Gold für deutsche Radfahrerin

Die Radwandlerin Lisa Brennauer

Von Alex Westhoff
08.10.2021
, 12:15
So schnell wie kein anderes Team: Franziska Brauße und Lisa Brennauer
Durch den Matsch auf der Straße oder mit Präzision auf der Bahn? Lisa Brennauer wechselt blitzschnell von Paris–Roubaix zur Europameisterschaft – und gewinnt im Team Gold.
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Lisa Brennauer vermag die Radsportwelten in Windeseile zu wechseln. Am Samstag wühlte sie sich noch durch Matsch und grobes Kopfsteinpflaster bei Paris–Roubaix – bei der 118. Ausgabe der Traditionsveranstaltung war erstmals ein Frauenrennen integriert worden. Es wurde ein erinnerungswürdiges Rennen für die Szene und auch für die 33-Jährige, die nach einem zehrenden Ritt starke Vierte wurde. Vier Tage später ist Lisa Brennauer nicht mehr als Ausdauerkraft über 116 Kilometer in Nordfrankreich gefragt, sondern als Powerfrau über vier Kilometer in der Schweiz.

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Von den Anforderungen an eine Athletin liegen Paris–Roubaix und Mannschaftsverfolgung auf der Bahn wahrlich diametral gegenüber. Eben noch dreckverschmiert auf der Straße, dann war schon wieder ihre fast klinische Präzisionsarbeit auf der Bahn benötigt. Lisa Brennauer bereitete es keine Schwierigkeiten, sich in den deutschen Vierer-Hochgeschwindigkeitszug einzugliedern und am Mittwoch ihren Anteil zu leisten zum Gewinn der Goldmedaille bei den Europameisterschaften. Der Olympiasieg in Weltrekordzeit in Tokio liegt ja auch noch nicht lange zurück.

Die fettestmögliche Beute nach Corona

„Ich habe mir nach Olympia gesagt: Ich nehme jeden Wettkampf, wie er kommt. Ein Highlight jagt das nächste, das muss man erst einmal verarbeiten“, sagt Lisa Brennauer. Beim EM-Rennen in Grenchen legte das deutsche Quartett mit Franziska Brauße, Mieke Kröger und Nachwuchsfahrerin Laura Süßemilch (für die an der Schulter verletzte Olympiasiegerin Lisa Klein dabei) im Finale einen kraftvollen wie gleichmäßigen Lauf hin. Brennauer und Co. ließen sich auch nicht davon beirren, dass Gegner Italien das Rennen enorm schnell anging. Am Ende setzte sich der deutsche Vierer in 4:13,489 Minuten mit über sieben Sekunden Vorsprung durch – eine Welt im Bahnradsport.

Gezeichnet aber glücklich: Bei Paris–Roubaix ging es für die Fahrerinnen über zum Teil schwierigen Untergrund.
Gezeichnet aber glücklich: Bei Paris–Roubaix ging es für die Fahrerinnen über zum Teil schwierigen Untergrund. Bild: Picture-Alliance

„Ich bin sehr froh, dass wir unsere Strategie wieder anwenden und das Ding nach Hause fahren konnten“, sagte Mieke Kröger. Eine Strategie, die mittlerweile auf Dominanz gründet. Und nach der langen Corona-Pause die fettestmögliche Beute ermöglicht. Nämlich nach Olympiagold und EM-Sieg auch den Triumph bei den Weltmeisterschaften. Dafür muss das deutsche Quartett die Form bei Maßarbeit und Teamwork gar nicht mehr lange halten, denn die WM steigt schon in zwei Wochen. Wo? Lisa Brennauer wird es freuen – in Roubaix.

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Dann wird Franziska Brauße wieder Anfahrerin sein, den Zug auf Expresstempo bringen. Und Mieke Kröger wird ihren „Dieselmotor“ anschmeißen, wie es Bundestrainer André Korff bezeichnet. Die Chancen stehen gut, dass das Team so auf Touren bleibt und zu Triple-Gold 2021 greift. Dass der Bund Deutscher Radfahrer international mal den Goldstandard bei den Verfolgerinnen stellen würde, davon war viele Jahre nicht auszugehen.

Denn der Männer-Vierer war stets Aushängeschild und verlässlicher Medaillenlieferant – 16 WM-Titel und fünf Olympiasiege holten west- und ostdeutsche Verfolger seit 1962 insgesamt. Der letzte große Erfolg war Olympiagold in Sydney vor 21 Jahren. Bei den Frauen wurde der Vierer erst 2008 WM-Disziplin und 2012 olympisch. Nach mageren Jahren schlossen die deutschen Frauen erst mit Bronze bei der Heim-WM 2020 in Berlin zur Weltspitze auf.

Lisa Brennauers Bereitschaft, neben ihrer Straßenkarriere auf die Bahn zurückzukehren, hatte ihr einen Schub gegeben. Die Sternstunde von Tokio war der vorläufige Höhepunkt. „Es hat sich extrem viel getan im Frauen-Radsport. Anfangs wurde alles ein bisschen stiefmütterlich behandelt, und die Frauen wurden vor zehn Jahren noch belächelt. Das Leistungsniveau hat sich aber ex­trem entwickelt“, sagt Bundestrainer Korff. Mit Lisa Brennauer als bestem Beispiel. Sie könnte nun in Roubaix ihre vierte Gold-Zeremonie des Jahres buchen. Neben den beiden Titeln auf der Bahn war sie unlängst auch Teil der siegreichen Mixed-Staffel bei der Straßen-WM in Flandern.

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Quelle: F.A.Z.
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