Julius-Hirsch-Preisträgerin Ribler

„Rechtsextreme missbrauchen Sportvereine für ihre Zwecke“

08.09.2010
, 11:15
Angelika Ribler: „Teilweise haben Rechtsextreme ganze Orte terrorisiert”
Gegen Rassismus und Rechtsextremismus: Angelika Ribler, Referentin für Jugend- und Sportpolitik bei der Sportjugend Hessen und Gewinnerin des Julius-Hirsch-Ehrenpreises 2010, berät Vereine und bietet Präventionskurse an.
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Mit dem Julius-Hirsch-Preis würdigt der Deutsche Fußball-Bund (DFB) Personen, Initiativen und Vereine aus, die sich „beispielhaft und unübersehbar für die Unverletzbarkeit der Würde des Menschen und gegen Antisemitismus und Rassismus, für die Vielfalt aller Menschen und für Verständigung und gegen Ausgrenzung von Menschen“ einsetzen. Der Preis ist nach dem ehemaligen jüdischen DFB-Auswahlspieler Julius Hirsch benannt und wurde erstmals 2005 vergeben.

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Der SV Sedlitz Blau Weiß 90 aus Brandenburg, Roter
Stern Leipzig und der SV Lehrte 06 sind mit den „normalen“ Ehrungen ausgezeichnet worden, Angelika Ribler, Referentin für Jugend- und Sportpolitik bei der Sportjugend Hessen und Gewinnerin des Julius-Hirsch-Ehrenpreises 2010, hat für ihre Beratung für Vereine einen Ehrenpreis erhalten. Im Interview spricht sie über ihr Engagement.

Sie beraten seit drei Jahren hessische Vereine bei rechtsextremen und rassistischen Vorfällen. Welche Sportart ist am anfälligsten?

Die meisten Vorfälle haben wir im Fußball. Aber ich würde nicht sagen, dass das an der Sportart liegt. Wir haben einfach mehr als sechs Millionen Menschen, die im DFB organisiert sind. Deshalb ist die Wahrscheinlichkeit höher. Wir hatten aber regional auch schon Vorfälle beim Eishockey und bei den Leichtathleten und bundesweit in einigen anderen Sportarten.

Wie viele rechtsextreme Vorfälle haben Sie bisher bearbeitet?

Wirklich rechtsextreme Vorfälle gab es so um die 15. Gegenseitige Diskriminierung und Beleidigungen und Alltagsrassismus kamen ungleich häufiger vor.

Wie sehen denn diese alltäglichen Diskriminierungen aus?

Wenn es zum Beispiel im Fußball zu gegenseitigen „interkulturellen“ Beleidigungen der Spieler hinter dem Rücken des Schiedsrichters kommt. Das kennt man vom WM-Endspiel 2006 zwischen Materazzi und Zidane. Die Beleidigungen haben zum Ziel, den schwächsten Punkt des anderen zu treffen, damit der die Kontrolle verliert, tritt oder stößt, und vom Platz gestellt wird. Der empfindlichste Punkt vieler Deutscher ist das Wort „Nazi“, der vieler Migranten „Kanake“. Bei Spielen gegen TuS Makkabi Frankfurt kommt es immer wieder zu unerträglichen antisemitischen Beleidigungen, wie zum Beispiel „Judensau“ oder „man hat vergessen, euch zu vergasen“.

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Gibt es eine steigende Tendenz für solche Beleidigungen?

Es gibt auf jeden Fall eine verschärfte Wahrnehmung und aufgrund neuer Antirassismusparagraphen mehr Anzeigen. Aber mit Bestrafen alleine ist es nicht getan. Die Idee ist hinter unserer Arbeit für die Sportjugend Hessen, dass wir diese Konflikte aufarbeiten. Wir machen Präventionskurse, bei denen die Sportler lernen, mit Beleidigungssituationen umzugehen. Und wir geben auch Kurse für durch Sportgerichte verurteilte Täter. Sie sollen per Perspektivwechsel merken, was solche Beleidigungen anrichten, nach dem Motto: 'Was Du nicht willst, das man Dir tu', das füg' auch keinem anderen zu'.

Wie überprüfen Sie, ob Ihre Arbeit erfolgreich ist?

Das merken unsere Mitarbeiter. Die sind lange genug im Ring, um zu unterscheiden, ob jemand nur 'Ja' und 'Amen' sagt und beteuert, dass er so etwas nie wieder tut, oder ob jemand ernsthaft darüber nachgedacht hat. Wenn die Maßnahmen nicht wirken würden, stünden die Täter zudem schnell wieder vor dem Sportgericht.

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Zurück zu den rechtsextremen Vorfällen: Wie sehen die aus?

Dabei handelt es sich zum Beispiel um Personen, die sich überhaupt nicht mehr auf der demokratischen Grundordnung befinden. Bei den Fällen, die ich bearbeitet habe, war es teilweise so, dass die Rechtsextremen Gewalt angewendet und ganze Orte terrorisiert haben. Die Vereine sind insofern betroffen, als dass Rechtsextreme in den Mannschaften spielen, als Funktionäre und Trainer Jugendmannschaften betreuen oder Sportveranstaltungen für die Verbreitung ihrer Ideologie missbrauchen.

Wie reagieren die Vereinsfunktionäre, wenn sich dort ein Vorfall ereignet hat?

Manche sind sehr überrascht, weil sie noch gar nicht davon wissen. Wenn sie es wissen, frage ich nach, was sie tun, um ihre Vereinsmitglieder dagegen zu schützen. Dann führe ich Gespräche mit den Vorständen, weil ich einen Beratungsauftrag vom Verein brauche, der sagt, wir möchten gerne etwas ändern, unseren Verein demokratisch stärken, unsere Satzung anpassen oder eine Jugendbetreuerschulung machen.

Arbeiten die Vereine immer gleich mit Ihnen zusammen, wenn etwa ein rechtsextremer Trainer bei ihnen tätig ist?

Manchmal kommt es zu der nachvollziehbaren aber problematischen Situation, dass die Vereine zwischen Traineramt und der Privatperson trennen. Sie sagen: Was er in der Freizeit macht, ist seine Sache. Solange er im Verein kein rechtsextremes Gedankengut hereinbringt, dann ist das in Ordnung. Diese Trennung ist eine Beratungsbarriere.

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Gibt es weitere Schranken, welche die Arbeit in den Vereinen hemmen?

Ja, vor allem die Verwechslung zwischen politischer Neutralität und parteipolitischer Neutralität. Alle Vereine haben ja in ihrer Satzung stehen, „der TSV XY ist politisch neutral“. Dann heißt es, dass man wegen dieses Passus' nichts gegen Rechtsextremismus tun könne. Ich sage dann immer, dass es genau umgekehrt ist: Gerade weil sie politisch neutral sind, müssen sie etwas tun gegen Rechtsextremismus.

Wie kann das aussehen?

Die Vereine können etwa Regeln vereinbaren, wie sie Rechtsextremismus im Vereinsheim, auf dem Sportplatz oder in den Übungsstunden stoppen. Ansonsten ist etwa eine Kleiderordnung nicht verkehrt. Das Paradebeispiel sind Artikel der Marke Thor Steinar, da kann ein Verein deutlich sagen: Bei uns auf dem Platz wird kein Thor-Steinar-Shirt getragen, weil es eben gerne von Rechtsextremen getragen wird. Oder: Bei uns gibt es keine Trikotnummer 88, weil sie im Zahlenkode der Rechtsextremen eine Rolle spielt: Die Acht steht dort für den achten Buchstaben des Alphabets, also für das H und 88 bedeutet in dem Kode „Heil Hitler“. Der Hessische Fußball-Verband hat deshalb die 88 im Spielbetrieb verboten

Eine zweite Säule Ihrer mit dem Julius-Hirsch-Preis ausgezeichneten Arbeit ist die Prävention. Wie sieht die aus?

Zum Beispiel bilden wir jedes Jahr rund 125 junge Menschen zu Übungsleitern aus, die in hessischen Vereinen ihr Freiwilliges Soziales Jahr leisten. Ein Teil davon ist ein Präventionskurs, in dem ich erzähle, woran man Rechtsextremismus erkennt, was man tun kann, wenn im Umfeld eines Vereins Rechtsextreme auftreten. Außerdem machen wir hier Schulungen für andere interessierte Übungsleiter. Zuletzt gab es eine Anfrage aus Nordhessen, da hatten sich ein paar Engagierte zusammengeschlossen, die sagten, komm wir machen uns jetzt schlau, dann können wir erkennen, wenn sich Leute mit rechten Ideen unserem Verein nähern.

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Warum wollten die sich schlau machen?

Überall dort, wo der Staat sich zurückzieht, gehen Rechtsextreme hin und bieten Hilfe an, zum Beispiel Hausaufgabenhilfe, Hilfe bei der Jobbewerbung oder bei der Suche nach Praktikumsplätzen. Und die Vereine fallen auch in den Bereich, da Rechtsextreme Ehrenämter bekleiden wollen und die sozialen Netzwerke der Vereine für ihre Zwecke nutzen.

Überfrachtet man den Sport nicht mit der Aufgabe, Rassismus und Rechtsextremismus zu verhindern?

Der Sport bietet gute Chancen. Zum Beispiel dass ein Jugendlicher lernt, in einer Gruppe zu agieren, zu gewinnen und zu verlieren. Das ist gut für die Sozialisation des Kindes. Aber der Sport hat auch Grenzen. Ich möchte zumindest erreichen, dass die Vereine im Alltag reagieren, dass sie klar machen, wofür sie stehen. Es geht darum, im Sinne von Zivilcourage bei schwierigen Situationen einzugreifen.

Wir haben viel über Rechtsextremismus geredet, gibt es eigentlich keine Probleme mit Gewalt von links?

Das ist zumindest in Hessen kein Thema. Aber wenn dem so wäre, dann müsste man damit umgehen, das ist keine Frage. Linksextremismus wird dann schwierig, wenn er genau so wie Rechtsextremismus die demokratische Grundordnung angreift. In solchen Fällen würde ich genauso agieren, da verteidige ich unseren Staat und unsere Demokratie.

Der Preis: Der Deutsche Fußball-Bund verleiht den Julius-Hirsch-Preis seit 2005 an Vereine, Spieler, Trainer und Funktionäre, die sich gegen Diskriminierung und Ausgrenzung von Menschen auf dem Fußballplatz, im Stadion und in der Gesellschaft stellen. Der Preis erinnert an den deutsch-jüdischen Nationalspieler Julius Hirsch, der 1943 im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau umgebracht wurde. In diesem Jahr wird unter anderem der SV Sedlitz Blau Weiß 90 aus Senftenberg in Brandenburg ausgezeichnet, der seit seiner Neugründung ein örtliches Asylbewerberheim in seine Arbeit einbindet. Der Ehrenpreis wird seit 2009 vergeben, im vergangenen Jahr erhielt ihn der Journalist Giovanni di Lorenzo.

Die Person: Angelika Ribler ist 48 Jahre alt und stammt ursprünglich aus Hamburg. Die Diplom-Psychologin und Diplom-Sportwissenschaftlerin hat selbst geturnt, war Leichtathletin, hat Volleyball und Fußball gespielt. Nach eigenen Angaben beschäftigt sie sich seit ihrer Jugendzeit mit den Themen Nationalsozialismus und Holocaust und vertritt die Ansicht, dass „so etwas sich nicht wiederholen darf“, wie sie sagt. Noch in Hamburg startete Ribler deshalb 1990 ein erstes Sportprojekt, das sich gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus wendete. Das Preisgeld des Julius-Hirsch-Preis in Höhe von 5000 Euro plant Angelika Ribler zu spenden: Jeweils 2500 Euro sollen an die Bürgerinitiative „Grätsche gegen Rechtsaußen“ in Echzell-Gettenau (Hessen) und an die Antifaschistische Bildungsinitiative e.V. gehen.

Das Projekt: Bei der Sportjugend Hessen leitet Angelika Ribler seit 1998 das Projekt „Interkulturelles Konfliktmanagement im Fußball“ und seit 2007 die „Mobilen Interventionsteams gegen Rechtsextremismus im Sport“. Die Beratungsarbeit der Interventionsteam wird finanziert durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und von der Sportjugend Hessen. Weitere Information finden sich im Internet unter der Adresse www.sportjugend-hessen.de. Interessierte können sich auch direkt an Angelika Ribler wenden unter der E-Mail-Adresse: ARibler@sportjugend-hessen.de.

Die Fragen stellte Martin Gropp.

Quelle: FAZ.NET
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