Ski-Legende Mittermaier

Durch die „Rosi-rote“ Brille

Von Rolf Heggen
Aktualisiert am 05.08.2020
 - 07:13
Glückliche Gewinnerin: Rosi Mittermaier präsentiert sich lächelnd mit ihren Goldmedaillen in Abfahrt und Slalom.
Die Siege bei Olympia 1976 machten Rosi Mittermaier bekannt. Sie ist ein begnadetes Naturtalent nicht nur auf Skiern. In diesem Ausmaß vermutlich einzigartig in der Welt des Sports. Nun feiert sie einen runden Geburtstag.

Die kleine Person war zwischen dem halben Dutzend Journalisten an diesem Abend des 8. Februar 1976 in der Diskothek des Olympischen Dorfes von Innsbruck kaum zu sehen. Aber alle Journalisten hingen an den ungeschminkten Lippen von Rosi, wie alle sie nur nannten. Die Antworten der 25 Jahre alten, 1,60 Meter großen Skirennläuferin waren zwar nahezu ebenso belanglos wie unzählige immer wieder gestellte Fragen, aber ihre fröhliche, ungekünstelte Art wirkte ebenso faszinierend wie ihre Fahrt zum Gewinn des olympischen Abfahrtslaufs einige Stunden zuvor. Später wurde getanzt. „Schön, dass sie mich für ein paar Minuten da rausgeholt haben“, sagte sie vergnügt zu ihrem Tänzer. „Den ganzen Trubel mag ich nämlich gar nicht.“

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Drei Tage später wurde der Trubel noch gewaltiger: zweite Goldmedaille, diesmal im Slalom. Und zwei weitere olympische Tage später kam eine Silbermedaille im Riesenslalom hinzu. Die Begeisterung war groß. „Rosi, Rosi“ wurde zum Schlachtruf deutscher Olympiabesucher in Innsbruck, auch wenn „Rosi“ gar nicht präsent war und es um ganz andere Sportarten ging. Die olympische Welt wurde durch die „Rosi-rote“ Brille gesehen. Es war ein alpines Wintermärchen der Siebzigerjahre. Zigmillionen Menschen waren stolzer auf „Rosi“ als sie selbst oder ihre bodenständige Familie.

Für den Postboten, der in 1150 Meter Höhe Karten, Briefe, Telegramme, Päckchen und Pakete zum Berggasthof ihrer Eltern auf der Winklmoos-Alm zustellen musste, auch wenn sie ohne Adresse einfach an „Rosi“ geschickt wurden, brachen beschwerliche Zeiten an. Rund vierzigtausend Sendungen sollen es gewesen sein. Zudem zog die Winklmoos-Alm, wo Rosi mit ihren ebenfalls bei Skirennen erfolgreichen Schwestern Heidi und Evi aufgewachsen war, zahlreiche Fans an. Es schien, als hätte eine ganze Nation auf solch eine Bergfee gewartet.

Bescheidenheit, Zurückhaltung, Gelassenheit

„Die fünf Tage von Innsbruck 1976 haben mein Leben verändert, aber nicht meine Persönlichkeit“. betont Rosi Mittermaier-Neureuther, wie sie seit vierzig Jahren heißt, immer wieder. Und das wird ihr ebenso oft bestätigt. Vom erstem Olympiasieg an jenem 8. Februar 1976 bis zu ihrem 70. Geburtstag an diesem Mittwoch. Sie war, sie ist ein Muster an Bescheidenheit, Zurückhaltung, Gelassenheit, Natürlichkeit, Bodenständigkeit, Empathie, Hilfsbereitschaft, Höflichkeit, Heiterkeit, Charme – ein begnadetes Naturtalent nicht nur auf Skiern. In diesem Ausmaß vermutlich einzigartig in der Welt des Sports.

Und daran änderte sich auch nichts, als sie nur wenige Monate nach ihrer Olympia-Trilogie ein Zwei-Millionen-Angebot der internationalen Sport-Agentur McCormack annahm und damit aus dem seinerzeit argwöhnisch überwachten Amateursport ausscheiden musste. Auch danach blieb sie – trotz aller Werbung, PR, Filme, Bücher, Interviews – die beliebte „Gold-Rosi“. Jemand wie sie, so scheint es, kann gar nichts falsch machen.

Erfolgsgeschichte eines bayerischen Vorzeigepaars

Das setzte sich auch in ihrem Privatleben fort. Ihre Heirat vor vierzig Jahren mit ihrem Jugendfreund Christian Neureuther, ebenfalls Weltklasse im Slalom, aber bei Olympia ohne jede Fortune, begründete die Erfolgsgeschichte eines bayerischen Vorzeigepaars, das mit seinen gemeinsamen Auftritten in Fernsehshows, gemeinsamen PR-Aktionen, gemeinsamen Büchern im Gespräch blieb und nie einen Deut an Sympathiewerten einbüßte.

Im Gegenteil. Dieser familiäre Traum in einem sehr schönen Haus am Hang in Garmisch-Partenkirchen setzt sich fort über ihre gemeinsamen Kinder Ameli, eine erfolgreiche Modedesignerin, und Felix, ebenfalls Weltklasse im Slalom, aber wie sein Vater ohne olympisches Glück. Und der alpinen Familiensaga Mittermaier-Neureuther könnte über die Enkel ein weiteres Kapitel hinzugefügt werden. Sie haben in ihren Skikursen schon die ersten Medaillen gewonnen.

Natürlich haben sich bei Rosi Mittermaier-Neureuther in ihren 44 nacholympischen Jahren die Ehrungen und Auszeichnungen gehäuft. Da fehlt so gut wie nichts. Und natürlich fehlt es auch nicht an sozialem Engagement, speziell für kranke Kinder. Und es fehlt auch nicht an kritischen Anmerkungen zu den weltweiten Entwicklungen im olympischen Sport. Sie hält dem Internationalen Olympischen Komitee (IOC) unter anderem einen völlig verfehlten Umgang mit dem russischen Doping-Betrug bei den Winterspielen 2014 in Sotschi vor und bemängelt die Ausuferung der Wettbewerbe speziell auch im alpinen Skisport. Weniger wäre mehr, meint sie. Aber sie sagt auch dies zurückhaltend, höflich, freundlich. Sie kann nicht anders.

Quelle: F.A.Z.
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