High School Football

Katastrophale Verletzungen, schockierende Verluste

Von Jürgen Kalwa, New York
Aktualisiert am 29.10.2015
 - 16:54
Tod beim Football: Evan Murray von der Warren Hills Regional High
Eine Unglücksserie sorgt für Unruhe: Warum sterben so viele Schüler beim American Football an High Schools? Die kritischen Stimmen werden lauter.

Es passiert meistens an einem Freitagabend zwischen August und Ende Oktober, wenn auf einer mit Kreide markierten Rasenfläche neben einer High School zwei Schulmannschaften zwischen zwei dieser typischen stählernen Torkonstruktionen aufeinandertreffen. Denn Freitag ist Football-Tag in den Vereinigten Staaten - zumindest für Teenager zwischen 15 und 18. An vielen Orten ist es das einzige Sport-Spektakel weit und breit.

Auf diesem Feld der Ehre sind schon immer junge Spieler gestorben. Denn Amerikas populärste Sportart ist hart und geprägt von einem übertriebenen Gladiatorenethos. Doch immer wenn es passiert, signalisieren die Meldungen in den lokalen Medien nur einen Anflug von Fatalismus. Sie beginnen meistens mit den Worten: „Schockierender Verlust. Trauer um einen jungen Football-Spieler . . .“ So wie im September in Warren Hills in New Jersey, wo ein junger Quarterback nach einer Kollision mit einem Gegner an die Seitenlinie kam und klagte, dass ihm schwindlig sei. Dann brach er zusammen. Die Obduktion ergab wenige Tage später einen massiven Milzriss. Der Spieler war an seinen inneren Blutungen gestorben.

Erschreckende Statistik

Es gibt unterschiedliche Todesursachen. Aber viele zeigen besonders auf einen kritischen Punkt. Egal, ob bei der schweren Gehirnverletzung, an der ein 17-jähriger Wide Receiver Anfang Oktober in einem Vorort von Seattle starb. Oder wie bei einem Schüler in Oklahoma, der nach einem Tackle zunächst ins Koma fiel und wenige Tage danach zu Grabe getragen wurde. Denn die Helme, die im Football angeblich das Schlimmste verhindern können, trügen. Die schützen bei einem Aufprall allenfalls den Knochen, nicht jedoch das kostbare Gewebe im Innern des Schädels, auf das große Kräfte einwirken.

Das Problem wurde im Grunde vor ein paar Jahren erkannt und näher beschrieben, anhand einer aussagestarken Statistik. Danach leben die rund 1,1 Millionen Footballspieler im organisierten Schulsport umgerechnet dreimal so gefährlich wie die an den Colleges und jene der Profiklubs, was „katastrophale Verletzungen“ betrifft. Den Begriff haben Juristen geprägt, um das Spektrum aus schweren Traumata - von solchen, die zu lebenslangen schweren Behinderungen bis hin zum Tod führen - zusammenzufassen.

Diese Erkenntnis ist in einer Studie aus dem Jahr 2007 nachzulesen, publiziert vom „American Journal of Sports Medicine“. Die Mediziner, die das Problem beim Namen nennen, finden jedoch kaum Widerhall. Die Popularität der Sportart, die vor mehr als 150 Jahren erfunden wurde und sich sukzessive weiterentwickelte, überstrahlt noch immer so gut wie alles in Amerika. Zum Beispiel jenes Wissen darüber, dass die noch in Entwicklung begriffenen Gehirne junger Menschen schlichtweg weniger aushalten als die von Erwachsenen. Oder dass das sportliche Können in jener Altersgruppe bei vielen nur unzureichend entwickelt ist, um gefährlichen Situationen auszuweichen.

Was aber alles nur noch schlimmer macht: Viele Teenager kehren einfach auf den Platz zurück, weil die Trainer keine Ahnung haben, wie man die Symptome korrekt einstuft und welche Risiken bestehen, wenn ein Spieler nicht zum Pausieren gezwungen wird.

Mehr als Einzelschicksale

So starben 2014 fünf High-School-Spieler unmittelbar durch ihre beim Football erlittenen Verletzungen. Bei sechs weiteren war die Sportart zumindest ein erheblicher Faktor: Die Schüler hatten einen Herzfehler, der nicht diagnostiziert worden war, erlitten Hitzeschläge bei heißem Wetter oder waren von einer schweren Störung ihres Elektrolythaushaltes betroffen. Die Zahlen in diesem Jahr dürften sich auf einem ähnlichen Wert einpegeln.

Der letzte Todesfall der laufenden Saison passierte erst am Freitag in einem Dorf in Texas, wo ein 16-Jähriger einen epileptischen Anfall erlitt. Man musste zwanzig Minuten vergeblich auf eine Ambulanz warten und ließ den Spieler schließlich mit einem Hubschrauber in ein 80 Kilometer entferntes Krankenhaus fliegen. Er starb am vergangenen Samstag. Die erste Untersuchung ergab ein Aneurysma im Gehirn.

Während Freunde und Angehörige bei einer spontanen Gedenkfeier den überraschenden Tod als Einzelschicksal und als Akt Gottes einstuften („Man kann Football nicht dafür verantwortlich machen“), klingen Amerikas überregionale Medien zunehmend alarmiert. Manche zählen mit und vermelden in den Schlagzeilen bereits den aktuellen Stand. So wie die Zeitung „USA Today“ dies zusammenfasste: Der Schüler aus Texas sei amerikaweit der „sechste Football-Spieler, der in dieser Saison gestorben ist“.

Eine Schule zieht sich zurück

Für die wachsende Sensibilisierung sind eine Reihe von Faktoren verantwortlich. Darunter die Berichterstattung über ehemalige Profis, die aufgrund einer dramatischen Zahl an gesundheitlichen Langzeitschäden wie Demenz und Depressionen Schadensersatzklagen gegen die National Football League (NFL) eingereicht haben. Nicht zu reden von einer wachsenden Zahl an Selbsttötungen, die einen Zusammenhang zwischen dem in den Gehirnen der Toten gefundenen Spuren des sogenannten Boxer-Syndroms und ihrer Depressivität nahelegen.

Die „chronisch traumatische Enzephalopathie“ entwickelt sich im Laufe der Jahre aufgrund zahlloser, oft schon in jungen Jahren erlittenen Gehirnerschütterungen - viele davon nur milderer Natur. Gleichzeitig wird die kleine Gruppe von Aktivisten lauter, die darauf hinweisen, wie gerne das Thema von interessierter Seite verharmlost wird. So kam am Wochenende eine mit dem Geld der NFL unterstützte Zusammenkunft in Pittsburgh zu dem Ergebnis: Gehirnerschütterungen seien „eine behandelbare Verletzung“. Das weckte unausgesprochen Hoffnungen, dass sich bei einer entsprechenden medizinischen Versorgung niemand Sorgen über die dramatischen Langzeitschäden machen sollte.

Kimberly Archie, die in Los Angeles eine Stiftung gegründet hat, die Datenmaterial über den Football-Sport sammelt, sagte vor ein paar Tagen, dass ihre Informationen in eine andere Richtung zeigen. „Die Sportindustrie hat in den letzten Jahrzehnten auf exzellente Weise dafür gesorgt, dass nichts genauer definiert wird. Deshalb haben wir auch kein System, das alle Fälle landesweit an einer Stelle zusammenträgt.“

Dabei lassen sich Muster erkennen, die für die Krise verantwortlich sind. „Da gibt es wirklich kein Mysterium“, sagt Archie und nennt sieben konkrete Ansatzpunkte. Darunter: der Bildungs- und Informationsstand der Trainer, das Fehlen ernsthafter ärztlicher Untersuchungen der teilnehmenden Schüler und klarer Richtlinien darüber, dass verletzte Spieler nicht wieder ins Getümmel auf den Rasen geschickt werden, sowie Vorsorgemaßnahmen gegen Hitzschlag.

Eine Konsequenz immerhin zog vor kurzem eine Schule in Rockport im Bundesstaat Maine. Die Diagnose von offizieller Seite war eindeutig: „Unsere Spieler wurden mehrfach verletzt. Zwei landeten in der Notaufnahme. Einige hatten Angst, ins Krankenhaus zu gehen. Wir haben nicht das Gefühl, dass es sicher ist, eine so junge Mannschaft mit so vielen Verletzten aufzustellen.“ Die Schule zog das Team zurück.

Quelle: F.A.Z.
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