Judo-Olympiasieger Ole Bischof

Der Vorzeigekämpfer

Von Thomas Klemm, Köln
09.09.2010
, 15:44
Lichtgestalt des deutschen Judosports: Olympiasieger Ole Bischof
Ole Bischof ist bei der Judo-WM in Tokio der Gejagte. Doch der Olympiasieger weiß, was er kann und was er will. Auch jenseits des Mattenrands. Bischof über seinen Sport, sein Studium und seinen Job als Motivationstrainer.
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Als Ole Bischof in die Cafeteria kommt, hört der Wirt auf, die Theke zu putzen. „Na, Ole, wie geht's“, fragt der Mann, der am Kölner Olympiastützpunkt fürs leibliche Wohl der Judoka sorgt. Bischof könnte sich beklagen und antworten, dass er an diesem Sommertag noch an den Folgen einer Schulterprellung laboriert und dass seine Vorbereitung auf die WM daher schleppend verläuft. Aber sein Lächeln ist fast so strahlend wie die blank polierte Theke, und gut gelaunt plaudert er mit dem Wirt. So kennt man Ole Bischof, den bekanntesten deutschen Judoka, der nicht nur sehr offen, sondern auch sehr erfolgreich ist: Europameister 2005, Olympiasieger 2008 (siehe: Olympische Spiele: Goldmedaille für Judoka Ole Bischof), WM-Dritter 2009. Asiaten, Russen und die anderen Weltklasseathleten in der Klasse bis 81 Kilogramm fürchten ihn auch bei der am Donnerstag beginnenden WM im Judo-Mutterland Japan; nicht nur, aber vor allem wegen seiner Fertigkeiten im Bodenkampf, die er auch in Tokio siegreich einsetzen will.

Vielen deutschen Fernsehzuschauern wurde der Einunddreißigjährige schlagartig bekannt, als er kurz nach seinem Pekinger Olympiasieg versuchte, seine Goldmedaille zusätzlich zu versilbern und bei der Sendung „Schlag den Raab“ eine Million Euro einzuheimsen. Vergeblich: Bischof gewann die ersten beiden Runden, am Ende siegte, wie so oft, Gastgeber Stefan Raab.

Am kommenden Donnerstag beginnt die WM in Tokio. Wie fühlt es sich an, das Gesicht des deutschen Judo zu sein?

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Wir haben schon noch andere Gesichter. Aber es ist eine Anerkennung für das, was ich an Arbeit und Herzblut reingesteckt habe ins Judo. Ich habe mir den Titel nicht in Peking verdient, sondern in den fünfzehn Jahren davor, als ich die Berge hochgerannt bin, trainiert und studiert habe und viele um mich herum gefragt haben: Warum machst du das?

Ewiger Ruhm: „Ich wollte einfach die Medaille. Nicht das Stück Metall, sondern den Olympiasieg”
Ewiger Ruhm: „Ich wollte einfach die Medaille. Nicht das Stück Metall, sondern den Olympiasieg” Bild: picture-alliance/ dpa

Warum haben Sie es gemacht?

Ich wollte einfach die Medaille. Nicht das Stück Metall, sondern den Olympiasieg. Dass ich in Peking die einzige Goldmedaille für Deutschland im Kampfsport gewonnen habe, bedeutet auch Verantwortung für mich. Ich will ja keinen Mist bauen.

Sie haben die Öffentlichkeit offensiv gesucht. Nervt es Sie jetzt nicht manchmal, so bekannt zu sein?

Noch vergrabe ich mich nicht. Manchmal möchte ich aber mit gesenktem Kopf durch die Halle laufen, vor allem in Stresssituationen. Denn Kleinigkeiten können einen manchmal völlig rausbringen. Ich hatte neulich einen Kampf, wo ich schon aufgepusht und im Tunnel war, als ein kleines Mädchen mich fragte, ob ich ihr ein Autogramm schreiben könnte. Ich habe das Autogramm gegeben, das Kind war glücklich, aber ich war mit dem Kopf draußen. Immerhin habe ich den Kampf noch gewonnen.

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Ole Bischof mag manchmal hart auf die Matte prallen, aber, um im Volksmund zu sprechen, auf den Kopf gefallen ist er nicht. An der Kölner Universität studiert er Volkswirtschaftslehre, in den nächsten Monaten steht die Diplomarbeit an. Das Studium hat sich in die Länge gezogen, nicht nur, weil Bischof die meiste Zeit von einem Wettkampf zum nächsten rund um die Welt reist, sondern auch, weil er nebenbei Trainingskurse für Judoka anbietet und von Unternehmen gebucht wird, um vor der Belegschaft Vorträge zu halten: über Gesundheit, Motivation, Leistung.

Worin fühlen Sie sich wohler, im weißen Judo-Anzug oder im dunklen Business-Dress?

Im Judo-Anzug, ganz klar. Ich bin kein Motivationsguru, der sich irgendwelche Theorien überlegt und von anderen Leuten erzählt. Was sich die Zuhörer aus meinen Worten ziehen, bleibt ihnen überlassen. Das Tolle an den Veranstaltungen ist, dass ich wirklich erzählen darf, wie mein Weg verlaufen ist, was ich erlebt habe und wie ich es geschafft habe, als Deutscher den Asiaten eine Medaille wegzunehmen. Außerdem kann ich die Werte des Judo vermitteln: Respekt, Höflichkeit, Ethik, Fairness, das ist bei uns sehr wichtig. Wenn Vereine mich einladen, kommen bis zu 230 Judoka, und denen zeige ich Techniken. So kann ich meinem Sport etwas zurückgeben. Und ich verdiene auch daran.

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Sie haben auch eine kleine Kollektion von Fanartikeln: T-Shirts und Trinkflaschen mit Ihrem Konterfei und Ihrer Signatur. Steckt eine Strategie dahinter, sich so zu vermarkten?

Wenn Sie damit meinen, ob ich den großen Reibach geplant hatte: nein. Bei jedem Lehrgang, den ich gegeben habe, haben zwanzig Kinder gefragt, ob ich nicht ein T-Shirt oder irgendwas anderes für sie hätte. Daraufhin habe ich jemanden angesprochen, ob er mir T-Shirts machen kann. Die Nachfrage war also da. Aber ich habe keinen Bauchladen.

Workshops veranstalten Sie auch in Kalifornien, Florida, New York und auf Hawaii. Es gibt schlimmere Orte, um Geld zu verdienen.

Die gibt's, aber ich bin halt der Olympiasieger. Dann bekommt man eben auch mal eine E-Mail aus Amerika.

Auch in der virtuellen Welt ist Bischof zu Hause. Neuerdings gibt's den Olympiasieger sogar als Applikation fürs iPhone. Für 2,39 Euro können sich Judo-Freunde acht Techniken herunterladen: Macht dreißig Cent für eine Aktion, die vom Olympiasieger dargeboten wird - ein Schnäppchen, findet der angehende Volkswirt. Allerdings, sagt Bischof, könne kein noch so gutes Video die Wirklichkeit ersetzen, also jene Momente, wenn man mit dem Gegner aneinandergerät, wenn man ihn zu Fall bringen oder seine Attacken kontern will. „Den anderen an der Jacke haben“ nennt Bischof die Tuchfühlung auf der Matte. Wie die anderen Judoka tingelt er immer wieder zu internationalen Trainingslagern, wo er nicht nur gegen aufstrebende Talente übt, sondern auch gegen WM-Konkurrenten kämpft.

Wie viel geben Sie von Ihrer Taktik preis, wenn Sie mit Ihren Rivalen aus Frankreich und Russland übungshalber auf der Matte stehen?

Das kommt darauf an, wie offen der andere kämpft. Wenn der andere relativ offen ist, bin ich es auch. Es ist aber nicht so, dass wir an dem anderen Techniken ausprobieren. Manchmal genügt es, einen Moment zu erleben und zu merken, er geht nicht in die Technik rein. Dann hat man gespürt, okay, es könnte klappen, hat aber trotzdem nicht zu viel verraten.

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In Tokio sind erstmals bei einer WM zwei Teilnehmer pro Nation und Gewichtsklasse zugelassen. Wie viel schwieriger werden die Titelkämpfe, wenn zwei Südkoreaner und zwei Russen antreten?

Klar, die können Stolpersteine sein. Aber ich bin Olympiasieger, das bisschen Selbstbewusstsein habe ich schon.

Was erwarten Sie von sich bei der WM?

Bei Kampfsport weiß man nie so recht, was rauskommt. Selbst wenn ich mich optimal vorbereitet habe und noch besser drauf bin als in Peking, ist es nicht sicher, dass ich gewinne. Ich kann auch schlechter drauf sein, und es kann trotzdem gut laufen, wenn die Auslosung gut ist. Aber mit meiner guten Ausdauer kann so ein langer Wettkampftag von Vorteil sein, weil man am Ende des Abends noch fit sein muss.

Und im Kopf müssen Sie auch hellwach sein.

Klar, der Kopf braucht auch Training. Ich kann nicht einfach davon ausgehen, dass ich bei meinem WM-Kampf mental fit bin. Ich muss mich darauf einstellen, und dabei hilft mir das Gewichtmachen. Wenn ich in den Tagen vor dem Kampf abnehme, dann weiß ich auch, dass es immer mehr Richtung Punkt geht. Der Kopf kann einen zum Scheitern bringen. Viele Chancen hat man ja nicht in so einem Kampf.

Ole Bischof hat seine Chancen genutzt, nicht nur bei den Kämpfen in Peking, sondern auch im Leben danach. Der Kölner Kneipier kennt ihn, Stefan Raab kennt ihn, das deutsche Fernsehpublikum hat ihn erlebt. Ob er nach der WM noch eine weitere Chance im Judo sucht und bei Olympia 2012 in London oder aus der Öffentlichkeit abtaucht, das behält er noch für sich.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Klemm, Thomas
Thomas Klemm
Sportredakteur.
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