Carapaz gegen Hindley

Duell der Pragmatiker beim Giro d'Italia

Von Tom Mustroph, Salo
24.05.2022
, 10:13
Führungsduo beim Giro: Richard Carapaz (links) und Jai Hindley
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Richard Carapaz und Jai Hindley kämpfen um die Trophäe der Italien-Rundfahrt – ein Duell zweier Männer, denen die ganz große Karriere nicht in die Wiege gelegt wurde.
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Es ist der packendste Zweikampf bei diesem Giro bisher. Zwei Mal schon wähnte sich Richard Carapaz als König der Rundfahrt. Bei der Bergetappe nach Blockhaus enteilte er gemeinsam mit Romain Bardet und Mikel Landa der Favoritengruppe. Das Trio der Oldies trödelte dann aber herum und ermöglichte einer kleinen Gruppe um Jai Hindley noch den Anschluss. Hindley gewann den Sprint um den Tagessieg.

Eine Woche später wiederholte der Australier das Kunststück. Da ging es zwar nur um Etappenplatz zwei hinter Solosieger Simon Yates. Aber abermals war Hindley im Kampf Mann gegen Mann besser als Carapaz. Zuvor hatte er mit einer beeindruckenden Energieleistung den Ausreißer im Ineos-Dress noch gestellt.

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Den Bora-Profi stimmt dies hoffnungsfroh für die letzte Giro-Woche. „Wir haben noch viel vor. Wir sind nicht zum Spielen hergekommen“, sagte er auf seine lakonische Art. Carapaz hat ihn bereits fürchten gelernt – und versucht vorzubauen. Er beteiligte sich an Zwischensprints um Bonussekunden. „Man muss jede Gelegenheit, die sich bietet, nutzen“, sagte Carapaz.

Das könnte man auch zum Lebensmotto des Kletterers aus den ecuadorianischen Anden erklären. Denn Radsport ist in seiner Heimat nicht so verbreitet wie im Nachbarland Kolumbien. Dorthin ging er, um sich weiterzuentwickeln, musste sich aber gegen die zahlreichen einheimischen Talente durchsetzen, und auch gegen deren sportliche Leiter. Die Karrieren der Betreuer hängen extrem von der Entwicklung der Betreuten ab, regionale Verbundenheit wiegt schwer.

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In Europa beim Team Movistar spielte Carapaz lange die zweite, dritte oder gar vierte Geige hinter Männern wie Nairo Quintana, Alejandro Valverde und Mikel Landa. Dennoch gewann er den Giro 2019 als Außenseiter, überraschte die sich belauernden Favoriten Primoz Roglic und Vincenzo Nibali.

Warten, Zocken und Attackieren

Danach verpflichtete ihn das Team Ineos, ebenfalls eher als Ersatzkapitän und Ergänzung der Rundfahrtsieger-Phalanx um Geraint Thomas und Egan Bernal. Den Job machte er ohne Murren. Seinen größten Sieg in dieser Zeit errang er aber nicht in den Farben von Ineos, sondern für sein Heimatland Ecuador. Er wurde in Tokio Olympiasieger.

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Beim Giro ist Carapaz das erste Mal unumstrittener Ineos-Kapitän. Automatisch zu einem Rundfahrtsieg führt ihn das aber nicht. Sein Team ist dünner besetzt als bei Grand Tours gewohnt. Und mit Hindley fordert ihn jemand heraus, dem auch nicht jeden Tag alleinige Kapitänsrollen zufallen. Bora nahm ihn als Teil einer Dreierspitze mit, neben Emanuel Buchmann und Wilco Kelderman. Beim Giro 2020, als ihm mit Platz zwei der Durchbruch gelang, war er noch nicht einmal Ko-Kapitän, sondern geschützter Fahrer, im Schatten des damaligen Kapitäns Wilco Kelderman.

© Eurosport

Aus diesem Schatten trat er durch Leistung heraus. Ausgebildet wurde er im Nachwuchsleistungszentrum Australiens. „Wir waren viele starke Jungs damals, eine Fülle von Talenten, und viele haben es auch in den Profibereich geschafft“, erinnert sich Hindley.

Er selbst galt damals nicht unbedingt als der Stärkste von allen. Die gleichaltrigen Lucas Hamilton (heute Team BikeExchange) und Ben O’Connor (heute AG2R) sowie der ein Jahr jüngere Michael Storer (heute Groupama FDJ) erhielten eine Saison vor Hindley ihre ersten Profiverträge. Inzwischen hat der Nachzügler die einstigen Trainingskollegen aber übertroffen. Dieser Giro ist seine ganz große Chance.

Wie man Etappensiege holt, weiß er schon. Wie man aufs Podium gelangt, ist ihm seit zwei Jahren bekannt. Was fehlt, um den Giro zu gewinnen? „Man muss einfach die besten Beine haben“, sagt Hindley feixend. Der Spruch könnte auch von Carapaz stammen. Zwei Radsport-Pragmatiker treffen aufeinander. Zwei Pragmatiker, die über hohe Rennintelligenz verfügen und gut zwischen Warten, Zocken und Attackieren dosieren können.

Quelle: F.A.Z.
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