Darts-WM

Barry Hearn macht aus Spielereien Millionen

Von Daniel Meuren
30.12.2015
, 14:27
Viele Menschen schauen im TV die Darts-WM. Hinter diesem Trend und anderen Nischensportarten steckt Vermarkter Barry Hearn. Er ist einer der ganz Großen im Geschäft. Doch zu seinem Glück fehlt ihm noch etwas.

Für Barry Hearn muss es nicht Hochseefischen sein. Der 67 Jahre alte Engländer liebt das Angeln im kleinen Karpfenteich auf seinem Anwesen in Essex. Diese Lieblingsbeschäftigung ist sinnbildlich für einen der ungewöhnlichsten Big Player im internationalen Sportbusiness.

Denn Hearn hat es in seiner Laufbahn als Promoter nicht nur geschafft, mit einem seit mittlerweile zwei Jahrzehnten im britischen Fernsehen übertragenen Angelwettbewerb namens „Fish’O’Mania“ gutes Geld zu verdienen, er hat stattdessen selbst in den vermeintlich kleinsten Teichen des Sports dicke Fische an die Angel bekommen. „Ich vermarkte nur das, was mir Spaß macht“, sagt er zum Leitmotiv seines unternehmerischen Handelns.

In diesen Tagen verfolgen auch in Deutschland Abend für Abend zu Spitzenzeiten mehr als eine halbe Million Menschen Hearns derzeit am meisten prosperierenden Geschäftszweig Darts - natürlich auch das in einem eher kleinen Teich, beim Spartensender Sport 1. Bei der Weltmeisterschaft der Professional Darts Corporation, die Hearn vor mehr als zwei Jahrzehnten mit den besten Spielern der Welt ins Leben gerufen hat, wetteifern Profis um 1,5 Millionen britische Pfund (2,03 Millionen Euro), die Prämie für den Sieger beträgt allein 300.000 britische Pfund (407.000 Euro). Hearn macht aus Spielereien Millionen. Denn eigentlich ist Darts ein Kneipenspiel, das

Board mit den insgesamt 82 unterschiedlich wertvollen Feldern hängt in fast jedem englischen Pub direkt neben dem Tresen, wo sich Millionen Biertrinker, mehr oder weniger talentiert, darum bemühen, aus 2,37 Metern Entfernung 501 Punkte auf „0“ herunterzuspielen. Die Besten schaffen es seit jeher von der Theke auf die Bühnen großer Turniere.

ESV Blau-Gold Flörsheim
Pfeilewerfen mit den „Darts-Bären“
© Gabriel Poblete Young, F.A.Z.

Deren Präsentation durch die British Darts Organisation (BDO) war freilich Ende der Achtziger so bieder und glanzlos, dass das Pfeilewerfen seinen Stammplatz im britischen Fernsehen zu verlieren drohte. Da schlug die Stunde von

Hearn, der sich in den beiden vorangegangenen Jahrzehnten einen Namen gemacht hatte als Promoter von Profiboxkämpfen, zudem hatte er die Billardvariante Snooker zu ersten Fernseherfolgen geführt. Hearn überzeugte Anfang der neunziger Jahre beispielsweise Phil Taylor, die BDO zu verlassen – und parallel begannen zwei Siegeszüge. Taylor ist mittlerweile mehrfacher Millionär, Rekordweltmeister und strebt bei der laufenden WM im Alter von 55 Jahren seinen 17. Titel an.

Hearn, der Anfang der neunziger Jahre nach manchem Misserfolg im Boxen nur knapp dem Bankrott entgangen war, hat sein Unternehmen Matchroom Sport auch dank Darts zu einer Großagentur ausgebaut, die 2000 Stunden an TV-Sportprogramm im Jahr organisiert und zum großen Teil auch selbst für die Fernsehsender produziert. Darts, Snooker, Boxen, Poker oder Sportangeln tragen den Großteil bei zum Umsatz in Höhe von rund 50 Millionen Pfund (68 Millionen Euro).

Der Gewinn lag 2014 bei 5,4 Millionen Euro vor Steuern. Kein Wunder, dass Hearn gerne Selbstbewusstsein zur Schau stellt. „Meiner Meinung nach bin ich der Beste. Und das ist die einzige Meinung, auf die ich Wert lege“, sagte er einmal. „Ich mag Leute nicht, die mir erzählen, was sie mal machen wollten oder vielleicht demnächst tun werden. Mach es, oder halt die Klappe!“

Hearn macht: Die Ideen gehen ihm dabei auch nicht aus. Seit drei Jahren füllt er den Londoner Alexandra Palace an einem Wochenende im Januar mit einem kuriosen Pingpongturnier, bei dem Spitzenspieler mit dem Material aus dem Supermarktregal und also vollkommen gleichen Bedingungen spielen.

Aber sein liebstes Steckenpferd ist derzeit noch immer das Pfeilewerfen, das in England mittlerweile mehr Zuschauer erreicht als die auf der Insel traditionell sehr populäre Formel 1 oder auch der Ryder Cup im Golf. „Darts ist für mich der Sport dieses Jahrtausends, die Dramaturgie des Mann gegen Mann ist genauso spannend wie im Tennis oder Boxen“, sagt Hearn. „Es ist außerdem so leicht zugänglich, weil es so billig ist. Dadurch kann jeder seine Stars nachahmen.“

Die Geschäfte mit den Pfundskerlen mit den rund 15 bis 30 Gramm schweren Pfeilen laufen hervorragend, auch weil Hearn die Turniere mit Anleihen vom Boxen aufgepeppt hat. Das Erfolgsrezept ist dabei immer gleich: Hearn sucht sich eine Nische, mistet das Biedere aus und schaltet die ganz großen Scheinwerfer an. Der Einmarsch der Spieler wird von Hymnen und Lightshows begleitet, auf der Bühne tanzen „Dart-Board-Luder“ vor Beginn des Wettwerfens um die Spieler herum. Alkohol ist dabei im ausverkauften Saal bei Oktoberfeststimmung erwünscht, für die Spieler indes verboten.

Zu seinem weiteren Glück fehlen Hearn nun nur noch neue Protagonisten von den lukrativen Märkten in Asien und Deutschland. Bei der WM sind in der entscheidenden Phase bis zum Finale am 4. Januar mal wieder die Dartsprofis aus Großbritannien und den Niederlanden unter sich. Die deutschen Spieler um Hoffnungsträger und Junioren-Weltmeister Max Hopp sind allesamt in Runde eins ausgeschieden.

Hearn und sein deutscher Geschäftspartner Werner von Moltke jr. hoffen seit Jahren auf den Durchbruch eines deutschen Spielers nach dem Vorbild von Raymond van Barneveld. Als der Niederländer vor zehn Jahren an die Weltspitze stürmte, löste er einen Boom in seiner Heimat aus, die halben Niederlande saßen bei WM-Endspielen Barnevelds vor dem Fernsehapparat. In London warf der aktuelle Erste der Geldrangliste am Dienstag erst den Titelfavoriten Michael van Gerwen im Achtelfinale aus dem Turnier.

Für Hearn ist van Gerwen der neue dicke Fisch im Portfolio, während er sich vor einem Jahr von seinem wohl konventionellsten Projekt getrennt hat. Hearn war zwei Jahrzehnte lang Vorstandschef und Teilhaber seines Heimat-Fußballklubs Leyton Orient. Der Verein aus der vierten Profiliga war allerdings nicht zum Geldverdienen geeignet. Dafür war das Liebhaberprojekt zu sehr nur ein kleiner Fisch im viel zu großen Fußballmeer.

Quelle: F.A.Z.
Daniel  Meuren - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Daniel Meuren
Redakteur in der Rhein-Main-Zeitung.
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