Handball-Bundesliga

Magdeburg ist ein heißer Meisterschaftskandidat

Von Frank Heike, Kiel
24.10.2021
, 19:01
Und wieder ein Tor: Auf Magnus Saugstrup ist Verlass beim SCM.
Nach dem 29:27 in Kiel festigt der SC Magdeburg seine Spitzenposition in der Handball-Bundesliga. Und dem THW könnte noch mehr Ungemach drohen: Geht Starspieler Sander Sagosen zum Kolstad-Projekt?
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Acht Spiele in 19 Tagen seit dem 5. Oktober – eigentlich hätte man dem SC Magdeburg diese Strapazen am Sonntagnachmittag in Kiel deutlich anmerken müssen. Die Mannschaft von Trainer Bennet Wiegert hatte erst vor wenigen Tagen in Saudi-Arabien die Vereinsweltmeisterschaft gewonnen, nach der Heimkehr dann je ein Spiel in Bundesliga und DHB-Pokal bestritten, ehe nun das Spitzenspiel wartete: Doch von Ermüdung war nichts zu sehen – Magdeburg gewann 29:27, bleibt Tabellenführer und hat vier Minuspunkte weniger als die schwächelnden Kieler.

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„Wir haben uns gegen alle Widrigkeiten durchgesetzt“, sagte Wiegert, „das war großartig. Dass wir solche Spiele inzwischen gewinnen, liegt am Selbstvertrauen, das wir uns in den letzten zwei Monaten erarbeitet haben.“ Was der für gewöhnlich tiefstapelnde Coach gar nicht gern hören wird: Dieser SCM ist der heiße Kandidat auf die Meisterschaft in der Handball-Bundesliga.

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Der THW hatte ohne Sander Sagosen und Steffen Weinhold lange mitgehalten; Beide fehlten nach ihren Corona-Infektionen. Doch Kiel war zuletzt schon in Liga und Champions League verwundbar, so auch am Sonntag. Besonders über den Kreis erzielte Magdeburg in Person von Magnus Saugstrup am Ende seine Treffer, blieb meist mit zwei Toren vorn. Auch war SCM-Torwart Jannick Green erfolgreicher als sein Gegenüber Niklas Landin.

Kieler Weg zum Titel ist lang

Dabei hatte es nach gut 30 Minuten bestens ausgesehen für Kiel, als die Schiedsrichter Adrian Künzel und Sebastian Grobe erst den Magdeburger Abwehrchef Piotr Chrapkowski (dreimal zwei Minuten) und dann Spielmacher Marko Bezjak (Rot) vom Feld stellten. Doch der SCM fand auf vieles eine Antwort an diesem heißen Nachmittag vor 9000 Zuschauern. Wiegert sagte: „Wir haben hier nicht unser bestes Spiel gemacht. Und es hätte auch kippen können.“ Tat es nicht. Der Magdeburger Coach profitierte deutlich von seinem breiten Kader, der Belastungen bislang gut wegsteckt.

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Für die Kieler ist der Weg zur Meisterschaft sehr lang. Und womöglich müssen sie sich darauf einstellen, bald komplett ohne ihren Starspieler Sagosen auszukommen. Allerdings könnte auch Magdeburg betroffen sein. Das Kolstad-Projekt – was wie eine geheimnisvolle Streaming-Serie aus dem Norden klingt, ist das sehr ambitionierte Vorhaben eines norwegischen Handballklubs. Kolstad, ein Stadtteil Trondheims, will mit großem finanziellen Einsatz ein Team der Extraklasse bauen.

Zukünftige Hauptattraktion: Sander Sagosen. Von Sommer 2023 an soll er in seiner Geburtsstadt auflaufen. Vater Erlend Sagosen arbeitet bei Kolstad IL, die Familie lebt in Trondheim. Das Angebot liegt vor. Das des THW aber auch – unbedingt will Geschäftsführer Viktor Szilagyi den Mitte 2023 endenden Vertrag mit seinem Rückraumspieler verlängern; Sagosen ist 26 Jahre alt und soll für die Zeit nach Domagoj Duvnjak das Gesicht der Kieler sein. Allerdings sieht es diesbezüglich nicht so gut aus.

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Finanziell kann Kiel mithalten. Aber der emotionale Aspekt der Heimatnähe ist kaum auszugleichen Ob Sagosen die elektrisierende Handball-Begeisterung Kiels gegen das höfliche Interesse Trondheims eintauschen wird? Der Rückraumspieler selbst hat gegenüber den „Kieler Nachrichten“ verdeutlicht, wie schwer ihm die Entscheidung falle: weiter in Kiel oder Neustart in Trondheim? „Ich möchte, dass alle zufrieden sind“, hat Sagosen gesagt – schwierig.

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In Kolstad soll eine Mannschaft entstehen, die um den Champions-League-Titel mitspielt. Sagosen wäre das Zugpferd. Andere namhafte Bundesliga-Norweger sollen ebenfalls schon Angebote des Investoren-Klubs erhalten haben. Als Abwehrchef ist der Magdeburger Magnus Gullerud auserkoren. Im rechten Rückraum würde Flensburgs Magnus Röd spielen. Insofern ist das Kolstad-Projekt nicht nur eine Gefahr für einzelne deutsche Klubs, sondern die gesamte Handball-Bundesliga. Es droht der Verlust großer individueller Qualität.

Für zwei altbekannte Kieler wird es im THW-Trikot weitergehen. Domagoj Duvnjak, 33 Jahre alt, und der ein Jahre jüngere Niclas Ekberg versprachen dem THW am Sonntag die Treue bis Mitte 2024. Da tobte die Halle schon vor dem Start. Duvnjak war es auch, der Magdeburg das Leben in der zweiten Halbzeit schwermachte. Das 7:6, vom Kieler Trainer Filip Jícha häufig als Stilmittel gewählt, fruchtete indes nicht. Einige Treffer und Gegenstöße fing sich Kiel dadurch ein, ehe die Grün-Roten unter dem Jubel der mitgereisten Fans die Arena verließen: Das war ein Statement, SC Magdeburg!

Quelle: F.A.Z.
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