DSV stellt Buschkow frei

Wasserspringer Hempel erhebt schwere Vorwürfe

Von Christoph Becker
19.08.2022
, 09:45
Jan Hempel (Bild von 1999)
In einem ARD-Film sagt Jan Hempel, er sei von seinem Trainer über 14 Jahre sexuell missbraucht worden, auch bei Olympia 1992. Der Verband steht massiv in der Kritik – und reagiert auf Hempels Vorwürfe.
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Eine Dokumentation der ARD wirft neue massive Fragen zum Um­gang des Deutschen Schwimm-Verbandes (DSV) mit Opfern und Tätern sexuali­sierter Gewalt auf. In dem Film „Missbraucht“, der seit Donnerstag online ist und am Samstagabend (22.40 Uhr) linear ausgestrahlt werden soll, schildert der frühere Wasserspringer Jan Hempel, er sei von seinem Trainer Werner Langer in ei­nem Zeitraum von 14 Jahren sexuell missbraucht worden.

Unter anderem habe Langer ihn 1992 vor einem olympischen Wettkampf in Barcelona zu sexuellen Handlungen in den Umkleiden des Olympia-Sprungturms am Montjuïc gezwungen. Langer hatte Hempel seit Kindertagen in der DDR und nach der Wiedervereinigung als Spitzensportler trainiert. Er beging 2001 Suizid.

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„Es wird über Leichen gegangen, egal wie“

Hempel schildert der ARD, er habe den Missbrauch durch Langer der 2006 verstorbenen Ursula Klinger im Jahr 1997 geschildert. Sie habe Langers Suspendierung eingeleitet, allerdings, sagt Hempel, habe er später erfahren, dass als Grund Lan­gers Tätigkeit als inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit herangezogen wurde. Anzeige sei nicht erstattet worden, be­richtet die ARD, der österreichische Schwimmverband stellte Langer an, ohne Kenntnis über die Vorwürfe gegen ihn, wie es gegenüber der ARD heißt.

„Ich habe über viele Jahre spüren müssen, dass dem DSV nur der sportliche Erfolg wichtig ist. Es wird über Leichen gegangen, egal wie“, sagt Hempel im Film. Seiner Darstellung zufolge habe der heutige Chefbundestrainer der Wasserspringer, Lutz Buschkow, von Hempels Schicksal gewusst. Die ARD beruft sich auf einen weiteren Zeitzeugen, der bestätigt habe, dass Ursula Klinger Buschkow, weitere Trainer und die Verbandsleitung über die Vorwürfe informiert habe. Buschkow bestreitet, von Hempels Vorwürfen ge­gen seinen Trainer gewusst zu haben.

Am Donnerstagabend teilte der DSV mit, dass Buschkow mit sofortiger Wirkung und vorläufig von seiner Tätigkeit freigestellt worden sei. Beim Titelgewinn der Olympiadritten Tina Punzel und Lena Hentschel im Synchronspringen vom Drei-Meter-Brett saß er noch am Beckenrand, beim anschließenden Ein-Meter-Finale der Männer dagegen nicht mehr.

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„Der Prozess der Aufklärung ist noch nicht abgeschlossen. Dennoch hat sich der DSV-Vorstand aufgrund seiner hohen moralischen Ansprüche dazu entschieden, Herrn Buschkow bis zur finalen Klärung des Sachverhaltes mit sofortiger Wirkung von seiner Tätigkeit als Bundestrainer Wasserspringen im DSV freizustellen“, hieß es in einer Pressemitteilung des DSV. Der Verband zeigte sich „zutiefst bestürzt über die Schilderung der schrecklichen Erlebnisse der Opfer sexualisierter und sexueller Gewalt“.

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Vorwurf gegen Stefan Lurz

Im Film wird zudem gezeigt, wie der frühere Bundestrainer der Freiwasser-Schwimmer, Stefan Lurz, im Februar dieses Jahres we­gen sexuellen Missbrauchs einer Schutzbefohlenen in zwei Fällen verurteilt, auf dem Gelände des Schwimmvereins Würzburg 05 auch nach der Verurteilung ein und aus gegangen ist. Neben einer Freiheitsstrafe von sechs Monaten, die zur Bewährung ausgesetzt worden war, wies das Amtsgericht ihn an, „jegliche berufliche oder ehrenamt­liche Tätigkeit im Zusammenhang mit dem Schwimmsport zu unterlassen“.

Wie die ARD berichtet, ist Stefan Lurz in dem Verein, dessen Präsident sein Bruder Thomas Lurz ist, seit Februar als kaufmännischer Mitarbeiter angestellt. Eine Schwimmerin hatte bereits 2010 den Vorwurf sexueller Nötigung gegen Stefan Lurz erhoben. Ein Ermittlungsverfahren der Würzburger Staatsanwaltschaft war damals eingestellt worden, die Schwimmerin und Lurz einigten sich im Wege eines Täter-Opfer-Ausgleichs.

Lutz Buschkow, von 2008 bis 2016 Leistungssportdirektor des DSV, schlug Lurz 2013 zum Trainerpreis des Deutschen Olympischen Sportbundes vor. Er sei „in seiner Trainertätigkeit ein großes Vorbild“, zitiert der Film. Von 2017 bis 2021 war Stefan Lurz als Chefbundestrainer der Freiwasserschwimmer tätig. Zudem haben Mit­glieder des deutschen Olympiateams von Tokio, von „zwei jungen Frauen“ ist die Rede, dem DSV laut Film verbale Übergriffigkeiten im olympischen Dorf und in der Olympia-Schwimmhalle geschildert.

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Ob­wohl die Präventionsbeauftragte des Verbands Konsequenzen gefordert hatte, teilte der DSV-Vorstand der ARD mit, liege „ge­gebenenfalls“ ein Verstoß gegen Good-Governance-Regeln vor. Der Mann werde bei Schwimmveranstaltungen nicht eingesetzt. Im Film heißt es, er sei allerdings wieder – mit Wissen der DSV-Führung – für eine Schwimmveranstaltung eingeplant worden.

Liebesverhältnis nicht missbräuchlich

Erst Anfang Juli war ein Trainer, der einst mit einer minderjährigen Schwimmerin eine Beziehung geführt hatte, bei der Junioren-EM in Rumänien für den DSV tätig. Die Nominierung des Mannes, dem nur administrative Aufgaben übertragen werden sollten, hatte der Verband als „unkritisch“ eingestuft. Ein Gerichtsverfahren, das die Schwimmerin gegen den Trainer angestrengt hatte, hatte vor neun Jahren mit einem Freispruch geendet, weil das Liebesverhältnis nicht missbräuchlich ge­wesen sei.

Anmerkung der Redaktion: In einer vorherigen Version dieses Artikels stand im Teaser: „In einer ARD-Dokumentation sagt Jan Hempel, er sei von seinem Trainer sexuell genötigt worden.“ Das stimmt so nicht. Hempel sagt, er sei von seinem Trainer sexuell missbraucht worden. Wir bitten den Fehler zu entschuldigen und haben ihn nun korrigiert.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Becker, Christoph
Christoph Becker
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