NFL-Comeback von Mark Nzeocha

Runter vom Sofa, rein ins pralle Football-Leben

Von Jan Ehrhardt
22.01.2022
, 16:56
Mark Nzeocha ist wieder zurück auf dem Feld in der NFL.
Eigentlich war der Deutsche Mark Nzeocha schon Football-Rentner. Doch plötzlich ist er wieder gefragt. Nun hilft er nach einer überraschenden Wende seinem alten NFL-Team – und spürt ganz viel Liebe.
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Vor einem Monat noch sah die Welt für Mark Nzeocha ganz anders aus. Da lebte der deutsche Football-Profi quasi im Vorruhestand. Im Haushalt helfen, mit den Kindern spielen, Einkäufe erledigen, vor allem aber auch: Freizeit genießen (in Nzeochas Fall: die Couch). Der Mittelfranke war eigentlich schon am Ende seiner Karriere in der National Football League (NFL) angelangt, hatte nach mehreren Saisons bei den San Francisco 49ers keinen neuen Vertrag mehr erhalten. Im Alter von damals 31 Jahren, zumal als frischgebackener Vater eines zweiten Sohnes, da schien schnell klar: Das war’s dann wohl.

Doch neben all den Dingen, die man als Football-Rentner so macht (sofern es der geschundene Körper noch zulässt), machte Nzeocha noch etwas anderes, immer dann, wenn es ihn von der Couch und aus der Wohnung zog: sich fit halten. Ganz aufgeben wollte er seinen Traum und Traumjob dann doch nicht. Also trainierte er weiter, privat, blieb bereit für den Fall der Fälle.

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In der Welt des American Football sind Verletzungen beinahe an der Tagesordnung, eine durchschnittliche NFL-Karriere dauert lediglich drei Jahre. Vom 53-Mann-Kader jeder Mannschaft zu Saisonbeginn bleibt am Saisonende, wenn es entweder in die Pause oder Play-offs geht, nicht viel übrig. Die Corona-Pandemie und ganz aktuell die Omikron-Welle tragen ihren Beitrag dazu in erheblichem Maße bei. Dann muss mit neuen Spielern aufgefüllt werden, aus dem sogenannten „Practice Squad“, einer mannschaftsinternen Trainingsgruppe, oder aber vom freien Spielermarkt.

Überraschende Wendung

Ende Dezember, die reguläre Saison war schon fast vorbei, bekam Nzeoacha eine Textnachricht. Sein Agent fragte ihn, ob er Videoaufnahmen von seinen Trainingssessions habe. Auf denen nachweisbar zu sehen ist: Er ist noch in Form. Ein NFL-Team habe sich nach ihm erkundigt, schrieb Nzeochas Agent. Nzeocha schrieb seinem Fitnesstrainer. Der schickte die Videos. Der Agent schickte sie nach Buffalo zu den Bills, dem Team, das in seiner Personalnot auf den Namen Mark Nzeocha aufmerksam geworden war. Dann ging alles ganz schnell.

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Nzeochas Handy klingelte, sein Agent meldete sich und die Geschichte bekam eine überraschende Wendung. Denn es waren nicht die Buffalo Bills, die Nzeocha so kurzfristig unter Vertrag nehmen wollten, sondern sein früherer Arbeitgeber, die San Francisco 49ers. Ihnen hatte der Agent die Videoaufnahmen ebenfalls zukommen lassen, auf gut Glück sozusagen, und die 49ers waren vom Gesehenen so beeindruckt, dass sie sofort zuschlagen wollten. Neuer Vertrag, Aufnahme in den Practice Squad, um einspringen zu können, sollte es die Ausfallliste notwendig machen. Nzeocha zögerte nicht: Den Anruf bekam er um 18 Uhr, um 20 Uhr war er am Flughafen, um 21 startete der Flieger von seinem Wohnort Dallas in Richtung San Francisco.

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So erzählte es Nzeocha Anfang Januar in einer Online-Talksendung des früheren NFL-Profis Kasim Edebali. Ein „Wirbelwind“ an Gefühlen sei da über ihn hereingebrochen, aber auch eine „unglaubliche Hektik“. Denn am nächsten Morgen ging es für Nzeocha nach vier Stunden Schlaf direkt wieder los. Medizincheck an der Stanford-Universität, dann die ersten Meetings, dann direkt auf den Rasen. „Als wäre ich die ganze Zeit dagewesen. Ich habe selten in meinem Leben so viel Liebe gespürt wie an diesem Tag. Von meinen Teamkollegen, den Coaches und auch den Managern.“ Eingewöhnungszeit? Gab’s nicht.

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Brauchte er auch nicht. „Er ist ein absoluter Profi, sehr klug, sehr körperlich und noch immer mit einer sehr guten Dynamik“, attestierte ihm der für die Special Teams zuständige Trainer Richard Hightower prompt. Schon in der ersten Woche wurde Nzeocha aus dem Practice Squad „aktiviert“, also in den offiziellen Mannschaftskader berufen. Das darf jedes Team laut NFL-Regeln pro Spiel mit bis zu zwei Profis aus dieser Trainingsgruppe tun. So kam es , dass Nzeocha gerade einmal fünf Tage, nachdem er den Anruf seines Agenten entgegengenommen hatte, wieder NFL-Football spielte; San Francisco gewann gegen die Houston Texans 23:7.

© Twitter

Vom Feld ging es für den deutschen Defensivspieler quasi direkt zurück auf den Trainingsplatz, weiterarbeiten, weiterschuften, Woche für Woche. Gegen die Los Angeles Rams zum Saisonabschluss und Dallas Cowboys in der ersten Play-off-Runde am vergangenen Wochenende schaffte es der mittlerweile 32-Jährige abermals in den Kader; beide Spiele gewannen die 49ers. Zeit zum Durchatmen? Gibt’s nicht. Deshalb wollte Nzeocha in dieser Woche auch nicht mit der F.A.Z. sprechen.

In der Nacht zu Sonntag (2.15 Uhr MEZ bei ProSieben und DAZN) geht es für die San Francisco 49ers im Play-off-Viertelfinale gegen den Titelfavoriten Green Bay Packers. Dass es der Deutsche dabei abermals ins Team schafft, ist nicht garantiert. Aber wahrscheinlich. Zumindest wenn man den Worten seines Trainers glaubt. Der sagte über Nzeocha nämlich noch: „Es ist großartig, ihn zurückzuhaben.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ehrhardt, Jan
Jan Ehrhardt
Sportredakteur.
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