Virtueller Radsport

Ein Ruderer zockt die Radprofis ab

Von Tom Mustroph
11.12.2020
, 19:20
Raus aus dem Windschatten: Der Ruderer Jason Osborne wird erster virtueller Radsportweltmeister. Die Sportarten ähneln sich mehr, als Außenstehende vermuten würden.

Besser hätte es nicht laufen können. Im Trainingslager der Ruderer in Portugal stieg Jason Osborne erst vom Training mit dem Einer aus dem Wasser. Dann schloss er seinen Smart Trainer ans Internet an, loggte sich auf der virtuellen Plattform Zwift ein und war eine gute Stunde später Weltmeister. „Ich wusste, meine Form ist gut. Ich habe eine gute Kraft für Sprints über eine Minute und wusste, dass ich ruhig bleiben und im Feld mitrollen sollte“, sagte Osborne nach seinem Erfolg.

„Am Beginn des finalen Anstiegs beschleunigte Jonas Rapp explosiv. Er riss eine Lücke. In seinem Windschatten fuhr Osborne. Der zündete auf dem folgenden Flachstück im richtigen Moment den Aerohelm und kam ungefährdet als Erster ins Ziel“, beschrieb Tim Böhme, Cheftrainer des virtuellen Nationalkaders des Bundes Deutscher Radfahrer, die entscheidenden Momente. Böhmes Posten hat der ansonsten bisweilen als schlafmützig wahrgenommene Verband bereits vor geraumer Zeit installiert. Zu den Aufgaben des „Digital Head Coach“ gehört der Aufbau eines Nationalkaders. Bereits im November 2019 initiierte Böhme die German Cycling Academy als Trainings- und Wettkampfplattform für virtuellen Radsport.

Bei diesen Rennen machte der 26 Jahre alte Osborne, der in Mainz geboren ist, auf sich aufmerksam, gewann unter anderem die Alpe du Zwift, den virtuellen Nachbau des legendären Aufstiegs nach L’Alpe d‘Huez. „Ich mache schon seit einigen Jahren Radsport als Ausgleichstraining, indoor wie auch auf der Straße“, sagte Osborne. Die Belastungen bei den beiden Sportarten seien weniger unterschiedlich, als Außenstehende gemeinhin dächten. „Der größte Krafteinsatz beim Rudern kommt gar nicht aus den Armen. Es wird vielmehr der ganze Körper eingesetzt. Viel Kraft kommt aus dem Oberkörper. Aber auch die Beine sind wichtig.“

Nach verstärkten Einheiten auf dem Rad merkt er einen Kraftverlust in den Armen. „Aber das kann man schnell ausgleichen“, lautet seine Erfahrung. Und so gelang es ihm vor wenigen Wochen auf dem Maltasee in Polen Europameisterschaftszweiter im Leichtgewichtszweier zu werden und nun den Titel als virtueller Radweltmeister folgen zu lassen.

2021 peilt Osborne das olympische Ruderfinale an, qualifiziert für die Spiele in Tokio ist er bereits. Danach will er sich dem Radsport zuwenden, am liebsten dem analogen auf der Straße. „Dort ist die Infrastruktur mit Profiteams viel besser ausgebaut“, sagte er. Chancen rechnet er sich aus. „Ich versuche, jedes Jahr nach L’Alpe d’Huez zu fahren. In diesem Jahr habe ich meine Bestzeit dort noch einmal verbessert und bin in die Top 10 gekommen, etwa eine Minute von Romain Bardet entfernt und im Bereich von Steven Kruijswijk.“ Bardet und Kruijswijk kamen jeweils auf das Podium der Tour de France. Und auch Osborne sieht seine Perspektive vor allem als Bergfahrer.

Für den virtuellen Radsport stellte die vom Weltverband ausgerichtete E-WM einen weiteren Meilenstein dar. „Die Organisation war perfekt. Es gab auch wenige technische Ausfälle. Und die Leistungen lagen alle in einem glaubwürdigen Bereich“, konstatierte Böhme. Die Werte aller Teilnehmer waren in Echtzeit zu sehen. Die Sportlichen Leiter der virtuellen Teams konnten sich in die Kameraperspektiven auch der Konkurrenten versetzen. Über die Gaming-Plattform „Discord“ waren sie in Kontakt mit ihren Fahrern. „Wir gaben ihnen durch, wo sie sich im Feld befanden, wer vorne wegfuhr und wer hinten raus fiel“, sagte Böhme.

Es handelte sich um ein komplett anderes Setting als im Straßenradsport: Dort sind die Sportlichen Leiter auf Informationen über den Rennfunk und das Fernsehen angewiesen. Prominente Straßenprofis, die ebenfalls teilnahmen, unter ihnen Rigoberto Uran, Alberto Bettiol und Victor Campenaerts, hatten mit der Entscheidung nichts zu tun. Kein Straßenprofi kam im Kampf mit den virtuellen Spezialisten unter die besten Zehn.

Im Frauenrennen gewann die Südafrikanerin Ashleigh Moolman-Pasio. Beste Deutsche wurde als Elfte Hannah Ludwig, noch vor der höher eingeschätzten Tanja Erath, die als Zwift-Spezialistin gilt und über das E-Cycling einen Profivertrag auf der Straße bekam. Für den virtuellen Radsport sieht Böhme eine rosige Zukunft anbrechen. „Die WM war wichtig. Ein internationaler Wettkampfbetrieb könnte auch Radprofis interessieren, vor allem jene, die als Trainingsweltmeister gelten, ihr Potential bisher aber nicht auf die Straße oder das Mountainbike bringen konnten. Perspektivisch wollen wir auch ein Team der schnellsten deutschen E-Racer aufbauen und hoffen, dafür Sponsoren zu gewinnen“, sagte Böhme. Die German Cycling Academy, die Böhme ebenfalls auf Zwift organisiert, dient zur Talentsichtung und ist für alle Interessierten offen.

Quelle: F.A.Z.
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