Judo-Weltmeister mit Corona

Bei null angekommen

Von Achim Dreis
13.01.2021
, 09:49
Der ehemalige Judo-Weltmeister Alexander Wieczerzak hat eine Corona-Infektion hinter sich und noch einen weiten Weg vor sich. Seine Leistungswerte sind dramatisch gefallen.

„Nicht mal 200 Watt habe ich geschafft“, sagt Judoka Alexander Wieczerzak und nennt das Resultat: „superpeinlich“. Athleten sind oft hart zu sich selbst, gerade bei der Beurteilung ihrer sportlichen Leistung. Da macht der Judo-Weltmeister von 2017 selbst bei einem Belastungs-EKG auf dem Fahrrad keine Ausnahme. „Normalerweise schaffe ich 300 bis 350.“ Doch was ist schon normal in diesen Zeiten. Alexander Wieczerzak kommt gerade aus der Corona-Quarantäne – seiner zweiten schon in dieser Saison und diesmal unter verschärften Bedingungen, denn das Virus hatte auch ihn erwischt.

Wissen war nie wertvoller

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

„Ich habe noch nie so lange nichts gemacht“, sagt er im Rückblick auf eine „echt harte Zeit“, die nun endlich hinter ihm zu liegen scheint. Erst hatte er sich einem Test unterziehen müssen, nachdem sich ein Kämpfer aus seiner Kölner Trainingsgruppe mit Corona infiziert hatte. Das kannte er schon aus dem November, damals verpasste er die EM in Prag, weil er als Kontaktperson eines Infizierten galt und nicht mitkämpfen durfte, obwohl er negativ getestet wurde. Doch diesmal war auch sein Ergebnis „positiv“, gleichwohl fühlte sich der 29-Jährige in diesem Moment noch gesund. „Erst drei Tage nachdem ich es wusste, wurde ich krank.“

Zwischenzeitlich hatte er sich ein Polster angefuttert, „Essen reingewürgt“, wie er sagte, denn er ahnte, was kommen sollte: Drei, vier Tage konnte er nur im Bett liegen, verschlief fast die komplette Zeit. Dann ging es besser, und „ich hatte mich schon gefreut“. Doch zu früh. Die Kopfschmerzen kamen zurück und die bleierne Müdigkeit. „Ich hatte zwei Schübe“, erkannte der Judoka im Rückblick und war froh darüber, vorher Substanz zugelegt zu haben. „Gewicht machen“ sind Zweikampfsportler wie er gewohnt. „Aber nicht so“, sagt Wieczerzak. Üblicherweise muss der Wiesbadener etwa fünf Kilo abkochen, um in der 81-Kilo-Klasse antreten zu können.

Die mental schlimmste Phase sollte erst noch kommen: weitere zehn Tage häusliche Quarantäne unter Vermeidung jeglicher Belastung. Ein Albtraum für ein Bewegungstier wie Wieczerzak. Spazieren gehen als Hauptbeschäftigung – eine Bewegungsform, die er vielleicht in zwanzig Jahren für sich vorgesehen hatte. Immerhin habe er was für die Uni gemacht, als „vorbildlicher Student“, wie er sich selbst belächelt. Die Zahl seiner Semester zählt der BWL-Student lieber nicht so genau. Akribisch bereitete er dagegen seinen Trainingsplan für die kommenden sechs Wochen aus. Er kann es kaum erwarten, wieder auf die Matte zu kommen: „Das wird geil sein, ich freu mich drauf.“

Einstweilen musste er sich noch mit Ferndiagnosen begnügen. Das Masters in Doha zu Beginn dieser Woche, bei dem er eigentlich mitkämpfen und seine Aufholjagd in der Olympiaqualifikation beginnen wollte, betrachtet er nun mit den Augen des Lernenden. „Man kann sich auch mal von den großen Leuten was abgucken“, zitiert er einen Grundsatz von Ole Bischof. Sein Vorgänger als führender Mann in der 81-Kilo-Klasse wurde 2008 Olympiasieger und unterstützte Wieczerzak „wie ein Bruder“.

Die Hoffnung, es doch noch zu den Spielen nach Tokio zu schaffen, hat der einstige Weltmeister Wieczerzak nicht aufgegeben. „Sonst würde ich das alles nicht machen.“ Zu den ursprünglich im Vorjahr angesetzten Spielen wäre er nicht qualifiziert gewesen, obwohl er es laut seiner Stellung in der Weltrangliste verdient hätte. Doch pro Nation und Gewichtsklasse ist nur ein Kämpfer teilnahmeberechtigt, und sein nationaler Konkurrent Dominic Ressel war besser plaziert – wurde deshalb nominiert. Für Tokio 2021 geht der 2020 Unterlegene freilich davon aus, dass im Sommer „der aktuell Bessere“ kämpfen sollte. Nicht der, der anderthalb Jahre zuvor benannt wurde. Und deshalb will er seine Chancen noch einmal ergreifen, und seien sie auch noch so gering: „Es kommen noch EM, WM, weitere Turniere“, sagt er, „und man weiß ja, wie schnell das im Sport manchmal geht.“

Seinen Ehrgeiz muss er indes noch zügeln, behutsam aufbauen, zunächst Cardioprogramm absolvieren, dann Zirkeltraining, schließlich Judo-Übungen. „Ich muss bei null anfangen“, sagt er, nachdem ihm der Belastungstest auf dem Rad zu denken gegeben hatte. „Genug Luft habe ich bekommen, aber die Muskeln haben es nicht geschafft.“ Anvisierter Stichtag für die erste große Bewährungsprobe soll nun ein Grand Slam Ende Februar in Israel sein. Zuversichtlich blickt er auf seinen Halbjahresplan: „Ich hab mir neue Laufschuhe gekauft und geh jetzt gleich joggen. Mindestens eine Stunde!“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Dreis, Achim
Achim Dreis
Sportredakteur.
FacebookTwitter
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot