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Marathon

Alles nur erschlichen

Von Andreas Schmid, Zürich
 - 12:22

Den Blick gegen die Laufrichtung gerichtet, auf den Zehen abstoßend und mit den Unterschenkeln nach Raum greifend. In der sportlichen Exotendisziplin Rückwärtslaufen - Retrorunning - hat sich die Liechtensteinerin Kerstin Metzler-Mennenga im September 2006 in die Weltrekordliste eingetragen. In München absolvierte sie die Halbmarathondistanz in 2:15:38 Stunden.

Doch vorwärts ging es für die Sportlerin, die erst als Neunzehnjährige mit dem Laufen begonnen hatte, erst einmal nur sehr langsam. Dabei unternahm die Marathonspezialistin mit Blick auf die Olympischen Spiele 2008 in Peking alles, um sich „den größten Traum meiner Sportlerkarriere“ zu erfüllen. Die in Liechtenstein geforderte Olympianorm von 2:48:50 Stunden schien trotzdem außer Reichweite. Die Diabetikerin wurde zusätzlich von gesundheitlichen Problemen gebremst.

„Ich wusste schon vorher, dass ich in Form bin“

Im vergangenen Frühjahr wurde die mittlerweile 26 Jahre alte Sportstudentin an der ETH Zürich jedoch plötzlich zur ernsthaften Olympiakandidatin: Am 29. April tauchte Kerstin Metzler-Mennenga in Hamburg mit 2:52:14 und neuem Landesrekord in der Ergebnisliste auf. Das bedeutete die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Osaka. Dort belegte sie bei schwierigen klimatischen Bedingungen in 3:11:45 Rang 53 von 57 in die Wertung gekommenen Läuferinnen. Bereits vier Wochen später, am 30. September beim Berlin Marathon, stieß die gelernte Physiotherapeutin in andere Dimensionen vor: Mit neuem, wundersamem Landesrekord von 2:42:21 schien ihr Olympiatraum wahr zu werden. „Ich wusste schon vor dem Rennen, dass ich in Form bin“, sagte die seit Ende 2006 verheiratete Liechtensteinerin.

Haile Gebrselassie
Marathon-Weltrekord in Berlin
© reuters, reuters

In Form war freilich ein anderer: Kerstin Metzler-Mennengas Ghost-Runner. Wie sich vergangene Woche herausstellte, lief in Berlin ein 34 Jahre alter Triathlet aus Hildesheim mit ihrem Zeitmesschip. Unter dem Vorwand, für ihre Masterarbeit eine Studie über Marathonvorbereitung zu erstellen, suchte Kerstin Metzler-Mennenga in Internetforen unter dem Pseudonym Stefanie Mertens ambitionierte Marathonläufer. Ihre Bestzeiten sollten zwischen 2:45 und 2:47 liegen - schnell genug für die Olympianorm.

Das Schummel-Projekt war minutiös geplant

Der Auserwählte hatte es eiliger und lief in Berlin 2:42:21. Einmal für sich, einmal für die Studentin. Beim Ranglistenstudium fiel dem Ingenieur auf, dass mit ihm eine Frau im Gleichschritt unterwegs hätte sein müssen - auch alle Zwischenzeiten waren identisch -, die er auf der Strecke nie gesehen hatte. Da dämmerte es dem doppelten Läufer: In der angeblichen Studie ging es um die Olympialimite von Kerstin Metzler-Mennenga. Der Chipträger meldete seinen Verdacht dem Veranstalter, der Fall flog auf. Inzwischen hat sich die Liechtensteinerin bei ihrem unfreiwilligen Helfer per Mail für den „großen Fehler“ entschuldigt.

Das Projekt war minutiös geplant: Vor dem Start habe ihm eine Kerstin „im Auftrag von Stefanie Mertens“ das Corpus Delicti übergeben, sagt der Hildesheimer. Der Chip sei sorgfältig in ein Täschchen eingenäht und nicht als solcher erkenn- und erfühlbar gewesen. „Sonst wäre ich misstrauisch geworden.“ Nach dem Lauf habe ihn Kerstin am vereinbarten Treffpunkt empfangen mit den Worten: „Das lief ja hervorragend; hoffentlich kann Stefanie etwas mit den Daten anfangen.“ Die 100 Euro für die Beteiligung an der Studie habe er bereits der Deutschen Kinderkrebsstiftung gespendet, sagt der Betrogene.

„Immer schneller. Wohin soll das führen?“

Er ist nicht der Einzige, der in Kerstin Metzler-Mennengas Mission unterwegs war. In Hamburg hatte sich die Marathonläuferin ebenfalls nicht selbst für Osaka empfohlen. Damals hatte sie im Internet ihre Ansprüche noch auf die WM-Qualifikation ausgerichtet und nach einem 2:49-Probanden gesucht. Im Oktober 2006 in Frankfurt, beim ersten aufgeflogenen Schwindel, hatten ihr noch 2:53 gereicht, doch ihr Vertreter traf erst nach 3:15 Stunden im Ziel ein. Die kontinuierlich steigenden Anforderungen fielen in der Laufszene auf: „Wohin soll das führen, sollen wir wohl immer schneller rennen, damit Deine Masterarbeit endlich fertig wird?“, schrieb ein Roland B. in einem Internetforum.

Nachdem der Liechtensteinische Olympische Sportverband (LOSV) vergangene Woche von den Betrügereien erfahren hatte, trat Kerstin Metzler-Mennenga am Freitag unter Tränen vor die Medien und gestand. Allerdings führte sie dubiose Hintermänner ins Feld, die sie zum Betrug angestachelt und ihr in einem Wald 2000 Euro für die Daten überreicht hätten.

Schummelfrei doch zur persönlichen Bestzeit?

Die wahren Antriebsgründe für den abenteuerlichen Betrug bleiben rätselhaft. Ehrgeiz und Drang nach Anerkennung reichen nicht als Erklärung. Umso mehr, als die Sportlerin im Umfeld als „unauffällige, sympathisch-offene“ Person beschrieben wird. „Wir sind aus allen Wolken gefallen“, sagt Marco Eggs, Präsident ihres Schweizer Vereins LC Uster. Auch ein Liechtensteiner Sportkollege wundert sich: „Sie war nicht verschrobener als andere Marathonläufer.“ Der LOSV schloss sie am Montagabend auf Lebzeiten von der Teilnahme an Europäischen Kleinstaatenspielen und Olympischen Spielen für Liechtenstein aus. Die Athletin habe zudem über ihren Anwalt erklären lassen, sie zahle alle erhaltenen Förderbeiträge zurück, teilte der LOSV mit.

Offenbar soll Kerstin Metzler-Mennenga in Berlin das Ziel nach 2:57 inkognito passiert haben - das wäre schummelfrei persönliche Bestzeit. Sie selbst will sich wegen einer Unterzuckerung an nichts mehr erinnern können. Die Retrospektive wird für die Rückwärtsläuferin zur Qual. Dumm gelaufen.

Quelle: F.A.Z., 17.10.2007, Nr. 241 / Seite 36
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