Moritz Böhringer

Der „Dirk Nowitzki des Footballs“

Von Jürgen Kalwa, New York
11.09.2016
, 14:25
Der Deutsche Moritz Böhringer muss sich bei den Minnesota Vikings als Wide Receiver noch durchsetzen.
Moritz Böhringer will die NFL erobern – vorerst aber schafft er nicht einmal den Sprung in den Kader der Minnesota Vikings. In Minnesota hält man trotzdem große Stücke auf sein Entwicklungspotential.
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Gemessen an der Distanz, die er als 22 Jahre alter Nobody bereits zurückgelegt hat, ist die tägliche Strecke zum Trainingsgelände der Minnesota Vikings vergleichsweise kurz. Der neue Lebensmittelpunkt befindet sich rund 7000 Kilometer Luftlinie vom Haus seiner Eltern am Stadtrand von Aalen entfernt. Vom Hotel, in dem die jungen Talente des Klubs untergebracht sind, zur Anlage am Viking Drive in Eden Prairie im Südwesten von Minneapolis sind es nur noch fünf Kilometer.

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Diese Etappe hat Moritz Böhringer in den letzten Monaten täglich in beiden Richtungen auf eine sehr unamerikanische Weise absolviert. Der Maschinenbaustudent, vermutlich das bislang größte Footballtalent aus dem Fußballland Deutschland, läuft den Weg morgens einfach zu Fuß. „Und am Nachmittag gehe ich ihn wieder zurück“, sagt er. Denn er verzichtete lieber darauf, sich ein Auto zu kaufen, als er vor ein paar Monaten pünktlich zum Beginn des Trainingslagers bei den Vikings einrückte. „Ich wollte das Geld sparen“, verriet er. Denn die Zukunft ist und bleibt ungewiss. Selbst für jemanden wie ihn, der im März unter großer Beachtung amerikanischer Fans und der ständig wachsenden Schar Neugieriger in Deutschland als 180. in der Draft von Minnesota aus dem Pool der Talente herausgezogen wurde.

Die Vorsicht erwies sich als weise: Böhringer erhielt vor ein paar Tagen, als der Trainerstab den Kader im Rahmen der Vorbereitung auf die neue NFL-Saison, die am Wochenende beginnt, auf das übliche Maximalmaß von 53 Profis zusammenstrich, nicht mal einen ganz regulären Vertrag. Statt eines Mindestgehalts für eine komplette Saison von 450.000 Dollar muss er sich mit seiner Rolle in der sogenannten Practice Squad abfinden, einer Reserveeinheit aus maximal zehn Spielern, die zwar mit den Leistungsträgern trainieren und im Fall einer Verletzung eines Stammspielers kurzfristig ins Aufgebot berufen werden können. Aber die Bezahlung ist vergleichsweise dürftig. Sie beläuft sich auf einen Wochenlohn von 6900 Dollar, die auch nur so lange fließen, wie der Spieler fit bleibt und sich keine herberen Blessuren zuzieht. Was in einer derart harten Sportart wie dem Football allerdings an der Tagesordnung ist.

„Man sieht seine Fähigkeiten aufblitzen“

Wer mehr von einem Mann erwartet hätte, der außerordentlich schnell auf den Beinen und enorm motiviert ist, aber über nur wenig Erfahrung verfügt, der hätte geträumt. Böhringer, der in der hoch arbeitsteiligen Welt der NFL die Stammposition des Wide Receivers erkämpfen möchte, der als Angreifer nicht nur Sprinterqualitäten haben muss, sondern mitten im Lauf – oft im Kampf Mann gegen Mann – das Lederei sicher fangen soll, arbeitet so hart wie kaum ein anderer an sich. „Man sieht seine natürlichen Fähigkeiten immer wieder aufblitzen. Man sieht, dass er hart arbeitet“, sagte einer seiner Mannschaftskollegen.

Der Aalener Maschinenbaustudent wurde von den Minnesota Vikings gedraftet. Die NFL bedeutet für den Deutschen harte Arbeit.
Der Aalener Maschinenbaustudent wurde von den Minnesota Vikings gedraftet. Die NFL bedeutet für den Deutschen harte Arbeit. Bild: dpa

Aber vor der Saison hatte er nur selten die Gelegenheit, wirklich zu zeigen, was er kann. Der ehemalige Spieler der Schwäbisch Hall Unicorns in der German Football League stand nur in einem Vorbereitungsmatch auf dem Platz, als der Quarterback eine einzige Vorlage in seine Richtung warf. Der Ball segelte allzu hoch über seinem Kopf vorbei ins Nichts.

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Er hat sich in den letzten Monaten stark gesteigert und zeigte sich im Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Zeitung durchaus zufrieden. Aber die Realität sieht so aus: „Andere spielen Football, seitdem sie sieben oder acht Jahre alt sind, und haben einfach zehn Jahre mehr Erfahrung“, sagt Böhringer. Das lässt sich nicht in kurzer Zeit aufholen. Aber in Minnesota hält man große Stücke auf sein Entwicklungspotential. „Die wollen helfen.“ Der Mann mit der Nummer 81 gilt als vielversprechendes Projekt.

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Schon mehrere Deutsche Spieler wurden aussortiert

Einen ähnlichen Vertrauensvorschuss hatte der Berliner Björn Werner in drei durchwachsenen Jahren in der National Football League verbraucht. Nachdem er nach dem Ende der letzten Saison von den Indianapolis Colts die Kündigung erhielt, landete er zwar bei den Jacksonville Jaguars. Aber dort wurde er im Trainingslager bereits bei der ersten Kaderreduzierung als unbrauchbar aussortiert. Auch Markus Kuhn aus Weinheim, der sich nach dem Abschied von den New York Giants Hoffnungen auf eine Verlängerung seiner NFL-Karriere gemacht hatte, schaffte es bei den New England Patriots nicht ins Stammteam.

Anders als der Ansbacher Mark Nzeocha, der am College in Wyoming gespielt hatte und seit 2015 bei den Dallas Cowboys unter Vertrag steht, und der Hamburger Kasim Edebali (nach seiner Zeit als Student am Boston College seit 2014 bei den New Orleans Saints). Zwei junge Deutsche die weit weniger Beachtung gefunden haben als Böhringer, der von der Liga von Anfang an mit auffallend großem Eifer als vielversprechendes Talent mit Blick auf die wachsende Zahl deutscher Fans vermarktet wurde.

Der Mann aus Aalen hat bereits einen ersten Werbevertrag mit einer Firma, die sich darauf spezialisiert hat, internationale Geldüberweisungen zu günstigeren Konditionen durchzuführen als reguläre Banken. Das Unternehmen produzierte mehrere Online-Videos, in denen Böhringer über seine Erfahrungen in der Neuen Welt berichtet. Zu denen gehörte übrigens auch die Sache mit dem Auto: „Meine Freundin denkt, das ist ziemlich verrückt. Denn so wie die meisten Amerikaner fährt sie überall hin.“

Böhringer wusste von Anfang an, dass es weniger darum geht, überall hinzukommen, sondern sich zunächst nur auf wenige Vorsätze zu konzentrieren. Der erste: es irgendwann tatsächlich in den Kader der Vikings zu schaffen, die schon in Deutschland seine Lieblingsmannschaft waren. Danach steht ein noch viel größeres Vorhaben auf dem Programm. Der 1,93 Meter große Böhringer träumt davon – „mit sehr viel Arbeit und sehr viel Zeit“ –, der „Dirk Nowitzki des Footballs“ zu werden. Was nicht so vermessen ist, wie es klingt. Auch der Würzburger NBA-Profi hatte am Anfang erhebliche Anpassungsschwierigkeiten. Inzwischen gilt er als einer der besten Basketballer der Geschichte.

Quelle: F.A.Z.
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