Volleyball ohne Frauen

Platz eins auf der Zynismus-Skala

EIN KOMMENTAR Von Christoph Becker
26.04.2016
, 08:23
Olympische Charta? Gleichberechtigung? Beim Volleyball-Weltverband werden solche wichtigen Dinge aktiv ignoriert. So viel Verachtung für das eigene Regelwerk und die Menschenrechte gab es bislang selten.

Worum geht’s im Sport? Na klar: Höchstleistungen! Rekorde! Superlative! Und deshalb gehen von dieser Stelle herzliche Glückwünsche an die Sportsfreunde des Internationalen Volleyball-Verbands FIVB in Lausanne. Hut ab, die Herren haben es geschafft. Auf der (nach oben selbstverständlich offenen) Zynismus-Skala haben die Volleyball-Funktionäre, angeführt vom FIVB-Generalsekretär Fernando Lima, einen Höchstwert erzielt. So viel Verachtung für das eigene Regelwerk und die Menschenrechte hat bislang wohl kaum ein Funktionär öffentlich zum Ausdruck gebracht.

Der Reihe nach: Bislang hatte der Verband versprochen, dafür sorgen zu wollen, dass Iranerinnen wieder Zutritt gewährt wird bei Spielen von Männermannschaften. Bis 2012 war das kein Problem in der Islamischen Republik, doch mit den Erfolgen der Nationalmannschaft und dem Boom der Sportart im Land setzten die Hardliner ein Verbot für Zuschauerinnen wie im Fußball durch.

Ein Testlauf als spektakulärer Fehlschlag

Der FIVB hatte im Laufe des vergangenen Jahres angekündigt, dafür sorgen zu wollen, dass das Verbot noch vor den Olympischen Spielen in Rio fallen werde. Ein erster Testlauf, das erste Beachvolleyball-Turnier der World Tour auf der Insel Kisch im Februar, geriet allerdings zum spektakulären Fehlschlag. Wieder wurde Frauen der Zutritt verweigert, obwohl die Iraner versprochen hatten, alle Interessierten würden zuschauen dürfen, gleich welchen Geschlechts.

Die Führungsriege des Verbandes, die für die Durchsetzung der Garantie vor Ort hätte sorgen können, blieb dem Turnier allerdings fern, und so hatte nicht der FIVB das Sagen auf Kisch, sondern der örtliche Sicherheitschef. Und der entschied: Kein Zutritt ohne persönliche Erlaubnis. Das hielt den FIVB nicht davon ab, sich selbst zu feiern für den angeblichen Erfolg, dass zwei, drei Dutzend persönlich ausgewählte Zuschauerinnen eingelassen wurden. Alles Weitere werde man untersuchen.

Diese Untersuchung scheint nun abgeschlossen. Denn in Lausanne verkündete Fernando Lima, der Generalsekretär des Verbandes, man gebe den eigenen Einsatz für eine Veränderung des iranischen Gesetzes auf und denke nur noch von Turnier zu Turnier. Das erzählte er dem Branchendienst „inside the games“. Volleyball sei zu unwichtig, um die Regierung in Teheran zu einem Umdenken zu bewegen. Und überhaupt: Wenn weiter internationale Spiele unter Ausschluss der Hälfte der Bevölkerung dort ausgetragen werden, hätten die Frauen, die gerne zuschauen wollen, doch einen Grund zu demonstrieren.

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Prima, Herr Lima. Sie ignorieren auch weiterhin die Olympische Charta und den darin formulierten Gleichberechtigungsanspruch – und sprechen offen darüber. Sie sorgen mit Ihrem Verband also auch künftig dafür, dass es Grund genug für Repressalien gibt. Denn der simple Wunsch, beim Sport zuschauen zu wollen, kann für Mädchen und Frauen (und Männer, die sich für ihre Rechte einsetzen) mit Verhaftung und Gefängnis enden. So viel Zynismus hat einen Eintrag ins Poesiealbum verdient:

„Wenn anderer Schmerz dich nicht im Herzen brennt,

Verdienst du nicht, dass man noch Mensch dich nennt.“

Das steht über der Eingangshalle des Gebäudes des Vereinten Nationen in New York. Ein Ort, den auch der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees, Thomas Bach, gerne aufsucht, um von der segensreichen Wirkung des internationalen Sports zu sprechen. Das Zitat ist ein Auszug aus dem „Rosengarten“ des persischen Dichters Sa‘adi.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
Sportredakteur.
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