Leichtathlet Karsten Warholm

Die Angriffslust des Wikingers

Von Michael Reinsch, München
19.08.2022
, 12:48
„Natürlich“ selbstbewusst:  Karsten Warholm hat sich vorgenommen, das Resultat der WM im kommenden Jahr zu ändern
Zurück aus der Hölle: Die Niederlage von der Leichtathletik-WM in Eugene hat Karsten Warholm näher zu sich selbst gebracht. Nun, bei der EM in München, will er das tun, was er am besten kann: kämpfen.
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Die Erinnerung an den Endlauf der Weltmeisterschaft über 400 Meter Hürden ist eindrücklich. Kraftvoll stürmt Olympiasieger Karsten Warholm aus der Zielkurve. Es sieht danach aus, dass er in gewohnter Manier die Spitze nehmen und seinen dritten Titel hintereinander gewinnen wird – doch in diesem Moment verlassen ihn die Kräfte.

„Es war schrecklich“, erinnert sich der Norweger: „Ich bin es schnell angegangen, denn ich wusste, es würde ein schnelles Rennen werden. Aber mit all meinen Schwierigkeiten, mit der Verletzung, die ich gehabt hatte, hat’s einfach nicht gereicht. Der Tank war leer. Ich hatte nichts mehr für die letzten hundert Meter.“

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Mit einer Zeit von 46,29 Sekunden wurde der Brasilianer Alison dos Santos Weltmeister. Warholm, der erste und einzige Athlet, der 400 Meter Hürden in weniger als 46 Sekunden gelaufen ist, bei seinem Olympiasieg von Tokio 2021 in 45,94 Sekunden, kam zwei Sekunden später ins Ziel getrabt. Noch in der Nacht buchte er seinen Rückflug um auf den nächsten Morgen. Von der WM hatte er die Nase voll.

„Mit dem Selbstbewusstsein eher kein Problem“

Nun ist er bei der Europameisterschaft in München, und alle Leichtathletik-Welt erwartet seinen Sieg. „Ich weiß, warum ich in Eugene keine niedrige 46er-Zeit gelaufen bin“, sagt der 26 Jahre alte Norweger: „Ich war nicht vollständig vorbereitet. Ich bin niemand, der sagt: Ich werde gewinnen. Ich sage das nicht einmal hier, denn darum geht es: das Rennen. Dafür sind wir hier und das macht die Spannung aus. Das Einzige, was ich versprechen kann, ist, dass ich versuchen werde zu kämpfen.“

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Eine Zerrung des Oberschenkelmuskels, gefolgt von einer Ilio-sakral-Entzündung, hatte Warholm beim Auftakt der Diamond League in Rabat in Marokko aus der Bahn geworfen. Sechs Wochen lang konnte er nicht richtig trainieren. In der Zeit sei er nah an der Hölle gewesen, klagte er. Statt nach Amerika zu fliegen, zur WM, hätte er zu Hause bleiben können. Doch weil er die Verletzung immerhin auskuriert hatte, stellte er sich – ohne einen einzige Wettkampf bestritten zu haben.

Mit überbordendem Ehrgeiz: Karsten Warholm in München
Mit überbordendem Ehrgeiz: Karsten Warholm in München Bild: Reuters

„Ich hätte gern ein paar Rennen gehabt fürs Selbstbewusstsein. Aber mit dem Selbstbewusstsein habe ich ja eher kein Problem“, sagte er vor dem Wettbewerb. Im Rückblick auf die Niederlage scherzte er nun in München vor dem Finale an diesem Freitag (22.00 Uhr in der ARD): „Als die Titanic unterging, hat das Bordorchester ‚Closer to God‘ gespielt. Das habe ich auch getan.“ Doch natürlich sei so eine Niederlage nicht wirklich eine Katastrophe – „auch wenn es sich so anfühlt“.

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„Konzentriere mich nur auf mich“

Der Einbruch von Eugene war nicht der erste des Überfliegers Karsten Warholm. Bei der Europameisterschaft von Berlin 2018 versuchte er sich am Double auf der Stadionrunde. Über die Hürden gewann er den Titel. Über die 400 Meter flach erreichte er immerhin den Endlauf – und entkräftet fast zwei Sekunden hinter dem Briten Matthew Hudson-Smith, der auch in München Europameister wurde, das Ziel.

„Erinnere mich nicht daran“, erwiderte er auf die Frage, ob er denn der Niederländerin Femke Bol das Double über 400 Meter flach und 400 Meter Hürden zutraue. Sie legte am Mittwochabend mit dem ersten Titelgewinn vor, der zweite soll an diesem Freitag folgen.

Vielleicht hatte die Niederlage von Eugene etwas Gutes, spekuliert Warholm. „So etwas sorgt dafür, dass du dich besser kennenlernst“, sagt er: „Dass ich so viel darüber nachdenke, zeigt mir, wie viel mir mein Sport bedeutet.“ Das ist keine Überraschung. Der Mann aus dem Ort Ulsteinvik an der norwegischen Westküste, der mit seinem Kampfgeist und seinem unbändigen Jubel als authentischer Wikinger durchgeht, hasst es, zu verlieren.

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Ein geradezu fanatischer Anhänger jeder Art von Sport, der zu Hause Stunden vor dem Fernsehgerät verbringt, kapselt sich ausgerechnet bei den European Championships in München ab. „Ich habe zu Hause ein bisschen was vom Schwimmen in Rom gesehen“, sagt er: „Aber hier bin ich in meiner kleinen Bubble und konzentriere mich nur auf mich. Das ist selbst bei Olympischen Spielen so, obwohl ich die Olympischen Spiele liebe.“

Er werde alles tun, was er tun könne, um das Resultat der Weltmeisterschaft im kommenden Jahr zu ändern, verspricht Warholm – und relativiert mit seiner Betonung der WM ein klein wenig die Bedeutung dieser Europameisterschaft.

„In meinem Leben der Star“

Woher er seine Zuversicht nimmt? „Ich habe eine Menge natürliches Selbstbewusstsein“, antwortet Warholm: „Das liegt daran, dass ich mich bemühe, in meinem Leben der Star zu sein. So wie jeder versuchen sollte, der Star in seinem eigenen Leben zu sein.“

Was er damit meint? Kaum zu glauben: Der Athlet, der kein Geheimnis aus seinem überbordenden Ehrgeiz macht, will sich nicht abhängig von Resultaten machen. Sagt er jedenfalls. Und räumt ein: „Das wird immer schwieriger. Ich treffe sehr viele Menschen nur, weil ich der 400-Meter-Hürdenläufer bin. Nicht, weil sie mich für einen netten Kerl halten.“

Das wäre, jedenfalls für andere Läufer, auch ein Irrtum. Warholm geht, das wird sein Rennen voraussichtlich zeigen, wieder mit der Angriffslust eines Wikingers auf die Bahn. Nett sein, das ist für diesen Kämpfer jedenfalls auf der Bahn keine Kategorie.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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