Historischer Marathon-Erfolg

Der Raketenmann Richard Ringer

Von Michael Reinsch, München
15.08.2022
, 17:32
Weh tut’s eh: Richard Ringer zieht mit Riesenschritten an Maru Teferi aus Israel vorbei.
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Nicht nur Ausdauer hat er: Bei seinem vierten Marathon sprintet Richard Ringer mit einem spektakulären Schlussspurt zur Ziellinie, überholt den lange Führenden Maru Teferi – und wird Europameister.
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Die Überlegenheit eines Athleten kann sich darin erweisen, dass er schneller und ausdauernder ist als alle anderen. Und sie kann sich darin zeigen, dass er, während die Konkurrenten erschöpft zu Boden sinken, fröhlich die Zuschauer zu La-Ola-Wellen animiert und auf dem Odeonsplatz von München mit einem menschengroßen Eichhörnchen-Maskottchen mit grünem Jägerhütchen tanzt. Richard Ringer bewies am Montag zum Auftakt der Europameisterschaft der Leichtathleten seine schier unerschöpfliche Ausdauer mit beidem. Er wurde überraschend Europameister im Marathon.

Nicht mit seiner Siegeszeit von 2:10:21 Stunden machte der erste deutsche Marathon-Europameister am Himmelfahrtstag staunen, der Abertausenden Zuschauern erlaubt hatte, den zehn Kilometer langen Rundkurs in der Münchner Innenstadt und die anderen Attraktionen der European Championships zu umlagern, sondern mit seinem langgezogenen Sprint. Als alles danach aussah, dass sein Mannschaftskamerad Amanal Petros mit dem Israeli Maru Teferi um den Titel kämpfen würde, wenige hundert Meter vor dem Ziel nach 42,195 Kilometern, kam der 33 Jahre alte Ringer erst in Fahrt.

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Ringer leidet an einer Sehnenentzündung

Zunächst schoss er an Petros vorbei, der ihn fünfzehn Kilometer zuvor noch aufgemuntert hatte, den nun aber schlagartig die Kräfte verließen und der sich als Vierter in Ziel kämpfte. Dann spurtete er die Leopoldstraße hinunter und katapultierte sich mit Riesenschritten an Teferi vorbei ins Ziel. „Jetzt versuchst du alles“, beschrieb der Läufer aus Rehlingen seine Gedanken: „Es tut eh alles weh.“

Hinter Teferi, zwei Sekunden später als Ringer im Ziel, wurde Gashau Ayale, ebenfalls aus Israel, Dritter (2:10:29). In der Mannschaftswertung kamen Ringer, Petros und Johannes Motsch­mann, Sechzehnter in 2:14:52 Stunden, auf Platz zwei. „Dies war ein Teamwettbewerb, als Team wollten wir eine Medaille“, sagte Ringer: „Was für den Einzelstarter herauskommt, ist Zugabe.“

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Der Bonus in Gold ist umso bemerkenswerter, als Ringer sein Marathontraining mit reduzierten Laufeinheiten und Alternativtraining betreibt. Er leidet an einer Sehnenentzündung im Fuß. Vor fünf Wochen, verriet er, verzichtete er eine Woche lang vollständig aufs Laufen, leistete aber 22 Stunden Ausdauertraining beim Schwimmen und beim Aqua-Jogging, auf dem Crosstrainer und auf dem Rad. Im Juni bestanden lediglich 47 Prozent seine Trainings aus Laufen – „und jetzt stehe ich trotzdem hier“.

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Der Lauf von München war erst der vierte Marathon Ringers – „und jeder tat weh“, sagte er. 2018 gewann der Athlet vom Bodensee noch auf der Bahn den Weltcup über 10.000 Meter. In Tokio startete er, um Erfahrung für Paris 2024 zu sammeln; er kam als 16. ins Ziel. Fürs Laufen und fürs Training hat er seine Tätigkeit als Controller bei Rolls-Royce reduziert.

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Damen gewinnen Mannschaftswertung

Im Rennen der Frauen, eine Stunde vor dem der Männer am Montagmorgen um 10.30 Uhr gestartet, hielt sich die 24 Jahre alte Miriam Dattke lange an der Spitze. Sie wurde schließlich in einem ebenfalls hart umkämpften Rennen in 2:28:52 Stunden Vierte. Die Polin Aleksandra Lisowska siegte in 2:28:36 Stunden vor der Kroatin Matea Parlov Kostro und der Niederländerin Nienke Brinkman (beide 2:28:42).

„Ich habe gespürt, wie alle gehofft haben, dass ich’s schaffe und mich angebrüllt haben aus tiefstem Herzen“, schwärmte Miriam Dattke von ihrem Finale. „Es tut weh, und gleichzeitig denkst du, du kannst beißen, dann tut’s aber weh. Das ist schon ein innerer Kampf“, beschrieb sie ihr beachtliches Finale. „Aber ich war einfach drüber. Da ging nicht mehr viel.“ Sie war dennoch hochzufrieden. Denn gemeinsam mit der deutschen Meisterin Domenika Mayer auf Platz sechs (2:29:21) und Deborah Schöneborn auf Platz zehn (2:30:35) gewann sie die erstmals bei der Europameisterschaft errechnete Mannschaftswertung.

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Mit zwei Gold- und einer Silbermedaille führte das deutsche Team vor den Wettbewerben des Montagabends damit die Medaillenwertung der Europameisterschaft an und hat sein Resultat von der Weltmeisterschaft von Eugene (Oregon) – den Titelgewinn von Weitspringerin Malaika Mihambo und Platz drei der Sprintstaffel der Frauen – übertroffen. Die sechs deutschen Starterinnen und Starter wurden bei der Siegerehrung allesamt mit Medaillen ausgezeichnet.

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Man kann für den Deutschen Leichtathletik-Verband, der seit seiner Expedition zu den Titelkämpfen von Amerika in einem Sturm der Kritik steht, nur wünschen, dass in weiteren Disziplinen der Leichtathletik Mannschaftswertungen eingeführt werden und sich so die bemerkenswerte Breite in dieser Sportart auszahlt. Rabea Schöneborn gehörte als Zwölfte wie die trotz einer Fußverletzung durchhaltende Katharina Steinruck auf Rang 15 zur ausgezeichneten Europameister-Mannschaft. Bei den Männern komplettierten Hendrik Pfeiffer (2:16:04) und Konstantin Wedel (2:16:09) auf den Plätzen 24 und 25 das Team. Simon Boch kam in 2:21:39 Stunden auf Rang 50.

Der Marathon wurde trotz des Protestes einer großen Zahl von Teilnehmerinnen und Teilnehmern zur Mittagszeit gestartet. Die Temperaturen stiegen nicht auf dreißig Grad. Die medizinische Kommission des Europäischen Leichtathletik-Verbandes hatte am Wochenende entschieden, dass die Wetterprognose den Lauf über Mittag erlaube und damit größeren Zuschauerzuspruch, als am Morgen zu erwarten gewesen wäre. München zeigte sich mit der Runde, die viermal am Siegestor vorbeiführte, über Marienplatz, Viktualienmarkt, Gärtnerplatz, durchs Isartor, vorbei an der Eisbachwelle, dem Friedensengel und durch den Englischen Garten, von seiner besten Seite. Wie die deutschen Läuferinnen und Läufer.

Quelle: F.A.Z.
Michael Reinsch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Michael Reinsch
Korrespondent für Sport in Berlin.
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