Judo-Olympiasieger Bischof im Gespräch

„Ein hungriger Tiger kämpft besser“

13.11.2009
, 16:56
Olympiasieger Bischof: „Dankbar, dass mir meine Teamkameraden geholfen haben”
Er wurde in Peking Judo-Olympiasieger und genoss anschließend das süße Leben. Als WM-Dritter bestätigte er aber auch 2009 seine Weltklasse. Ole Bischof im Gespräch mit Achim Dreis über sein Leben zwischen Promi-Events und Judo-Alltag.
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Er wurde in Peking Judo-Olympiasieger und genoss anschließend das süße Leben. Als WM-Dritter bestätigte Ole Bischof aber auch 2009 seine Weltklasse. An diesem Samstag (ab 11 Uhr) kämpft Ole Bischof mit dem TSV Abensberg beim Bundesliga-Finale in Hamburg.

Werden Sie von den Gegnern härter angepackt, seit Sie Olympiasieger sind?

Noch härter anpacken geht nicht. Was will man auch beim Judo noch zulegen? Man steht sich gegenüber, Mann gegen Mann. Und dann wird gegeneinander gekämpft. Wer nicht kämpfen will, der ist falsch beim Judo.

Kampf um WM-Bronze 2009: „Wer nicht kämpfen will, der ist falsch beim Judo”
Kampf um WM-Bronze 2009: „Wer nicht kämpfen will, der ist falsch beim Judo” Bild: picture-alliance/ dpa

Gibt es das nicht, dass Sie denken, den krieg’ ich mit links, da reichen 80 Prozent?

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Doch, das kann schon passieren, dass man nicht mit hundert Prozent bei der Sache ist, aber dann wird’s gefährlich. Wer die falsche Einstellung hat, der ist auch ganz schnell draußen, weil Judo eben so blitzschnell geht. Dann liegt man eben nicht 1:0 hinten und kann noch den Ausgleich schaffen, sondern liegt auf dem Rücken und hat den Kampf verloren.

Am Samstag treten mit dem TSV Abensberg im Bundesliga-Finale an. Wie wichtig ist für Sie so eine Mannschaftsmeisterschaft?

Sehr wichtig. Im Judo ist man zwar beim Kämpfen alleine, aber am Mattenrand steht der Trainer, und das Team stärkt den Rücken. Sie sind meine Partner, ohne sie kann ich nicht trainieren. Wenn Judokas unter sich sind, redet man mehr über Mannschafts- als über Einzelerfolge, da hat man was zusammen erlebt und geschaffen – oder eben nicht.

Aber Sie sind als Einzelsportler bekannt geworden.

Natürlich, ich bin Einzel-Olympiasieger und stolz auf meine Leistung in Peking. Und um es richtig einzuordnen, muss man sehen, dass es außer mir keine weitere Goldmedaille im Männer-Judo für einen Mitteleuropäer gab. Wir haben sieben Gewichtsklassen, und die Olympiasieger kommen aus Südkorea, Aserbaidschan, Georgien, der Mongolei und zwei aus Japan. Und dann ich im Halbmittelgewicht: genau in der Mitte. Überhaupt gab es in den klassischen Kampfsportarten Ringen, Boxen, Taekwondo und Judo für Deutschland bei den Spielen nur dieses eine Gold. Wenn man das sieht, weiß man, wo die Spitze zu suchen ist – ein Olympiasieger aus Deutschland ist wirklich selten, und ich bin dankbar, dass mir meine Teamkameraden dabei geholfen haben.

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Sind Sie denn noch der „alte“ Ole für Ihre Mitkämpfer?

Ich hoffe, dass die anderen mich noch so sehen wie zuvor.

Haben Sie dem deutschen Judosport durch Ihren Erfolg vorangeholfen? Gibt es höhere Mitgliederzahlen?

Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber bekomme viele E-Mails und höre, was die Leute reden. Bei Judo-Events nach Olympia stand ich teilweise vor zweihundert Kindern auf der Matte. Und das bei vielen Trainingseinheiten quer durch Deutschland – nicht nur bei einem. Die Vereine schließen sich zusammen und laden mich ein. Von dem Erfolg wurden viele mitgerissen, und ich hätte nicht gedacht, dass dies möglich ist. Bei einer Sportart mit 200.000 Mitgliedern bin ich aber natürlich nicht der alleinige Botschafter.

Hat sich der Olympiasieg für Sie persönlich auch finanziell gelohnt?

Es hat sich schon ausgezahlt, aber ich bin nicht reich geworden. Ich muss schon noch arbeiten – und ich will auch noch arbeiten.

Sie engagieren sich auch in der Athletenkommission des Weltjudoverbandes. Streben Sie eine Karriere in der Sportpolitik an?

Nein, aber ich freue mich, dass mir die anderen Athleten zutrauen, die Sache gut zu machen. In der Athletenkommission sind neun Sportler aus allen Teilen der Welt, und wir haben sehr unterschiedliche Lebensläufe. Ich studiere beispielsweise VWL, das passt und wird auf alle Fälle interessant.

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Kommen Sie im Studium voran?

Im Februar möchte ich die Scheine durchhaben, es fehlt dann nur noch die Diplomarbeit.

Danach steht eine Zäsur an. Weiter Sport oder Beruf?

Das wird sich in den nächsten Monaten entscheiden, ich bin fit und gesund, habe keine langfristigen Verletzungen. Natürlich muss ich mich irgendwann entscheiden, ob ich jetzt in den Beruf eintauche, oder ob ich den Sport noch bis London 2012 ziehe. Aber das ist noch unklar.

Hatten Sie nach Ihrem Erfolg von Peking ein Problem, sich weiter zu motivieren?

Ich hatte ziemlich viel trainiert auf Olympia hin, danach ist man erst mal fertig, egal ob erfolgreich oder nicht, und braucht ’ne Pause. Wenn die Pause dann aber so versüßt wird durch so viele Einladungen und Ehrungen, dann gönnt man sich die Pause gerne und findet Gefallen an diesem Leben.

Was haben Sie alles erlebt?

Ich war sehr viel eingeladen, auf allen möglichen Veranstaltungen oder Events – dabei hatte ich ein besonders straightes Wochenende. Erst war ich Laudator beim MTV-Game-Award, wo sehr viele sehr coole Leute waren. Dann bekam ich am nächsten Tag von Bundespräsident Horst Köhler das Silberne Lorbeerblatt überreicht, und am gleichen Abend durfte ich mich dann bei einem Führungskräfte-Kongress mit Maybrit Illner im Hotel Adlon eine Stunde auf der Bühne unterhalten. Das war so eines meiner interessantesten Wochenenden nach Olympia – drei komplett verschiedene Welten in zwei Tagen. Das schafft man nur durch den Sport.

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Welchen Eindruck hatten Sie von der Prominentenwelt?

Das ist wie im normalen Leben auch. Es gibt solche und solche. Manche verhalten sich toll, sind nett und offen – andere eben nicht.

Und Sie sind offen genug, die verschiedene Welten miteinander in Einklang bringen?

Stimmt, das macht nicht jeder, dass er alles mitnimmt, aber ich bin schon ein neugieriger Typ. Und danach kam auch immer die Bestätigung, dass es okay war, wie ich es gemacht habe, dass sich die Leute gefreut haben. Insofern war ich damit auch zufrieden. Aber irgendwann ruft der Körper und sagt: ‚Du: ich brauche auch mal wieder Belastungen und körperliche Aktivität.‘ Und so ging mir das, dass ich wieder richtig Lust auf Judo bekommen habe.

Gerade rechtzeitig für die WM 2009?

Ja, genau. Ich habe für dieses Ziel eine anständige, dreimonatige Vorbereitung gemacht. Unter anderem sind wir mit der Nationalmannschaft nach Bulgarien gefahren. Mehrere Wochen Höhentrainingslager, da war gar nix los außer körperlicher Belastung, keine Medien, keine Events. Da musste ich auf viele Sachen verzichten, und das hat mir gutgetan, um den Kopf wieder frei zu bekommen. Da hatte ich Spaß dran

Das System runterfahren und wieder hochfahren: das geht so einfach ohne Verlust?

Man kann sowieso nicht das ganze Jahr auf dem gleichen Level sein. Im Judo läuft es so, dass man eine Jahresplanung macht, sich Höhepunkte rausguckt, zu denen man fit sein will. Man muss Spitzen setzen in der Trainingsplanung, damit man am gewünschten Tag in Topform ist. Ich war bei der WM in richtig guter Form, ich war schnell, technisch sehr gut, habe von sechs Kämpfen fünf mit einem Ippon gewonnen.

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Sie kämpfen im Halbmittelgewicht bis 81 Kilo, wiegen aber normal 84 oder 85. Wie geht das?

Das nehme ich kurzfristig in zwei Tagen vor dem Wettkampf ab. Bei meinem Gewicht geht das, drei bis vier Kilo kann ich sogar an einem Tag runtermachen.

Haben Sie einen Abnehmtipp?

Langfristig hilft das nicht. Am nächsten Tag hab ich das wieder oben. Hier geht’s nicht um Fettabbau, nicht um Kilokalorien, sondern um Gewicht. Und das reduziert sich über Wasser. Viel schwitzen, weniger essen, da kommt man schnell runter. Weniger im Magen zu haben ist auch von Vorteil: Ein hungriger Tiger kämpft besser.

Das Gespräch führte Achim Dreis

Quelle: F.A.Z.
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