas Unvorhergesehenes passieren könnte und er den Rekord verliert. „Deswegen ist auch erst in diesem Moment alles von mir abgefallen“, blickt er zurück.

Gabarts Weltumrundung

Klicken Sie mit der Maus, um die Animation anzuhalten und fortzusetzen Animation: Carsten Feig; Hintergrundbild: Jean-Marie LIOT / ALEA / MACIF

B ereits mit 14 Jahren wird Gabart französischer Meister. Als Zwanzigjähriger gewinnt er erstmals einen Weltmeistertitel und siegt 2013 als bislang jüngster Segler bei der Vendée Globe, einer der härtesten Regatten der Welt. Spätestens seit diesem Erfolg gehört Gabart zu den besten Skippern des Planeten. Auch deswegen hat sein Sponsor, eine französische Versicherungsgesellschaft, fast 25 Millionen Euro in die erfolgreiche Jagd nach dem Weltrekord investiert. Ein Jahr lang kümmerte sich eine Crew von 19 Personen darum, das Rennen gegen die Zeit so perfekt wie möglich vorzubereiten. Das dreißig Meter lange und 14,5 Tonnen schwere Boot mit den drei Rümpfen wurde genau nach den Wünschen und Bedürfnissen von Gabart konstruiert.

Während an Deck Segel installiert wurden, die zusammengenommen die Größe von zwei Tennisplätzen übersteigen, installierten die Ingenieure vorne am mittleren Rumpf eine gerade einmal sechs Quadratmeter große Kabine, die der Kommandozentrale eines Raumschiffs gleicht.

Gewaltiges Geschoss: Ohne jeden Komfort und zu jeder Zeit am Limit jagte Gabart seinen Trimaran durch die Weltmeere. Vincent Curutchet / ALeA
Kraftakt: In seiner kleinen Kabine steuert Gabart seinen Trimaran und kontrolliert alle Wetter- und GPS-Daten. Vincent Curutchet / ALeA

Vor dem Cockpitsessel blinken zahllose Lämpchen und zeigen verschiedene Bildschirme eine Fülle von Wetterdaten und GPS-Positionen an. Eine riesige Kurbel in der Mitte des Raumes dient dazu, allein mit purer Muskelkraft die hydraulischen Systeme zu bedienen, mit der die Segel gesetzt und getrimmt werden. An manchen Tagen sind für die verschiedenen Manöver mehr als 5000 Umdrehungen notwendig. Für eine kleine Pritsche, eine Kochstelle und einen Eimer für die Körperpflege bleibt hinten an der Wand nur wenig Platz. Ein solches Monstrum zu beherrschen ist Schwerstarbeit, es innerhalb von sechs Wochen über die Weltmeere zu jagen, eine extreme Herausforderung. „Alles an diesem Boot ist riesig, dazu gibt es null Komfort. Du musst deinen Körper darauf vorbereiten, dass er 24 Stunden am Tag durchgeschüttelt wird“, sagt Gabart. Neben dem Training von Fitness und Schlafmangel hat er deswegen auch seine Ernährung umgestellt und versucht, die eigene Psyche angemessen auf den Höllentrip vorzubereiten.

François Gabarts Trimaran Video: Yacht TV

Mit welchen seelischen Belastungen der fast etwas zierliche Gabart dennoch zu kämpfen hatte, lässt sich in Ausschnitten mit Hilfe der neunzigminütigen Dokumentation nachvollziehen, die das französische Fernsehen Anfang März zur besten Sendezeit ausstrahlte. Dort ist zu sehen, wie Gabart am 18. Tag seiner Rekordjagd wegen einer kurzfristigen Flaute in Tränen ausbricht. Als er mit seiner Crew via Satellit telefoniert, will er für einem Moment am liebsten umdrehen und aufgeben. Wenige Tage später schreckt Gabart aus dem Schlaf hoch und macht einen riesigen Eisberg am Horizont aus. Wäre er einige Kilometer weiter südlich unterwegs gewesen, hätte sein Trip in einer Katastrophe enden können. In den drei Tagen danach schlief Gabart insgesamt gerade einmal drei Stunden. Und kurz vor dem Ziel – als er schon deutlichen Vorsprung hatte – wütet Gabart bei voller Fahrt über das Headset, er brauche mehr Wind, um noch schneller zu sein. „Das Alleinsein war tatsächlich sehr hart. Ein Telefonat mit deiner Crew oder deiner Familie ersetzt nicht das gute Gefühl, einen Bekannten neben dir sitzen zu haben“, sagt er. Auch der Käse und die Schokolade, die Gabart zusätzlich zu den Unmengen an schockgefrosteter Nahrung, Instant-Nudeln und Couscous zu seinen Vorräten gepackt hat, helfen nur bedingt gegen die Einsamkeit. Insgesamt vertilgt er pro Tag fast 8000 Kalorien, um fit und bei Kräften zu bleiben. Trotzdem verliert Gabart auf seiner Reise fast zehn Kilogramm an Körpergewicht.

Francois Gabart verfolgt große Ziele – auch abseits seiner Yacht. Der Franzose ist an drei Firmen beteiligt. Foto: Picture-Alliance

Neben der körperlichen und geistigen Regeneration verbringt Gabart momentan viel Zeit damit, Interviews zu geben, Ehrungen einzuheimsen und Sponsorengelder für seine kommenden Projekte einzusammeln. Im November nimmt er noch einmal an der Route du Rhum teil, einer prestigeträchtigen Regatta quer über den Atlantik. Ende 2019 wird er dann abermals versuchen, so schnell wie möglich um die Welt zu segeln – und seine Fabelzeit womöglich noch einmal zu unterbieten. Aber dann?


„Ich habe einige Ziele und Träume. Aber ich habe keine Idee, wie meine Zukunft aussieht.“
François Gabart

Der studierte Ingenieur hat bereits drei Firmen gegründet, die allesamt in der Segelbranche aktiv sind. Dazu beteiligt er sich seit Neuestem an einem Unternehmen, das zu einer Art Airbnb für Yachten werden soll.

Als kompletten Geschäftsmann sieht sich Gabart zurzeit aber noch lange nicht. „Segeln ist einfach mein Leben – jedenfalls im Moment“, sagt er. „Aber man kann seine Leidenschaft nicht kontrollieren. Wenn ich eines Tages nicht mehr auf diesem Niveau segeln kann, hoffe ich, stark genug zu sein und neue Ziele zu finden, die mein Leben mit Freude erfüllen.“ Das Meeresrauschen wird wahrscheinlich auch dann noch zu hören sein.

FAZ.NET-Multimedia: Carsten Feig

Quelle: F.A.Z.