Handball-Nationalmannschaft

Das Ja zum Trauzeugen

Von Frank Heike, Hannover
Aktualisiert am 07.02.2020
 - 17:15
Der neue Handball-Bundestrainer: Alfred Gislason
Eine erstaunliche Wendung im Handball: Uwe Schwenker macht Alfred Gislason in aller Eile zum Bundestrainer. Der Isländer soll nun der große Fels sein.

Es muss eine kuriose Situation gewesen sein, die Alfred Gislason am Montagnachmittag auf einem Berliner Flughafen erlebte. Der 60 Jahre alte Handball-Lehrer hatte in Moskau mit dem russischen Verband über ein Engagement verhandelt; dort wird der Nachfolger des zurückgetretenen Eduard Kokscharow gesucht. Weitgehend handelseinig sei man gewesen, sagte Gislason. Doch kaum zurück in Deutschland, meldete sich Uwe Schwenker am Smartphone: „Wir müssen reden!“ Aus diesem Telefonat kam eine Personaldiskussion in Gang, die den Handball bewegt, besser: schwer durchschüttelt.

Am Donnerstagabend trennte sich der Deutsche Handballbund (DHB) von Bundestrainer Christian Prokop und installierte Gislason. Der Isländer soll die Deutschen über das Olympia-Qualifikationsturnier vom 17. bis 19. April in Berlin gegen Slowenien, Schweden und Algerien nach Tokio führen.

Plötzlich ist eine Entwicklung in Gang gebracht, die vor vier Wochen utopisch schien: Plötzlich steht Schwenker nach Jahren am Rande der Szene im grell ausgeleuchteten Mittelpunkt des Interesses, war er doch derjenige, der den DHB überhaupt erst darauf brachte, dass Eile geboten sei: „Ich habe am Montag auf der Präsidiumssitzung des DHB gesagt, dass Alfred Gislason am Ende der Woche nicht mehr zur Verfügung steht. So ging die Tür für ihn auf.“

So wurde Schwenker, der Präsident des Ligaverbandes HBL mit Sitz im DHB-Präsidium, zum Spin-Doctor – und er genoss diese Rolle am Freitag bei Gislasons Vorstellung in Hannover. In der Deutlichkeit seiner Aussagen stellte er alle anderen auf dem Podium in den Schatten: „Wir haben einen Philosophiewechsel im DHB. Wir hatten einen jungen Systemtrainer, jetzt haben wir einen souveränen, charismatischen Trainer, der wie ein Fels in der Brandung steht. Wir haben im Vergleich mit der Weltspitze keinen Unterschiedsspieler in der Nationalmannschaft. Jetzt haben wir einen Unterschiedstrainer.“ Es ist eine erstaunliche Wendung, dass Schwenker seinen Trauzeugen nun zum Bundestrainer gemacht hat.

Eile um Gislason brachte Stein ins Rollen

Während Gislason souverän wirkte und Schwenker mit viel Energie die Szenerie bestimmte, verhielt sich die fünf Mann starke DHB-Führungsriege defensiv, fast kleinlaut. Das Präsidium hatte am Montag gegen einen Verbleib Prokops gestimmt, die genauen Mehrheitsverhältnisse wollte Andreas Michelmann nicht verraten. Dem Präsidenten und seinem Vize Bob Hanning blieb es überlassen, Prokop in einem Telefonat am Donnerstag zu unterrichten. Prokop sei überrascht, ja, entsetzt gewesen, berichtete Michelmann. „Es tut mir leid für Christian“. Beim DHB hatte Prokops fachliche Analyse nach der EM keine Notwendigkeit zum Handeln hervorgerufen: „Seine Präsentation ist ihm nicht auf die Füße gefallen“, sagte Sport-Vorstand Axel Kromer. Gleichwohl hatte der DHB tags zuvor seine eigene Analyse als Trennungsgrund genannt. Es war die Eile um Gislason, die den Stein ins Rollen brachte.

Sehr verhalten agierte Hanning. Er hatte den Bundestrainer Prokop im Frühjahr 2017 erst möglich gemacht, mit Geld des DHB als Ablöse an den SC DHfK Leipzig und viel Überzeugungskraft. Nun muss „sein“ Coach gehen – zwei Jahre vor Ablauf des Vertrages. Ein Rücktrittsgrund? „Ich habe mein Wirken nicht mit Christians verknüpft“, sagte Hanning. Finanziell seien zwei Männer-Bundestrainer keine allzu große Belastung für den DHB, hieß es. Hanning sagte aber zum aktuellen Vorgehen in der Causa Prokop: „Wir haben das definitiv nicht so gelöst, wie es einem solchen Verband gerecht werden sollte.“

Auf den Punkt, ob es nicht vor drei Jahren ein Fehler gewesen sei, einen unerfahrenen Bundesligatrainer zum Coach der ersten DHB-Auswahl zu machen, wollte am Freitag niemand mehr eingehen, obwohl das ursächlich für die Geschichte war. Oder anders: Wenn man sich für einen „namenlosen“ Bundestrainer entscheidet, sollten Mannschaft und Verband bedingungslos hinter ihm stehen. Doch seit der verpatzten EM 2018 mutete alles verdächtig nach Burgfrieden an, und Prokop musste sich kräftig verrenken, um den Job zu behalten. Das schwächte ihn weiter. Während der EM stand Prokop ziemlich einsam im Wind, allein gelassen von lauter Funktionären. Schwenkers Urteil: „Es hat von allen Seiten die Rückendeckung gefehlt. In der Außendarstellung war das mehr als unglücklich.“

Zustimmung aus dem Spielerkreis

Gislason richtete den Blick in gewohnt pragmatischer Manier gleich nach vorn. Erst der Lehrgang in Aschersleben, dann das Länderspiel gegen die Niederlande in Magdeburg im März: Sein neues Handball-Leben beginnt sozusagen vor der Haustür, denn Gislason wohnt in Wendgräben in der Nähe von Magdeburg. „Ich will versuchen, eine Dynamik zu entwickeln. Ich kenne die Spieler sehr gut. Ich kenne auch die Spielsysteme sehr gut. Ich werde an dem Kader nicht rütteln und nicht alles auf den Kopf stellen“, sagte er.

Aus dem Spielerkreis gab es Zustimmung für den neuen Coach, von Julius Kühn etwa oder Hendrik Pekeler und Kai Häfner. Was seine Spieler nun erwarte, skizzierte Gislason lachend so: „Ich habe meinen Kielern früher geraten, für Lehrgänge der Nationalmannschaften abzusagen, weil wir so viele Spiele hatten. Jetzt muss ich ihnen sagen: Das ist alles Quatsch, was ich früher gesagt habe.“

Gislason spielt mit einer ersten Sieben und zwei, drei Spielern dahinter. Das ist seine Art. Er wird vorangehen, gewohnt „breitbeinig“ coachen, selbstbewusst Kontakt zu den Zeitnehmern und den Schiedsrichtern aufnehmen. Darüber hinaus erwartet man von ihm, einen Matchplan zu haben, den er, wenn nötig, situationsgemäß verändert. Bis nach der nächsten EM 2022 in Ungarn und der Slowakei läuft die Vereinbarung mit ihm. Gislason wirkte am Freitag voller Tatendrang: „Ich war froh, nach 22 Jahren Bundesliga eine Pause zu machen. Aber ich hatte nach drei bis vier Monaten Pause die Schnauze voll. Ich habe gemerkt, welch großer Bestandteil meines Lebens der Handball ist. Ich habe viele Angebote abgelehnt und fühle mich jetzt genau an der richtigen Stelle.“ Das hatte er an diesem Vormittag in Hannover mit Schwenker gemein.

Quelle: F.A.Z.
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