Judo-EM

Im Auto nach Prag

Von Katja Sturm
19.11.2020
, 08:40
Mit dem Privatauto zur EM fahren? Corona hält für Judoka Eduard Trippel besondere Herausforderungen bereit. Sein Trainingspartner Alexander Wieczerzak muss zu Hause bleiben.

Wann genau Eduard Trippel zuletzt mit dem Privatauto zu einem Wettkampf gefahren ist, daran kann sich der 23 Jahre alte Judoka nicht erinnern. „Wahrscheinlich als Kind mit meinen Eltern zu irgendeinem Bezirksvergleich“, vermutet der dreimalige deutsche Meister vom JC Rüsselsheim. An diesem Donnerstag werden es die kontinentalen Titelkämpfe sein, zu denen sich der Hesse gemeinsam mit seinem Zimmerkollegen Falk Petersilka von Köln aus aufmacht.

Die ermüdende Fahrt nach Prag, bei der sich die beiden Sportler über sieben, acht Stunden hinweg am Steuer abwechseln wollen, ist den besonderen Bedingungen geschuldet, unter denen die am gleichen Tag beginnenden Europameisterschaften aufgrund der Coronavirus-Pandemie ausgetragen werden.

Um auch untereinander enge Kontakte so weit wie möglich zu vermeiden und damit die Ansteckungsgefahr zu verringern, reist die Delegation des Deutschen Judo-Bundes (DJB) gestaffelt an: jeder Starter erst zwei Tage vor seinem Wettkampf. Trippels häufiger Trainingspartner, der Wiesbadener Alexander Wieczerzak, ist nicht dabei. Den Weltmeister von 2017 erreichte am Sonntag die Nachricht, dass er direkten Kontakt mit einer Person hatte, bei der später der Covid-19-Erreger nachgewiesen wurde. Statt sich am Freitag mit der Konkurrenz in der Klasse bis 81 Kilogramm zu messen, musste sich der 29-Jährige in Quarantäne begeben.

„Wir haben schon länger nicht mehr zusammen trainiert“, erklärt Trippel. Ebenfalls betroffen zu sein, musste der Kämpfer der Klasse bis 90 Kilogramm deshalb nicht fürchten. Das Corona-Thema wird trotzdem allgegenwärtig sein, wenn sich Athleten aus 42 Nationen in der tschechischen Hauptstadt treffen. Obwohl im Ausrichterland der Notfall ausgerufen wurde, hat Trippel angesichts des ausgefeilten Hygienekonzeptes keine Sicherheitsbedenken. Doch nicht alle neuen Regeln sind für den Polizisten nachvollziehbar. So dürfen die Gegner zwar miteinander ringen, sich am Ende jedoch nicht die Hände schütteln. „Das macht für mich keinen Sinn“, sagt der angehende Kommissar.

Ohne Zuschauer in der Arena

Zuschauer werden in der Arena fehlen; die Teamkollegen dürfen aber auf der Tribüne sitzen. Mehr als Halle und Hotel werden die Delegationen in den drei Wettkampftagen nicht sehen. Nach zwei Corona-Tests vor der Abreise müssen sich die Teilnehmer vor Ort einer weiteren Untersuchung unterziehen und auf ihren Zimmern bleiben, bis ein negatives Ergebnis vorliegt. Die Isolation erschwert es, vor dem Wiegen am Vorabend des Wettkampfs die noch fehlenden hundert Gramm herunterzuschwitzen. Joggen vor Ort wird nicht möglich sein. Trippel hat deshalb ausnahmsweise sein nötiges Gewicht schon vor der Abreise erreicht. In seinem Gepäck befinden sich Nudeln, Reis und „was Süßes zum Belohnen“. Kein Restaurant wird geöffnet sein, in dem man das Ende der Diät feiern und sich für die Herausforderung am nächsten Morgen mit einer gehörigen Portion an Kohlehydraten stärken kann.

Die sportliche Bedeutung der Veranstaltung will der frühere Mixed-Team-Europameister nicht überbewerten. „Es ist vor allem ein Wettkampf zum Reinkommen“, sagt er. Punkte für die Olympiaqualifikation gibt es nicht. Zwar liebäugelt der Weltmeisterschaftsfünfte von 2018 damit, endlich sein erstes internationales Edelmetall bei einer Einzelmeisterschaft der Aktiven zu gewinnen. Doch nachdem monatelang alle Wettbewerbe ausfielen und Trippel seit dem ersten Lockdown im Frühjahr nur einmal beim Länderkampf gegen Österreich in Wien Ende August sein Können im Ernstfall beweisen durfte, wobei er seinem schwächer eingeschätzten Gegner Johannes Pacher unterlag, fehlen jetzt Routine und „das Taktische“. Wettkampfsimulationen im Training fühlten sich anders an, gerade was die Anspannung und Nervosität angehen, die Trippel zuletzt bei Großereignissen frühzeitig bremsten.

In punkto Kraft und Ausdauer konnte er im Sommer zulegen und sich neue Techniken aneignen. Für lange Trainingsphasen lässt die Saison sonst wenig Zeit. Auch seine Ausbildung trieb Trippel voran, zog Prüfungen an der Wiesbadener Polizeihochschule vor, die er eigentlich nach hinten verschoben hatte, um den Kopf für das so gut wie feststehende Olympiadebüt frei zu haben. Je nach Abschneiden bei der EM will er vor der Reise nach Tokio, die jetzt erst im Juli 2021 ansteht, noch mehr oder weniger Auftritte einplanen. Der Judo-Kalender soll sich im Januar normalisieren. In Zukunft würde der 17. der Weltrangliste es aber vorziehen, zu Wettkämpfen nicht noch einmal mit dem dem eigenen Auto anzureisen.

Quelle: F.A.Z.
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