Golf-Star Spieth vor Masters

Der fast Vergessene ist wieder da

Von Wolfgang Scheffler
08.04.2021
, 13:19
Jordan Spieth kam früh bei den ganz Großen des Golfsports an. Dann folgte die längste Durststrecke seiner glanzvollen Karriere. Nun ist der tiefe Fall vorbei – pünktlich zum Masters.

Jordan Spieth ist 27 Jahre alt – und doch hat der Texaner aus Dallas schon alles erlebt, was Golf so unberechenbar macht, ein Spiel, das selbst den Meistern immer wieder Rätsel aufgibt. Vor fünf Jahren gewann Spieth als zweitjüngster Spieler nach Tiger Woods das Masters, der Beginn eines kometenhaften Aufstiegs zum Besten der Welt, auch das als zweitjüngster nach Woods.

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Spieth triumphierte 2015 zwei Monate später auch noch bei der US Open, verfehlte um einen Schlag das Stechen um den Sieg bei der British Open und belegte bei der PGA Championship den zweiten Platz. Als er 2017 auch auf dem Platz von Royal Birkdale in England beim ältesten der vier Majors siegte, war er endgültig im Kreis der ganz Großen des Golfsports angekommen. Doch nach diesen Höhepunkten folgten exakt 1351 Tage und 83 Turniere, in denen Spieth vergeblich einem weiteren Erfolg hinterherjagte – die längste Durststrecke seiner glanzvollen Karriere, die ihn Ende 2020 auf Rang 92 der Weltrangliste abrutschen ließ.

Der tiefe Fall endete am vergangenen Sonntag bei der Valero Texas Open in San Antonio. Spieth gelang der zwölfte Sieg auf der PGA Tour. Damit rückte er auf Rang 38 der Weltrangliste vor. Aber noch beeindruckender: Mit dem Erfolg wird er wieder in einem erlesenen Kreis aufgenommen: Nur Phil Mickelson, Tiger Woods, Rory McIlroy und Justin Thomas gelangen vor ihrem 28. Geburtstag in den vergangenen vierzig Jahren so viele Siege auf der lukrativsten Turnierserie der Welt.

„Schläge wie eine Rakete“

An diesem Donnerstag beginnt in Augusta im Bundesstaat Georgia das 85. Masters – und auf einmal zählt der fast schon Vergessene wieder zum engsten Favoritenkreis. Die Buchmacher in Las Vegas führen ihn hinter dem amerikanischen Weltranglistenersten und Titelverteidiger Dustin Johnson (Quote 10:1), gemeinsam mit seinen Landsleuten Justin Thomas und Bryson DeChambeau (11:1) auf dem zweiten Platz.

Aber eigentlich ist es kein Wunder, dass ein Spieth in Bestform zu den allerersten Anwärtern für das grüne Siegerjackett zählt, zumal er schon vor seinem glanzvollen Auftritt in San Antonio die Rückkehr zu alter Klasse angekündigt hatte. Bei der Phoenix Open im Februar egalisierte er am dritten Tag mit 61 Schlägen sein bestes Ergebnis auf der PGA Tour. Zwar konnte er wie auch danach in Pebble Beach die Führung nach 54 Löchern nicht in einen Sieg ummünzen, aber beim dritten Versuch klappte es dann in San Antonio.

Spieth zeigte auf einmal wieder all die Qualitäten, die ihn einst zum Besten seiner Zunft machten: seine Nervenstärke unter Druck und sein Feingefühl im „kurzen Spiel“ rund ums Grün. Spieth, der früher als der weltbeste Putter galt, bringt den Ball wieder mit traumwandlerischer Sicherheit ins Loch. In San Antonio verwandelte er 55 Prozent seiner Birdie-Chancen, eine grandiose Quote.

Aber vielleicht noch wichtiger als die Rückkehr zu alter Form scheint die Tatsache, dass der Platz des Augusta National Golf Club mit seinen pfeilschnellen, stark ondulierten Grüns wie geschaffen scheint für Spieth. Schon bei seinem Debüt 2014 hatte er hinter seinem amerikanischen Landsmann Bubba Watson den geteilten zweiten Platz belegt. Als Titelverteidiger unterlief ihm 2016 einer der größten Einbrüche auf den letzten neun Löchern.

Mit fünf Schlägen Vorsprung war Spieth auf die letzte Halbrunde gegangen, brach dann aber vollkommen ein. Zweimal hieb er am 12. Loch, dem kürzesten des Platzes, den Ball ins Wasser. Am Ende langte es nach einem Quadruple-Bogey an diesem Par-3-Loch immer noch zum geteilten zweiten Platz hinter dem englischen Überraschungssieger Danny Willett. Aber wie er diesen Tiefschlag wegsteckte, wie er erklärte, was ihm passiert war und wie schwer es ihn traf, steigerte seine Beliebtheit bei den Fans.

Auch nach seinem lang erwarteten Sieg gab sich Spieth bescheiden. Große Ankündigungen sind ohnehin nicht seine Sache, vielleicht auch weil er immer wieder zurückblicken musste. „Es gab Zeiten, da bluteten mir die Hände, weil ich auf der Übungswiese verzweifelt versucht habe, meinen Schwung wiederzufinden“, erinnert sich Spieth: „Es war schwer, die Dinge nicht mit nach Hause zu nehmen. Ich habe oft nachts nicht schlafen können, so sehr hat mir mein Formtief zu schaffen gemacht.“

Trotzdem hielt Spieth seinen engsten Mitarbeitern die Treue, vertraute weiter auf Cameron McCormick, der ihn seit seiner Jugend trainiert, und seinem Caddie Michael Greller. „Die beiden haben mehr an mich geglaubt als ich selbst“, lobt Spieth die beiden. Auch wenn nach eigener Aussage in San Antonio noch nicht alles perfekt klappte, erlebte er ein paar wunderbare Momente. „Es gab ein paar Schläge, die fühlten sich an wie eine Rakete, die exakt auf das Ziel zusteuert“, freute sich Spieth.

Quelle: F.A.Z.
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