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Ringer-Weltmeister Stäbler

„Ich bin zum Mentalmonster geworden“

Von Daniel Meuren
 - 07:24
Cooler Ringer: Frank Stäbler mit einem Sonnenbrillengeschenk seines Bundestrainers Michael Carl.zur Bildergalerie

Sie haben einst in der F.A.Z. einen Satz gesagt, den später Bundeskanzlerin Angela Merkel bei einer Rede zum Spitzensport in Deutschland zitierte. „Ich habe das Ziel, dass ich innerer Millionär werde.“ Sie wollten damit erklären, weshalb Sie keine Neidgefühle an sich heranlassen, wenn Sie Ihr Einkommen mit dem von Fußballprofis vergleichen oder auch mit Konkurrenten aus den großen Ringernationen in Osteuropa oder Iran, die vom Staat gut alimentierte Volkshelden sind. Wie nahe sind Sie nach dem dritten Weltmeistertitel dieser inneren Million?

Ich würde behaupten, dass ich mit dem Titel-Hattrick jetzt die Million voll habe. Ich habe meine innere Mitte, meine Zufriedenheit und Gelassenheit in diesem Jahr endgültig gefunden, was nicht nur am Sport liegt. Einen großen Teil trug dazu auch die Geburt meiner Tochter bei. Meine Familie hat mir eine unglaubliche Sicherheit und einen Glauben an mich selbst gegeben. Das macht einen innerlich unglaublich reich.

Ist dann noch genug Hunger für das große Ziel des Olympiasiegs?

Natürlich! Dieser innere Reichtum hemmt und stört mich ja nicht. Er stärkt mich. Der Traum von Olympia ist unersättlich und Ansporn. Weltmeister zu werden ist schon schwer. Weltmeister zu bleiben und Olympiasieger werden zu wollen umso mehr. Du musst dich jeden Tag antreiben, hundert Prozent und mehr zu geben. Das geht nur, wenn ich meinem Tun einen Sinn gebe, der nicht in Ruhm, Ansehen oder Geld besteht. Ich kämpfe dafür, dass Menschen durch mich erkennen, was es auslösen kann, wenn man bereit ist zu leiden, weiterzumachen, wenn es eigentlich nicht mehr geht. Das gibt mir Kraft.

Im Aktuellen Sportstudio begegneten Sie am Samstag BVB-Chef Hans-Joachim Watzke und somit auch dem großen Fußballbusiness. Denken Sie dann nicht, dass der Sport das Geld ungerecht verteilt?

Das bringt ja nichts. Ich lebe für diesen Moment wie jetzt in Budapest, wo ich durch meinen Sieg ein Superstar in der Welt des Ringens, des schönsten Sports der Welt, bin. Ich denke sicherlich, dass man aus diesem Sport mehr machen könnte und auch bessere Verdienstmöglichkeiten schaffen kann. Aber ein neidischer Blick auf den Fußball hilft da nicht. Das ist nun mal Volkssport Nummer eins. Sich damit zu vergleichen ist der beste Weg, um sich sein eigenes Glück kaputtzumachen. Stattdessen habe ich das Ziel, das Ringen wenigstens auf ein etwas höheres Level in der Wahrnehmung zu führen. Ich brauchte drei Weltmeistertitel, um ins Sportstudio zu kommen. Ich merke jetzt einfach, dass ein neues Level erreicht ist. Dazu werden auch meine Mannschaftskameraden in der Griechisch-Römisch-Nationalmannschaft beitragen. Wir sind eine goldene Generation des deutschen Ringens.

Vor zwei Jahren waren Sie bei Big Brother und hatten auch damals gesagt, dass Sie damit auch Aufmerksamkeit fürs Ringen generieren wollen. War das erfolgreich?

Natürlich. Ich bin mir sicher, dass ich durch die Teilnahme das Publikum, das meine späteren Titelgewinne mitbekommen hat, um zwei bis drei Millionen gesteigert habe. So viele Menschen haben durch mich Ringen wahrgenommen. Das war im Nachhinein der beste strategische Zug, den ich machen konnte.

Es gab aber auch Kritik, nicht zuletzt aus dem Deutschen Ringerbund.

Diejenigen, die mir vorgeworfen haben, ich wäre ein Selbstdarsteller, haben nie verstanden und mich auch nicht gefragt, um was es geht. Mir war immer klar, dass ich danach sportlich erfolgreich sein muss, weil sonst diese Leute eine einfache Erklärung gehabt hätten für Misserfolg. Ich werde auch weiter Projekte abseits der Matte machen, weil es mir Spaß macht, aber auch Öffentlichkeit verschafft.

Auf dem Weg zum Titel lagen Sie in jedem einzelnen Kampf zwischenzeitlich in Rückstand. Wie gehen Sie mit Zweifeln am Erfolg um?

Die Rückstände waren für mich tatsächlich ungewohnt. Ich habe unglaublich viele Fehler gemacht, da ich mich am ersten Tag körperlich nicht wirklich gut gefühlt habe, auch nach der schwierigen Vorbereitung mit Verletzungen und meinen Trainingsbedingungen rund um das Hallenchaos. Ich konnte schlecht schlafen, hatte Schweißausbrüche. Aber meine Charaktereigenschaft, immer zurückkommen zu wollen, den Siegeswillen habe ich noch stärker entwickelt in diesem Jahr. Ich habe nach fast jeder Matteneinheit noch eine Mentaleinheit absolviert, arbeite mit zwei Mentaltrainern zusammen.


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„Abkochen“ mit Ringer Stäbler
Der Kampf vor dem Kampf

Was bringt das konkret?

Ich bekomme es hin, dass ich alles, was passiert, so interpretiere, dass es für mich passiert. Als ich beispielsweise im Viertelfinale gegen Demeu Schadrajew 0:6 hintenlag, habe ich mir gesagt: „Das Leben stellt mich vor eine besondere Herausforderung. Es will wissen, wie sehr ich meinen Sport wirklich liebe.“ Und es hat funktioniert. Ich habe nie gezweifelt. Ich bin zum Mentalmonster geworden, dadurch wiege ich körperliche Nachteile oder gewisse technische Nachteile gegenüber anderen auf. Muhammad Ali hat nach dem Prinzip „Fake it till you make it“ geboxt. Du musst dein Unterbewusstsein so betrügen, ihm Stärke vorgaukeln, bis es dir glaubt. Dann kann ich negative Gedanken und Zweifel ausblenden.

War die Sonnenbrille auf der Ehrenrunde auch Teil der Psychospielchen?

Nein, das war nur die Einlösung einer Wette. Mein Bundestrainer Michael Carl hatte mir diese Brille für den Titel versprochen, weil ich ihn seit Olympia 2016 darum angebettelt habe. Damals bekamen die Trainer bei der Einkleidung die mit Abstand coolere Brille als wir Sportler.

Werden Sie auch in Richtung Olympia die psychische Stärke entwickeln, obgleich Sie nochmals fünf Kilogramm weniger auf die Waage bringen müssen als nun, weil Ihre jetzige Gewichtsklasse nicht mehr zum olympischen Programm gehört?

Auch das haben mein Trainer Andreas Stäbler und ich schon ins Positive gewendet. Wir haben uns gesagt, dass das Schicksal uns eine allerletzte ganz große Herausforderung aufbürdet, die ich bestehen muss, um dann aufhören zu können. So haben wir auch meinen vielleicht schwersten Moment verarbeitet: In Rio musste ich 2016 mit einem Syndesmose-Riss im Fuß auf die Matte und es reichte deshalb nur zum siebten Platz. Damals brach für mich eine Welt zusammen, im Nachhinein habe ich für mich beschlossen, dass auch diese Geschichte einen Sinn hatte: Wäre ich damals schon Olympiasieger geworden, hätte ich vielleicht meine Karriere beendet und wäre nicht zwei weitere Male Weltmeister geworden. Der Traum von Tokio lebt nun umso mehr.

Herausforderungen gibt es für Sie nicht nur auf der Matte. Abseits haben Sie für Schlagzeilen gesorgt, weil sie monatelang in einem früheren Kuhstall trainieren mussten nach Streitigkeiten um die Nutzung des Trainingsraums in Musberg. Hat sich die Situation geklärt?

Das ist eine sehr zerfahrene Situation. Es gab Streitigkeiten mit dem Vorstand unseres Hauptvereins TSV Musberg. Wir Ringer haben deshalb einen eigenen Verein gegründet. In der Folge habe ich Trainingsverbot im Ringerraum bekommen. Ich brauchte also eine Option. Da mein Vater eine Landwirtschaft betreibt und der alte Kuhstall heute als Lagerhalle dient, konnte ich zwei Monate lang bis zur Ernte dort eine Ringermatte auslegen und trainieren. Danach durften die Jugendlichen, meine Trainingpartner und ich vorläufig wieder in die Halle auf Geheiß der Stadt. Nun hat die Stadt Leinfelden-Echterdingen ausgerechnet am Tag vor meinem WM-Finale in einem Schreiben mitgeteilt, wie die Hallenbelegung ab Mitte Dezember aussehen könnte.

Könnte es noch mal zurück in den Kuhstall gehen?

Wir werden bald Gespräche mit der Stadt führen. Im Winter ist der Kuhstall ohnehin keine Option. Es ist ja kalt im Stall. Und die Bedingungen sind nun mal im Ringerraum optimal und nirgendwo sonst. Ich hoffe weiter, dass wir einen Weg finden einlenken, nachdem ich jetzt Ringergeschichte geschrieben habe. Es geht schließlich nicht nur um mich, sondern auch um die Ringerjugend.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Sportredakteur.
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