Ärger im Frauen-Eishockey

Aufbruch auf dünnem Eis

Von Bernd Schwickerath
13.05.2020
, 15:19
Die einzige Profiliga im Frauen-Eishockey expandiert nach Kanada. Doch es fehlen Geld, Sponsoren, Fans, große Hallen. Und vor allem fehlen die besten Spielerinnen. Sie boykottieren.

Wenn es um Eishockey geht, sind die Menschen im kanadischen Toronto immer besonders aufgeregt. Da schaltet sich auch mal der Bürgermeister ein. Unlängst nutzte John Tory die Neuigkeiten aus der National Women’s Hockey League (NWHL), um in trüben Corona-Zeiten ein wenig Aufbruchstimmung zu verbreiten: „Unsere Stadt hat eine reiche Historie mit professionellem Frauen-Eishockey, und wir freuen uns, das nächste Kapitel mit der NWHL zu beginnen“, sagte Tory, nachdem die NWHL zuvor Historisches verkündet hatte: Zum ersten Mal wird die weltweit einzige Profiliga für Frauen-Eishockey ein Team von außerhalb der Vereinigten Staaten aufnehmen. Ein „entscheidender und stolzer Moment“ sei das, sagte NWHL-Chefin Dani Rylan. Deren Liga verkündete kürzlich, gerade ihre wirtschaftlich beste Saison erlebt zu haben. Die Erweiterung nach Kanada soll der nächste Schritt in eine goldene Zukunft werden.

Die ist allerdings noch weit entfernt. Es fehlen Geld, Sponsoren, Medienaufmerksamkeit, Fans, große Hallen. Und vor allem: Es fehlen die besten Spielerinnen. Die boykottieren die NWHL und halten lieber Trainingslager und Showspiele ab. Das werden sie weiter tun. Toronto hin oder her. Lediglich eine Handvoll beendete nun den Boykott und unterschrieb bei einem der sechs Teams der Liga. Der Großteil der Weltmeisterinnen und Olympiasiegerinnen aus den Vereinigten Staaten und Kanada bleibt der NWHL auch weiter fern.

Seit knapp einem Jahr streiten die Liga und die Stars der Szene. Bis dahin hatte es zwei große Ligen gegeben, in Kanada die 2007 gegründete CWHL, südlich der Grenze die NWHL, die 2015 an den Start ging. Die amerikanische Liga war die erste Frauen-Eishockeyliga, die Grundgehälter zahlt. Zwischen 10.000 und 26.000 Dollar sollten die Spielerinnen pro Saison verdienen. Doch schon im zweiten Jahr wurden die Gehälter halbiert. Schnell war klar, dass zwei Ligen nebeneinander nicht funktionieren. Sie müssten sich vereinen, hieß es. Zu einer Superliga nach Vorbild der milliardenschweren Männer-Eishockeyliga NHL, nur halt für Frauen. Im März 2019 schien der Weg frei zu sein, da gab die kanadische CWHL, die mittlerweile ebenfalls Grundgehälter zahlte, auf. Prompt kündigte die NWHL an, Teams und Spielerinnen aus Kanada aufnehmen zu wollen.

Doch die Spielerinnen hatten genug von immer neuen Ligen, die ihnen viel versprachen, obwohl sie dann doch nebenher normalen Jobs nachgehen mussten. „Wir können unter den derzeitigen Zuständen im Profibereich kein vernünftiges Leben führen. (…) Wir werden nächste Saison in keiner nordamerikanischen Liga spielen“, sagte im Mai vergangenen Jahres die amerikanische Eishockey-Nationalspielerin Hilary Knight. Ihr schlossen sich knapp 175 Spielerinnen an und gründeten die Gewerkschaft, die Professional Women’s Hockey Players Association (PWHPA). Die organisiert seitdem Trainingslager, veranstaltet Showspiele in ausverkauften Hallen oder spielt beim Allstar Game der NHL vor. Wenn die besten Spielerinnen lieber auf den gewerkschaftlichen Veranstaltungen statt in der Liga spielen, hat die NWHL das Nachsehen. Folglich sei die nichts weiter als eine „glorified beer league“, lästerte Hilary Knight, eine „verherrlichte Hobby-Liga“.

Andrea Lanzl sieht das ähnlich. Derzeit sei die NWHL nichts, „wo sich eine Nationalspielerin hinziehen lassen würde“. Womit die Zweiunddreißigjährige, die für den ERC Ingolstadt spielt, auch sich selbst meint. Im Februar machte Lanzl ihr 322. Länderspiel, überholte Udo Kießling und wurde Deutschlands Rekord-Eishockey-Nationalspielerin. Sie war an zwölf Weltmeisterschaften und zwei Olympia-Turniere dabei. Doch Geld verdient sie mit dem Eishockeyspielen nicht. Das nagt an ihr. „Ich habe mich die Tage beim Trainieren wieder gefragt: Was mache ich hier eigentlich? Es ist demotivierend.“

Nicht mal die großen Eishockey-Nationen bieten ambitionierten Spielerinnen echte Alternativen. Den Traum vom Ausland hatte Lanzl trotzdem, war mal mit einem Team aus Calgary in Kontakt, das sich dann aber auflöste. Also ging sie später nach Schweden, in eine Amateurliga. „Als junges Mädel kann man zumindest aufs College gehen“, sagt Lanzl. „Aber danach? Man kann sich das Profileben nicht leisten.“ Deswegen kämen die meisten zurück nach Deutschland, wo sie mehr verdienen als in der NWHL. Zumindest wenn sie in der Bundeswehr sind.

Mehr als ein Dutzend Nationalspielerinnen sind Sportsoldatinnen, so auch Lanzl. Vom Eishockey direkt erhalten sie kein Einkommen, in der Bundesliga müssen manche Spielerinnen gar Mitgliedsbeiträge und Teile der Ausrüstung bezahlen. Obwohl wie im Fußball Klubs aus dem Männerbereich eingestiegen sind: Ingolstadt, Berlin, Köln, Düsseldorf, das seine Frauen diese Saison allerdings wieder zurückzog. Trotzdem sei das der richtige Weg, sagt Lanzl – und wünscht sich dieses Modell auch für Nordamerika. „Im Basketball klappt es ja auch. Die NBA hat mit der WNBA gezeigt, dass eine Frauenliga funktionieren kann.“

Damit steht Lanzl nicht allein. Verschiedene Gewerkschafterinnen in Nordamerika wollen eine Liga unter dem Dach der NHL. Dann könnten sie die dortige Infrastruktur nutzen, müssten bei Sponsoren, Medien und Fans nicht bei null anfangen. Doch bis auf die Einladung zum Allstar Game und einige regionale Kooperationen hält sich die NHL bedeckt. Sie wolle keine bestehende Liga vom Markt drängen, sagt sie. Manche Beobachter glauben, die Topspielerinnen boykottierten die NWHL nicht zuletzt deshalb, um sie zur Aufgabe zu bewegen.

Zwar gab die NWHL im September bekannt, dass sie nun wieder Gehälter bis 19.000 Dollar zahlt. Und durch die Erweiterung nach Toronto könnten sie weiter steigen. Das reicht der Gewerkschaft aber nicht. „Die Möglichkeiten, die die NWHL bietet, mögen für einige Spielerinnen gut sein, aber es sind nicht die Möglichkeiten, die wir unseren Spielerinnen oder künftigen Generationen junger Mädchen wünschen, die das Spiel auf höchstem Niveau spielen werden“, ließ die PWHPA jüngst wissen. So steckt das Frauen-Eishockey im Dilemma: Die NWHL ist zu schwach, um Topspielerinnen Topbedingungen zu bieten. Aber zu stark, um den Einstieg der NHL zu ermöglichen. Andrea Lanzl glaubt trotzdem, dass es irgendwann eine funktionierende Profiliga geben wird: „Die aktuellen Spielerinnen werden das nicht mehr erleben, aber vielleicht die folgende Generation.“

Quelle: F.A.Z.
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