Finale der Snooker-WM

Vorentscheidung zur Halbzeit

Von Daniel Meuren
Aktualisiert am 06.05.2019
 - 10:45
Treffsicher: Judd Trump führt deutlich im WM-Finale.zur Bildergalerie
Judd Trump ist auf dem Weg zu seinem ersten WM-Titel im Snooker: Der Engländer ist an Tag eins des Endspiels gegen John Higgins hoch überlegen. Nach dem 12:5 zur Halbzeit droht gar ein Finale ohne vierte Session.

John Higgins setzt mit seinem Queue an. Der weiße Spielball soll gar nicht weit rollen. Nicht einmal ganz siebzig Zentimeter, um die grüne Kugel gerade so zu touchieren und sich somit hinter ihr zu verstecken. An sich eine leichte Übung für die Meister der populärsten Billard-Lochspielvariante. Es wäre ein Snooker gewesen und wenigstens in diesem letzten Frame des Tages hätte sein Gegner Judd Trump sich einmal wirklich Schwierigkeiten gegenüber gesehen. Doch die Kugel rollt nur gut drei Viertel des vorgesehenen Wegs und bleibt liegen. Trump spielte anschließend den Tisch leer und vollendete eine perfekte Abend-Session zum 12:5. Die letzten acht Frames hatte der 29 Jahre alte Engländer in Serie gewonnen.

Der misslungene Snooker-Versuch im letzten Frame des ersten Finaltags war symptomatisch für den bitteren Abend, den Higgins erleben musste. Sieben Stunden, davon rund viereinhalb Stunden reine Spielzeit, zuvor war Higgins noch genauso furios wie Trump ins Endspiel gestartet: In einem wahren Festival an Centuries, also Aufnahmen von mindestens hundert der möglichen 147 Punkte beim Einlochen im Wechselspiel der 15 roten und der sieben andersfarbigen und wertvolleren Kugeln, duellierten sich der vierfache Weltmeister Higgins und der seit Jahren zur Weltspitze zählende, aber nun erstmals dem WM-Titel nahe Trump auf allerhöchstem Snooker-Niveau. Am Ende des Tages standen sieben Centuries in 17 Frames zu Buche.

Neben diesen spektakulären Serien zeigten beide Spieler aber auch die Kunst des Snookerns, was zu deutsch so viel wie Ausbremsen oder Blockieren bedeutet. Dabei geht es darum, dass es keinen direkten Weg für den weißen Spielball zur in der Folge zu spielenden farbigen Kugel gibt. Wenn beispielsweise eine der 15 roten Kugeln, die nach dem Einlochen in den Taschen bleiben, anzuspielen ist, dann versucht ein Spieler, den weißen Spielball möglichst nah hinter einer andersfarbigen Kugel zu plazieren, die nicht angespielt werden darf.

Higgins ist ein Meister in dieser Kunst. Aber wie im letzten Stoß des Abends beherrschte er sie an diesem Abend nicht so virtuos wie Trump. Und mit zunehmender Spieldauer hinterließ Higgins zudem den Eindruck, dass er nach den Strapazen der vorangegangenen zweieinhalb Wochen schlicht zu erschöpft ist für einen weiteren harten Kampf. Er musste beginnend mit der ersten Runde in jedem Spiel über sehr lange Distanzen gehen und im Halbfinale sogar ein entscheidendes 33. Frame gewinnen beim 17:16 gegen David Gilbert, um das Endspiel zu erreichen, in dem bis zu 35 Frames gespielt werden müssen.

Trump hingegen hatte nur in Runde eins eine enge Situation zu überstehen, als er gegen den Thailänder Thepchaiya Un-Nooh mit 10:9 denkbar knapp gewann. Anschließend spielte sich Trump leicht und locker ins Finale und musste immerhin neun Frames weniger an den Tischen des „Crucible Theatre“ in Sheffield verbringen.

Die Konzentrationsvorteile führten nun dazu, dass dem WM-Finale nun gar ein vorzeitiges Ende droht: Eigentlich sind je zwei Sessions am Sonntag und Montag vorgesehen, um den Weltmeister zu ermitteln. Sollte Trump aber noch sechs Spiele der um 15.00 Uhr mitteleuropäischer Zeit beginnenden Nachmittagssession (live bei Eurosport) gewinnen, dann wäre die Partie vorzeitig entschieden und die vierte Session würde ausfallen, im „Crucible“ würde dann ein Freundschaftsspiel alter Legenden die bereits mit Karten ausgestatteten Zuschauer über den verlorenen Finalgenuss hinwegtrösten.

So etwas ist zuletzt 1993 passiert, als Stephen Hendry, mit sieben Weltmeistertiteln der erfolgreichste Snooker-Spieler der modernen Ära, gegen den ewigen Finalverlierer Jimmy White, den wohl größten Spieler ohne WM-Titel in der Geschichte dieses Gentleman-Sports, mit 18:5 gewann.

Es gibt allerdings noch Hoffnung: Im Vorjahr kämpfte sich Higgins im Finale gegen Mark Williams nach 7:14 und 10:15 noch mal zurückgekämpft, allerdings 16:18 verloren. Der 43 Jahre alte Schotte ist eine spielende und lebende Legende seines Sports. Am Abend könnte er sich, wenn er das Finale noch gewinnen sollte, endgültig in den Olymp des Snooker spielen. Es wäre dann eines der größten Comebacks in der Geschichte des Sports, zudem würde er bei dann fünf Weltmeistertiteln mit Ronnie O'Sullivan, dem bei der WM bereits in Runde eins gescheiterten Superstar gleichziehen.

WM im Crucible Theatre
Auf ein paar Kugeln mit einem Snooker-Profi
© F.A.Z./Eurosport, F.A.Z./Eurosport
Quelle: FAZ.NET
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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