Faszination Boule

Drei Kugeln und ein Gläschen Pastis

Von Michael Eder
18.10.2021
, 11:25
Ein anspruchsvoller, doch zugleich sehr unprätentiöser Sport: Boule
Kennen Sie den Boulisten Monsieur Brulat? Nein? Das ist nicht überraschend. Ist Boule überhaupt ein Sport? Ja, ein anspruchsvoller und wunderbar unprätentiöser. Und man braucht nicht viel. Eine Glosse.
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Kennen Sie Monsieur Brulat? Nein? Überrascht mich nicht. Ich kannte ihn auch nicht, nicht mal seinen Namen, bis ich vergangene Woche in einem Dorf in der Provence ein kleines Plakat sah mit der Aufschrift: „Entente Bouliste Pernoise Organise Le Souvenir Germain Brulat Pétanque“. Darunter ein Foto von Monsieur Brulat, dem verstorbenen heimischen Boulisten. Avisiert war demnach ein Boule- oder Pétanque-Turnier (was dasselbe ist), dotiert mit 700 Euro.

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So etwas macht neugierig, zumindest mich. Der Zufall wollte es, dass ich am folgenden Tag im Nachbardorf ein paar Boule-Spieler sah, die einen recht professionellen Eindruck machten. Wie sich herausstellte, handelte es sich nicht um lokale Kugelgrößen, sondern um urlaubsmäßig zugereiste Deutsche, die neben dem täglichen Training gern in die Dörfer der Umgebung fuhren, um an Turnieren teilzunehmen.

Wir gerieten ins Gespräch, und ich bekam eine kleine Einführung in ihren Sport. In Frankreich, erzählten sie, fänden jedes Jahr mehr als 27.000 offizielle Boule-Wettbewerbe mit mehr als zweieinhalb Millionen Spielern statt.

Man benötigt nicht viel

Ist das überhaupt ein Sport, mögen Sie nun fragen. Ja, natürlich. Einer, der 1900 schon mal olympisch war und vieles verlangt von dem, der ihn perfektionieren will. Gefühl, Präzision, Technik, Taktik. Ich lernte: Man spielt allein oder in Zweier- oder Dreierteams, und es gibt echte Spezialisten: den Pointeur (die Sprache des Spiels ist Französisch) etwa, der die erste Kugel möglichst nahe an die Zielkugel wirft, oder den Tireur, der versucht, sie wegzuschießen.

Trifft er sie in einem Winkel von 45 Grad mit Rückeffet, so liegt seine Kugel dann exakt an der Stelle, wo zuvor die gegnerische lag, man nennt das ein carreau sur place – nur etwas für die Meister des Spiels. Boule, lernte ich bald, ist anspruchsvoll und – bei aller Brillanz seiner besten Spieler – wunderbar unprätentiös. Man braucht nicht viel: drei Kugeln, ein Metermaß für knappe Entscheidungen, ein Tuch, um die Kugeln zu säubern, ein Gläschen Pastis vielleicht hin und wieder.

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Man kann in Sportschuhen spielen, in Wanderstiefeln, in Badelatschen. Spielbahnen? Gibt es überall. Zur Not tut es ein sandiger Parkplatz, eben und hart. Frau und Mann können miteinander spielen, Jung mit Alt, groß mit klein, behindert mit nicht behindert, jeder mit jedem. Boule ist kommunikativ, integrativ, angenehm. Nach einem Tag mit den Boulisten denke ich, jetzt müsste ich mir auch mal dringend die Kugel geben.

Im Keller daheim müssten irgendwo noch welche liegen. Monsieur Brulat übrigens ist mit 84 Jahren von den Seinen gegangen und hat drei Kugeln mit ins Grab genommen, was Sinn ergibt, denn wenn Gott tatsächlich ein Faible für Frankreich hat, wie gern behauptet, wird er sie im Himmel brauchen.

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Quelle: F.A.S.
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