Webcam-Darts

Im virtuellen Pub durch die Corona-Krise

Von Daniel Meuren
07.04.2020
, 14:42
Morgens Australier, abends Engländer, nachts Amerikaner: In Zeiten der Pandemie treffen sich Dartsspieler im Internet und es fühlt sich an wie Seit an Seit am Board. Selbst Top-Spieler nutzen die Plattform für Trainingsspiele.

Sven-Oliver Beute wirft auf seine „Corona“. Das passt in diesen Zeiten der Pandemie. Die „Corona“ ist in seinem Fall eine Beleuchtungskonstruktion, die ein Dartshersteller vor einigen Jahren unter dem nun so negativ besetzten Namen auf den Markt gebracht hat. Wie eine Krone sitzt der LED-Ring auf dem Dartboard und sorgt für perfekte Ausleuchtung ohne störende Schatten. Die Corona trägt dazu bei, dass Beute ein wenig angenehmer durch die Zeit der Krise kommt. Trotz Kontaktbeschränkungen kann man ihm dabei zuschauen. „WebcamDarts.com“ macht es möglich. Das Internetportal ist seit einigen Tagen der angesagteste Treffpunkt für Dartsspieler aller Qualitätsstufen. Die Plattform führt ein Statistik-Tool und das Bild einer aufs Dartboard gerichteten Webcam zusammen.

So kann Beute die Scheibe im gegnerischen Wohnzimmer sehen und kontrollieren, ob ihm die richtige Punktausbeute mitgeteilt und via Statistiktool übermittelt wird, während er einen kleinen Ausschnitt seines Zuhauses in die Welt hinaussendet. „Wichtiger aber noch ist für mich, dass ich die Pfeile beim Gegner höre. Dadurch kann ich in meinem Spielrhythmus bleiben und weiß, wann ich wieder dran bin“, sagt der 50 Jahre alte Dartsspieler vom Bundesligaklub Dartspub Walldorf. „Auf den Bildschirm schaue ich hingegen eigentlich kaum. Das würde mich zu sehr vom eigenen Spiel ablenken. Ich vertraue meinem Gegner, dass er die richtigen Angaben macht.“

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Beute hat sein Training zur Zeit notgedrungen komplett auf WebcamDarts verlegt. Aber er ist dort bereits seit Jahren Stammgast und hat schon vor der Krise einen Großteil seiner Trainingsspiele im Netz absolviert. „Ich muss nur aus unserem Wohnzimmer einen Stock nach oben in mein Büro, den PC anschalten und die Webcam anschließen und finde rund um die Uhr passende Gegner rund um die Welt. Morgens finde ich Australier, abends Engländer, Deutsche oder Franzosen, nachts sind die Amerikaner wach.“ Beute spart sich zudem die Zeit für Fahrten in die einschlägigen Darts-Kneipen, in denen er adäquate Gegner finden würde, auch die Getränkekosten fallen weg. Und er stellt für sich fest, dass er beim Online-Spiel besser wirft als an Boards in Kneipen oder Turnhallen.

„Ich bin hier zuhause an meinem ‚happy place‘, an dem ich mich beim Dartspielen besonders wohlfühle“, sagt Beute.
Das beweist er in den folgenden fünf legs, einzelne Spiele von 501 abwärts, die wir während des Gesprächs bestreiten. Beute beendet eins der Legs mit elf Pfeilen, ein weiteres mit zwölf. Alle fünf Spiele beendet er mit dem ersten Wurf aufs Doppel. Sein Schnitt von fast 87 Punkten würde selbst bei den Profiturnieren der PDC reichen, um konkurrenzfähig zu sein. „Ich spiele hier bei Webcam-Darts besser als bei Turnieren in irgendwelchen Hallen. Da bin ich nervös, wenn jemand zuschaut und ich habe Probleme, mich an die Umgebung zu gewöhnen. Zuhause bei mir ist alles um die Scheibe herum immer gleich.“

„Von Abend zu Abend werden es mehr Spieler“

Bis vor kurzem war das Portal ein Geheimtipp unter Dartsspielern, abends tummelten sich dort aber nur selten mehr als ein oder zwei Dutzend Spieler. Es war eine kleine Community an Freaks. Dann aber kam die Corona-Krise, es kamen Ausgangsbeschränkungen, auch die Kneipen mit Dartboards in der Ecke wurden geschlossen. „Von Abend zu Abend werden es mehr Spieler, die man dort findet“, sagt Beute. „Da sind richtige Topspieler aus der PDC und der BDO dabei.“ Die deutschen Top-Spieler Gabriel Clemens und Robert Marjanovic oder auch die BDO-Stars wie Jeff Smith und John Michael sind in der Liste der Spieler zu finden, die „online gehen“, um in diesen tristen Tagen „ein wenig Abwechslung in den Trainingsalltag zu bringen“, wie Clemens sagt. Hier kann er gegen sie spielen, was im realen Turnieralltag kaum der Fall wäre.

Michael Unterbuchner ist auch einer der Prominenten auf Webcam-Darts. Der zweimalige Halbfinalteilnehmer bei den Weltmeisterschaften des kleiner Dartsverbands BDO findet nun immer öfter den Weg ins Internet. „Vor drei Jahren hatte ich hier schon mal gelegentlich gespielt. Aber ich habe dann doch lieber direkt mit jemandem am Board gestanden“, sagt er. „Jetzt aber ist das als Notgeschichte ganz okay, damit ich Abwechslung bekomme zu meinen Trainingsplänen, bei denen ich gewisse vorgegebene Muster spielen muss.“

Anders als Beute ist Unterbuchner im Netz bislang von seinem Durchschnittswert her schwächer als im realen Turnierleben. Der 31 Jahre alte Münchner weist bei WebcamDarts einen deutlich niedrigeren Durchschnittswert auf als bei den großen Turnieren, an denen er außerhalb von Corona-Zeiten teilnimmt. „Mich treibt der Turnierstress eher an. Und hier muss ich mich noch an die Bedingungen gewöhnen. Die Abläufe sind eben doch etwas anders, weil man beispielsweise die Würfe selbst eintragen muss“, sagt er, während auch er auf eine von einer Corona ausgeleuchtete Scheibe wirft.

„Der Average ist der Maßstab“

Für Hobbyspieler aber ist WebcamDarts.com ein perfekter Ort: Es herrscht kein Mangel an Trainingspartnern, die Statistiktools bieten beste Möglichkeiten, das eigene Spiel zu analysieren. Der eigene Durchschnittswert, im Darts-Englisch Average genannt, ist für den Gegner immer einsehbar, sodass man bei Spielanfragen entscheiden kann, ob der Gegner adäquat ist oder nicht. „Der Average ist der Maßstab, mit dem man Gegner findet“, sagt Beute. Mit seinem Wert um die 80 stehen ihm nahezu alle Türen in die per Webcam zugänglichen Wohnzimmer und Trainingsräume anderer Dartsspieler offen.

Und es gibt auch die Möglichkeit, an virtuellen Turnieren teilzunehmen. Dafür muss man sich und seine Technik erst einmal bewähren: Nach zwölf gespielten Partien hat man die Möglichkeit, Kameraqualität und Ausleuchtung im sogenannten „Cam Check“ begutachten zu lassen. Ein autorisierter Prüfer ist dann zu einem Spiel zu Gast und beurteilt die Voraussetzungen. Werden die Bedingungen als turniertauglich zertifiziert, ziert fortan ein gelber Stern den eigenen Namen.

Dann sind Turnierteilnahmen möglich. „Ich kenne im Sport eigentlich nur noch Schach, bei dem es genauso möglich ist, das reale Spiel ins Internet zu verlagern“, sagt Beute. „Ich spiele immer noch das selbe Spiel Darts, ich werfe analog und führe nur mein Spiel mit dem des Gegners digital zusammen. Aber es ist ein ganz normales Spiel, so als würde der Gegner neben mir stehen. Nur kann er sich jetzt genauso gut am anderen Ende der Welt befinden. Ich sehe sein Board und was er wirft, er sieht, was ich werfe.“

Für den in Heidelberg wohnenden Dartsspieler ist diese Art des virtuellen Duells etwas ganz anderes als ein Spiel gegen eine App, die im Wechsel mit dem Werfer per Zufallsgenerator Zahlen ausspuckt und ebenfalls Spielverläufe ermöglicht. „Mit dem Computer kann man auch trainieren. Aber dann fehlt der menschliche Faktor. Je besser Du spielst, auf ein umso höheres Level musst du den Zufallsgenerator am Computer einstellen.

In der höchsten Stufe macht der Computer dann seine 12-Darter oder 15-Darter, also er beendet ein Leg in der Regel spätestens mit dem 15. Wurf“, sagt Beute. „Das macht ein Top-Profi grundsätzlich auch. Aber beim Profi ist es ein Mensch, gegen den ich verliere. Gegen eine Maschine macht es deutlich weniger Spaß. Man kann mit einem Mensch scherzen, das ist schöner als gegen eine Maschine.“

Beute versucht in diesen Tagen gerade, eine deutsche Webcam-Darts-Nationalmannschaft zusammenzubringen und will ein Länderspiel gegen Spanien organisieren.

Michael Unterbuchner will sich derweil nicht mit der Frage auseinandersetzen, ob er auch Wettbewerbe bis hin zu Weltmeisterschaften notfalls im Netz ausspielen würde, wenn die Corona-Krise normale Turniere verhindern würde. Die PDC hat in der vergangenen Woche immerhin erstmals einige ihrer Spieler bei der Aktion „Darts at Home“ für Freundschaftsspiele zusammengeführt nach dem Prinzip von WebcamDarts. Da ist Unterbuchner indes eher skeptisch. „Ich will schon am Ende eines Spiels dem Gegner die Hand geben, gleich ob zum Gratulieren und zur Entgegennahme einer Gratulation“, sagt Unterbuchner. Von dieser bis vor kurzem so obligatorischen Geste freilich sind nicht nur Dartsspieler unabhängig von der Zahl ihrer Würfe auf die heimische Corona noch viele Wochen oder gar Monate entfernt.

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Geheimnis des Darts
Auf der Suche nach dem perfekten Wurf
Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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