Im Gespräch: Markus Weise

„Vielleicht fahren wir mit einem Sparflammenteam nach London“

10.04.2012
, 17:09
Markus Weise: „Wenn du Glück hast, darfst du dich bei Olympia auch mit Sport beschäftigen“
Bundestrainer Markus Weise über den Luxus als Hockeytrainer, die Zumutungen des deutschen Sportsystems, die Belastungen bei Olympia und hausgemachte Probleme der Ballsportarten.
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Markus Weise, der im Dezember fünfzig wird, begann im Alter von neun Jahren mit Hockey beim TSV Mannheim. Mit der Damen-Nationalmannschaft gewann er 2004 Olympiagold. Seit November 2006 ist er Bundestrainer der deutschen Herren-Auswahl, mit der er 2008 die Goldmedaille holte.

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Fast alle deutschen Mannschaftssportarten sind an der Olympia-Qualifikation gescheitert, im Volleyball gibt es noch Chancen, im Moment sind nur die Hockey-Teams qualifiziert. Profitieren Sie vom Scheitern der anderen?

Das könnte man glauben, aber das Gegenteil ist richtig. Für uns ist es ganz schlecht, weil die gesamte deutsche Olympiamannschaft kleiner wird, und danach richtet sich der komplizierte Personalschlüssel für eine Delegation. Je größer die Mannschaft ist, desto besser sind die Chancen, einen zweiten Ko-Trainer oder einen Videomann mit ins Team zu bekommen.

Heißt das, die erfolgreichste deutsche Ballsportart bei Olympischen Spielen wird in London nicht ausreichend unterstützt?

Das könnte passieren. Vielleicht fahren wir nur mit einem Sparflammenteam, mit nur einem Assistenten und ohne Videomann zu den Spielen. Wir können auch keinen auf eigene Kosten mitnehmen, denn ohne Akkreditierung kommt der nicht ins Stadion, geschweige denn auf den Videoturm.

Weise: „Zwei Medaillen, davon eine in Gold - das ist schon sehr ambitioniert“
Weise: „Zwei Medaillen, davon eine in Gold - das ist schon sehr ambitioniert“ Bild: dpa

Also haben Sie beim größten Sportfest schlechtere Bedingungen als sonst?

Beim größten Sportfest musst du dich als Erstes von der Vorstellung lösen, dass du nur für Sport da bist. Das ist eine völlig irrige Annahme, das habe ich spätestens in Peking gelernt. Alles ist extrem reglementiert, und du musst dich mit allen möglichen Sachen beschäftigen - und wenn du Glück hast, ist auch Sport dabei.

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Hätte Hockey angesichts der Erfolge eine bevorzugte Behandlung verdient?

Bei uns entscheidet der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) darüber, welche Person für welchen Sport wichtiger ist. Bei der Überlegung kann eine Rolle spielen, dass eine Mannschaft nur eine Medaille gewinnen kann, aber der Kanu-Verband vielleicht zehn. Wir wissen ja, dass der Medaillenspiegel, also die Nationenwertung, allen sehr wichtig ist. Und weil das so ist, geht es immer darum: Wie investiere ich das Geld?

Ist sie denn so wichtig?

Das muss so sein, man wird ja ständig damit konfrontiert. Wir haben beispielsweise in unserer Zielvereinbarung mit dem DOSB stehen, dass Hockey zwei Medaillen gewinnen muss, davon eine aus Gold. Das ist ja schon sehr ambitioniert.

Kann man in einer Mannschaftssportart eine Goldmedaille versprechen?

Das kann man natürlich guten Gewissens nicht. Ich unterschreibe so eine Zielvereinbarung auch brav in dem Wissen, dass uns so ein Turnier jederzeit um die Ohren fliegen kann. Es ist ein unfassbar schmaler Grat, auf dem wir uns wie Seiltänzer bewegen. Wenn man im Schwimmen schon im Training ständig fast eine Weltrekordzeit schwimmt, dann weiß man, dass es schwer wird für die anderen. Aber in einem Mannschaftssport gibt es so viele Unwägbarkeiten, das ist manchmal schon grotesk.

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Wie unterscheidet sich die Arbeit des Hockey-Bundestrainers von der des Handball-Chefcoaches?

Ich habe den großen Luxus im Gegensatz zu meinen Kollegen aus den Profisportarten, dass ich Leistungs- und Mannschaftsentwicklung betreibe, wofür die anderen bei ihrer Mini-Vorbereitung auf große Turniere überhaupt keine Zeit haben. In den Profiligen gibt es ja schon einen Aufschrei, wenn sich ein Bundestrainer herausnimmt, bestimmte Fitnesswerte zu ermitteln. Dabei müsste das eine Selbstverständlichkeit sein, wenn ich mit einer Nationalmannschaft erfolgreich sein will. Wir haben viele hausgemachte Probleme in den Mannschaftssportarten in Deutschland, und da darf man sich nicht wundern, dass unsere Teilnehmerbilanz für Olympia so aussieht, wie sie aussieht.

Was sind denn die hausgemachten Probleme?

Es beginnt mit der Anschlussförderung. Die Handballer waren 2009 und 2011 Weltmeister mit den Junioren, aber wo sind die jetzt? Wer spielt überhaupt in der Bundesliga? Das ist im Handball so, im Basketball und im Eishockey. Wenn ich den Jungs keine Lernumgebung gebe, kann ich noch so viel Athletiktraining machen, sie werden nicht auf die Handlungsschnelligkeit, Spielintelligenz und Spielfähigkeit kommen.

In der Basketball-Bundesliga wird gerne mit wirtschaftlichen Zwängen argumentiert - ein Amerikaner ist billiger und spielt besser als der Nachwuchs ...

. . . wenn man von einem Jugendspieler überzeugt ist, glaubt, dass er in zwei, drei Jahren so weit ist, dann kann man sich auch ein anderes Modell überlegen. Ich hole nicht sieben Ausländer, sondern nur drei, baue ein paar Junioren drumherum und schaue, ob ich mit denen was entwickeln kann. Allerdings haben die meisten keine Zeit dafür.

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Vielleicht ist der Nachwuchs auch gar nicht so gut?

Dann müsste man sich fragen, warum das so ist. Es geht letztlich nur um Leistungsentwicklung.

Stimmt das Fördersystem in Mannschaftssportarten oder gar generell im deutschen Sport nicht?

Das kann ich nicht sagen, ich weiß nur, dass unser Fördersystem deshalb funktioniert, weil es nicht darauf ausgelegt ist, mit der U16 (Spieler jünger als 16 Jahre) Weltmeister zu werden. Die U-Schiene ist ausschließlich dafür da, dass zwei, drei, vier Spieler aus dieser Pyramide im A-Kader ankommen. Und die sind dann so gut, dass sie auf absolutem Weltniveau mitspielen können. Ich brauche keinen U-18-EM-Titel oder einen Junioren-Weltmeister. Das will zwar niemand verhindern bei uns, aber es ist nicht das Ziel. Es sind die Jahre, die wir - bei allen Problemen - mit dem Ziel nutzen, Leistung zu entwickeln, die A-Kader-fähig ist. Mit Olympischen Spielen für Jugendliche kann ich persönlich gar nichts anfangen.

Müssen Spieler der Nationalmannschaft heute intelligenter sein als früher?

Vielleicht. Wir arbeiten mit dem Begriff Taktik-IQ. Die Spieler müssen also viel mit ihrer Birne arbeiten. Es reicht nicht mehr, nur eine Taktik spielen zu können. Das heißt aber nicht, dass ein Spieler mein Erfüllungsgehilfe ist, in einem Korsett spielt, sondern er hat Handlungsspielraum, den er ganz bewusst nutzen soll für unkonventionelle Lösungen. Das führt dazu, dass eine Mannschaft etwas mutiger wird und verantwortungsbewusster. Ich möchte, dass meine Spieler nachdenken, flexibel sind. Wenn einstudierte Spielzüge zum Gegner passen, dann funktioniert das zwar, aber wehe, wenn sich der Gegner darauf eingestellt hat und es keinen Plan B gibt. Ich will Spieler haben, für die das kein Problem ist und die entsprechend reagieren können. Mit diesem Freiheitsraum haben wir uns 2007, als ich anfing, sehr schwergetan. Da waren die Spieler und ich weit auseinander.

In der Formel 1 werden seit ein paar Jahren Konzentrations- und Entscheidungsfähigkeit unter physischer Belastung trainiert ...

. . . ein guter Ansatz. Wir machen solche Sachen wie Torschusstraining mit gleichzeitigen Rechenaufgaben auch seit längerem. Manche haben kein Problem, andere stoppen den Ball nicht oder schlecht, weil sie noch mit der Denkaufgabe beschäftigt sind. Das Gehirn ist ja nicht multitaskingfähig. Da landet man beim Thema Handlungsschnelligkeit. Das Gehirn arbeitet die Aufgaben nacheinander ab, und wenn du zuerst überlegst, was mache ich zuerst, lassen sich beide Aufgaben nicht lösen. Im Fußball war für mich Zinedine Zidane immer das Paradebeispiel. Ein extrem handlungsschneller Spieler, der physisch sicher nicht der Schnellste war, aber in der Spielhandlung sah das immer extrem elegant und einfach aus. Wir haben für unsere Mannschaft ein Schlagwort - wir wollen eine Sekunde in der Zukunft spielen. Das kannst du natürlich nur im Kopf, defensiv wie offensiv.

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Bei Zidane sah vieles sehr leicht aus ...

. . . was ein Qualitätsmerkmal guter Spielhandlung ist. Dieses Qualitätsdenken muss ich als Trainer immer in die Köpfe der Spieler verpflanzen, sei es bei der Ballannahme oder beim Torschusstraining. Da ist immer was zu verbessern, das sind manchmal nur Details für Kenner, aber sie können in bestimmten Situationen den Unterschied zwischen einem guten Abschluss der Spielhandlung oder einem Scheitern machen. Da haben wir immer noch eine Leistungsreserve, die nicht ausgeschöpft ist.

Sie ziehen die besten Spieler zusammen und erhalten dadurch eine Leistungssteigerung?

Ja, diese Gruppe hat einfach ein höheres Niveau. Die Spieler passen sich dem an. Wenn sie drei Wochen nicht bei der Nationalmannschaft waren, brauchen wir ein, zwei Tage, um sie wieder auf das internationale Tempo zu bekommen, weil sie sich anderes angewöhnt haben. Ohne diese Reize kann sich ein Spieler nicht nach oben anpassen. Dem Nationalspieler reichen in der Bundesliga 80 Prozent, aber damit braucht er bei einem Länderspiel gar nicht erst antreten.

Sind Sie für mehr Zentralisierung?

Ich glaube, dass es sehr sinnvoll ist, immer mal wieder etwas Zentrales zu machen. Speziell im Athletikbereich kann man aber viel dezentral organisieren. Meine Spieler haben einen Trainingsplan für die Nationalmannschaft, der jede Woche abzuarbeiten ist. Das passt natürlich nicht immer präzise zum Vereinsplan, aber man kann ja die Pläne in Einklang bringen. Im Hockey klappt das nicht ohne Probleme, aber es klappt.

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Wie viel Zeit verbringen Sie pro Jahr mit der Nationalmannschaft?

Zwischen dem letzten Höhepunkt, der EM in Mönchengladbach, und dem Beginn der Olympischen Spiele hatte ich 114 Tage im Plan, aber den konnte ich leider nicht halten. Wenn ein Spieler, was nicht der Fall sein wird, alles mitmachen würde, käme er auf 100 Tage.

Sie haben Erfahrung mit Olympischen Spielen. Wie wichtig sind Mannschaften innerhalb eines kompletten Olympiateams?

Sehr wichtig. Es ist wirklich miserabel, dass sich kein Fußballteam qualifiziert hat. Das kann doch nicht unser Ernst sein, da fehlt wohl auch der Wille.

Aber was ändert sich, wenn wie in Peking das Basketballteam und die Handballspieler beim Hockey zuschauen?

Das ist einfach toll, das passiert dir ja nur bei Olympia, dass wie in Peking plötzlich Dirk Nowitzki zuschaut oder dass die Hockeymannschaft komplett zum Handball geht. Das wird fehlen und die Stimmung im gesamten Olympia-Team verändern. Manche Athleten haben ja nur einen Tag Wettkampf, und ein Teil der Sportler reist nach den eigenen Wettkämpfen sofort ab. Das ist teilweise auch gewollt. Die Mannschaftssportarten sind aber zwei Wochen da und sozusagen der stabile Faktor, der Rest ist ein Kommen und Gehen. Das ist sehr schade, so sollte Olympia nicht ablaufen, aber jetzt ist es so.

Die Hoffnungen ruhen also auf Hockey. Was ist, wenn Sie das Ziel verfehlen?

Kurzfristig wird es keine großen Folgen haben, insofern uns in Zukunft wieder Erfolge gelängen. Allerdings haben wir jetzt schon keine abgesicherte Planung für 2012.

Das klingt bedenklich ...

Ist es auch. Wir nehmen jetzt Gelder aus dem Etat der U21, dem für uns wichtigsten Standbein der U-Schiene, und schieben es für die Olympia-Vorbereitung in den A-Kader. Ich habe aber noch eine Champions Trophy der acht weltbesten Mannschaften vor mir und plane mit einem Leistungsdiagnostik-Lehrgang und einem dreitägigen Vorbereitungslehrgang. Das Geld dafür ist aber noch nicht da. Falls wir noch Mittel bewilligt bekommen, ist alles finanzierbar. Aber vorher muss alles in die Olympia-Vorbereitung gesteckt werden.

Von welcher Größenordnung reden wir jetzt?

Es fehlen so rund 200.000 Euro, das ist eigentlich ein überschaubarer Betrag aber für uns viel Geld. Die Champions Trophy wird in Australien gespielt, allein die Flugtickets kosten 30000 Euro.

Die neue Bildungspolitik, klagt der Sport, erschwert die Ausbildung von jungen Spielern. Auch im Hockey?

Ich habe mehr als 90 Prozent Studenten in der Mannschaft. Wer nicht studiert, muss schon einen Job oder einen Arbeitgeber haben, der sehr sportorientiert ist, sonst bekommst man die Trainingsumfänge nicht auf die Reihe. Deshalb tun uns die Bachelor-Studiengänge sehr weh, weil die viel verschulter und unflexibler sind. G8 ist auf Dauer auch schlecht für uns, und deshalb kommt momentan durch die Bildungspolitik viel Druck auf unser System. Unser Altersschnitt bei der WM war schon nur noch knapp 23 Jahre, und die Mannschaften werden wohl kaum älter werden in Zukunft, weil die Spieler immer früher mit dem Studium fertig werden. Der 27 Jahre alte ausgereifte und erfahrene Topspieler wird eine Seltenheit werden. Langfristig bedeutet diese Bildungspolitik für alle „kleinen“ Sportarten, die von Studenten leben, eine Ausdünnung.

Das Gespräch führten Anno Hecker und Peter Penders.

Quelle: F.A.Z.
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