Schwimmerin Angela Maurer

Mit allen Wassern gewaschen

Von Achim Dreis, Wiesbaden
26.05.2019
, 10:29
Angela Maurer in ihrem Element: Wasser in allen Varianten.
Sie traf im Wettkampf schon auf kleine Haie, Krokodile und Feuerquallen. Freiwasserschwimmerin Angela Maurer schwimmt unerschrocken immer weiter. Mit 43 Jahren will sie noch mal zur WM.
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Die Zehenspitzen dienen ihr als Thermometer: „Wenn ich den Fuß ins Wasser halte, kann ich bis auf ein halbes Grad abschätzen, wie kalt oder warm es ist“, sagt Angela Maurer: „Das spüre ich sofort.“ 24,25 Grad Celsius empfindet sie als ideal. Weniger als 16 Grad dürfen es laut Reglement nicht sein, mehr als 31 schon gar nicht. Alles dazwischen nimmt sie, wie es kommt.

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Wasser ist ihr Element, fast schon ihr Lebensraum. Im Laufe ihres Sportlerlebens ist die 43 Jahre alte Wiesbadenerin einmal um den Erdball geschwommen. Im übertragenen Sinne. Angela Maurer ist Freiwasserschwimmerin, eine der besten der Welt, noch immer. Sie war 2006 schon Weltmeisterin, 2009 noch einmal. Insgesamt gewann sie zwölf WM-Medaillen seit dem Jahr 2000. Bei den olympischen Spielen 2008 und 2012 belegte sie die Plätze vier und fünf. Und sie schwimmt weiterhin, auch als Mutter eines Sohnes. Gut dreitausend Kilometer krault sie pro Jahr. Für sie beginnen Wettkämpfe erst dann interessant zu werden, wenn andere längst müde sind. Fünf Kilometer, zehn Kilometer, gar 25 Kilometer sind die Distanzen, auf denen sie sich austobt.

An diesem Sonntag stürzt sich die Ausdauerathletin, die von ihrem Ehemann trainiert wird und für den SSV Undine Mainz startet, mal wieder in so einen Extremwettbewerb. Im „Lac du Causse“ wird geschwommen, einem Stausee im Südwesten Frankreichs, der als nationales Wassersportzentrum gilt. Nicht einmal, nicht zweimal, sondern zehnmal müssen Angela Maurer und ihre Konkurrentinnen jeweils zweieinhalb Kilometer lange Runden durch den See ziehen. „Gut fünfeinhalb Stunden“, so schätzt sie, wird sie beschäftigt sein. Ziel ist die Qualifikation zur Weltmeisterschaft Mitte Juli in Gwangju, Südkorea. Dort wird im „Yeosu Expo Ocean Park“ geschwommen. „Su“ bedeutet Wasser, „Yeo“ meint wunderschön. Es ist ein künstlicher See in einer künstlichen Umgebung. Angela Maurer würde ihn gerne kennenlernen.

Ihr größter Erfolg: Weltmeisterin 2009 über 25 Kilometer.
Ihr größter Erfolg: Weltmeisterin 2009 über 25 Kilometer. Bild: AP

Während eines Wettkampfs nimmt sie alle zwanzig Minuten Nahrung auf. Ansonsten versucht sie, mentale und körperliche Energie zu sparen, schwimmt im Pulk mit, hängt sich auch schon mal in den Sog anderer, jüngerer. „Bis Kilometer 15 ist es eher ruhig“, weiß sie. Bei der WM-Qualifikation wird mit einem eher kleinen Teilnehmerfeld zu rechnen sein. Das ist angenehmer, da hat jede genug Platz, kann ihren Rhythmus schwimmen. Etwa 15 Frauen sind am Start, noch mal so viele Männer, die später starten und die Frauen irgendwann einholen, überholen, auch mitziehen. Angela Maurer lässt unterwegs ihre Gedanken treiben, denkt „an alles, mein Leben, meinen Sohn, meinen Beruf.“ Erst zum Schluss geht es zur Sache, wenn um die Plätze gekämpft wird. Dann müssen die Schwimmerinnen schon mal Tritte einstecken, aber auch Ellenbogen einsetzen.

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Im Lac du Causse im Département Corrèze muss sie zweitbeste Deutsche werden und in einem bestimmten Zeitlimit bleiben, dann darf sie im Sommer zum Schwimmen nach Südkorea fliegen. Maurer hofft auf kühlere Temperaturen, unter 20 Grad Wassertemperatur, dann sind Neopren-Anzüge erlaubt, unter 18 sind sie sogar vorgeschrieben. „Neopren liegt mir“, sagt sie, obwohl es sich nicht als Kaltwasserspezialistin bezeichnet, und obwohl es auch anstrengend ist für Schulter und Arme, mit dem relativ schweren Anzug zu schwimmen. „Aber besser als frieren.“

Seit 1996 nimmt Angela Maurer an „Open Water“-Wettbewerben teil. In der kleinen Szene der Freiwasserschwimmer ist sie eine Institution. „Wir kennen uns alle“, sagt sie. „Und ich bin die Älteste.“ Manche ihrer Mitschwimmerinnen „könnten meine Kinder sein.“ Was ihr allerdings keinen Stress bereitet. Abgesichert ist sie durch die Spitzensportförderung des Landes Rheinland-Pfalz, dem sie als Polizeikommissarin dient, wofür sie dankbar ist, denn „leben kann ich von meinem Sport nicht.“ Angst vor der Zukunft hat sie aber ebenso wenig wie vor der Dunkelheit in der Tiefe des Wassers unter sich. Oder der Gefahr zu ertrinken. Gleichwohl sagt sie: „Ich habe Respekt vor dem Lebensraum Wasser.“

Jubel nach den Strapazen: 2015 gewann sie ihre zwölfte und bislang letzte WM-Medaille
Jubel nach den Strapazen: 2015 gewann sie ihre zwölfte und bislang letzte WM-Medaille Bild: dpa

Am liebsten schwimmt sie im offenen Meer, allein schon wegen des Auftriebs. Aber auch wegen der schwierigen Bedingungen. „Ich kann gut in den Wellen“, sagt sie. Bewegtes Wasser bringt ihr Vorteile gegenüber den traditionellen Beckenschimmern, die in stillen Wassern besser zurecht kommen. Angela Maurer mag es gerne „in Bewegung.“ Gleichwohl ist es ihr auch schon passiert, dass sie bei zu starkem Wellengang „leicht seekrank“ wurde, und sich sogar übergeben musste.

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Am liebsten denkt sie an Wettkämpfe vor Mexiko oder in der Karibik zurück, Badewannen-Temperaturen, türkisfarbenes Wasser, Sandstrände – Urlaubsatmosphäre. Aber auch im indischen Ozean fühlte sie sich geborgen: „Der Weltcup vor den Seychellen war immer ein total tolles Rennen.“

Als landschaftlich besonders reizvoll sind ihr auch die Rennen in den großen Seen von Kanada in Erinnerung, in einer ganz anderen, waldreichen Welt, scheinbar außerhalb der Zivilisation: Im Lake St. Jean oder dem Lake St. Megantic war das Wasser zwar stets atemberaubend kalt, aber auch die Umgebung atemberaubend schön.

Das Gegenteil empfand sie für die „Dreckbrühen“ in den Flüssen Südamerikas. „Als Europäerin wurde ich da immer magenkrank“, erinnert sie sich an das etwas andere Verständnis von Hygiene und Gewässerpflege in Argentinien, zumal bei 40 Grad Luft- und 30 Grad Wassertemperatur. Zudem sind bei Fluss-Wettbewerben die Strömungsverhältnisse oft kompliziert, Strudel manchmal nicht erkennbar. Wer die falsche Seite im Wettkampf wählt, „kann viel falsch machen“ und entsprechend Zeit verlieren.

Angela Maurer ist mit allen Wassern gewaschen, sie kann Geschichten erzählen über die Bedingungen auf den sieben Weltmeeren, den Seen, Flüssen und Hafenbecken. Einmal trieb ihr eine tote Kuh entgegen. Zum Glück aber noch keine menschliche Wasserleiche. Sie musste schon mit Feuerquallen kämpfen, ist Krokodilen begegnet und hat kleine Haie gesehen. Doch in ihrer Erinnerung sind vor allem die bunten Fische in allen Farben geblieben. Und besondere Mitschwimmer in der Karibik: „Da haben wir Delphine gesehen.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
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