Golf-Legende Tiger Woods

Nicht noch einmal auf den Everest

Von Wolfgang Scheffler
30.11.2021
, 17:12
Tiger Woods im Jahr 2019 in Georgia.
Erstmals seit seinem schweren Autounfall spricht Tigers Woods über seinen körperlichen Zustand und warum ihn sein Sohn besonders motiviert. Kommt der langjährige Primus bald als Teilzeit-Profi zurück?
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Dieser Satz alarmiert die Golfwelt: „Ich glaube, dass es realistisch ist, eines Tages wieder auf der Tour zu spielen – niemals mehr Vollzeit, sondern wählerisch, so wie Mr. (Ben) Hogan es getan hat. Suche dir ein paar Events im Jahr aus und spiele noch einige drum herum“, sagte Tiger Woods in einem halbstündigen Zoom-Interview aus der Trainingshalle seines Hauses in Florida, das die ehemalige Tourspielerin Henni Koyack am Montag für das amerikanische Golfmagazin Golf Digest führte.

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Erstmals seit seinem schweren Autounfall am 23. Februar außerhalb von Los Angeles äußerte sich der langjährige Primus wieder öffentlich zu seinem körperlichen Zustand und zu seinen Zukunftsplänen. „Es geht mir gut“, sagte Woods ganz entspannt. Am 21. November hatte der 45 Jahre alte Superstar auf Twitter ein drei Sekunden langes Video veröffentlicht. Es zeigte ihn bei einem Golfschwung mit einem kurzen Eisen, das rechte, beim Unfall schwer verletzte Bein mit einem schwarzen Kompressionsstrumpf komplett verhüllt. Woods versah diesen Post mit der Bildunterschrift „Making progress“ (Fortschritte machen). Schon am ersten Tag verfolgten diese kurze Schwungsequenz mehr als 7,5 Millionen Fans. Unzählige Kollegen und Golflehrer kommentierten es.

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Doch wer glaubte, dies sei die Ankündigung von Woods, in naher Zukunft wieder auf der PGA Tour anzutreten, wurde in diesem Interview eines Besseren belehrt: „Ich habe noch so viel vor mir. Ich bin noch nicht einmal auf halbem Wege. Ich muss noch so viele Muskeln und Nerven in meinem Bein aufbauen. Gleichzeitig habe ich fünf Rückenoperationen hinter mir. Damit muss ich mich auseinandersetzen. Wenn also das Bein stärker wird, kann es sein, dass sich der Rücken meldet. Es ist ein harter Weg. Aber ich bin einfach froh, wenn ich rausgehen und Charlie beim Spielen zusehen kann oder in den Garten gehe und ein oder zwei Stunden für mich allein habe, ohne dass jemand spricht, ohne Musik, ohne irgendetwas. Ich höre nur die Vögel zwitschern. Diesen Teil habe ich schmerzlich vermisst.“

Beobachtung des Sohnes

Woods erzählte, dass ihn die Aussicht, seinen zwölf Jahre alten Sohn Charlie bei Turnieren zu verfolgen, während des Heilungsprozesses stark motiviert habe. Einige der ersten Bilder, die von Woods nach seinem Unfall auftauchten, zeigten ihn, wie er seinem Filius in Florida zuschaute. Doch Woods senior war viel mehr als nur ein stolzer Beobachter. Er schilderte, wie er Charlie für zu hohe Ergebnisse kritisiert habe: „Ich sah ihm also zu, wie er spielte, und es lief gut. Doch wenn er ein schlechtes Loch gespielte hatte, verlor er die Beherrschung bei den nächsten Schlägen. Ich sagte: „Sohn, es ist mir egal, wie wütend du wirst. Dein Kopf könnte von mir aus wegfliegen, solange du dich zu hundert Prozent auf den nächsten Schlag konzen­trierst. Das ist alles, was zählt. Dieser nächste Schlag sollte der wichtigste Schlag in deinem Leben sein. Er sollte wichtiger sein als das Atmen.“

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Ob Charlie demnächst zeigen kann, dass er den väterlichen Rat berücksichtigt, ließ Woods in dem Interview nicht erkennen. Zu den Gerüchten, dass Woods wie im vergangenen Jahr bei seinem letzten Turnierauftritt gemeinsam mit Charlie am 18. und 19. Dezember bei der PNC Championship, bei dem Major-Sieger mit einem Familienmitglied ein Team bilden, wieder antreten wird, äußerte er sich in dem Interview nicht. Noch immer, so meldet es das amerikanische Magazin Golfweek, halten die Veranstalter einen der zwanzig Plätze für das Team Woods für das Turnier in Orlando offen.

Dazu wird Woods wohl bei seinem ersten öffentlichen Auftritt in dieser Woche etwas sagen müssen, wenn er als Veranstalter auf den Bahamas weilt. Von Donnerstag bis Sonntag findet dort die „Hero World Challenge“ statt, das Einladungsturnier seiner Stiftung für zwanzig Topspieler. Etliche davon haben Woods wie Präsident Joe Biden nicht nur telefonisch Genesungswünsche geschickt, sondern ihn während seiner Rekonvaleszenz auch besucht – und keiner häufiger als Justin Thomas: „Die Thomas und die Woods sind wie eine Familie. Justin ist für mich der Bruder, den ich nie hatte, und für JT ist Charlie der kleine Bruder, den er nie hatte“, erzählte Woods.

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Neben einer neuen Familie hat Woods während der harten und extrem schmerzhaften Genesung noch eine andere Erkenntnis gewonnen: „Ich muss mich nicht mit den besten Spielern der Welt messen und gegen sie spielen, um ein tolles Leben zu führen. Nach meiner Rückenversteifung musste ich noch einmal den Mount Everest besteigen. Ich musste es tun, und ich habe es getan. Diesmal glaube ich nicht, dass ich den Körper haben werde, um den Mount Everest noch einmal zu besteigen, und das ist auch in Ordnung.“

Quelle: F.A.Z.
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