Nationale Spiele in China

Die Masken rutschen schnell nach unten

Von Friederike Böge, Peking
17.09.2021
, 18:46
Der Staatschef und der Sport: Präsident Xi Jinping eröffnete die Nationalen Spiele.
Ein Sportfest mit großer politischer Bedeutung: China probt mit den Nationalen Spielen in Xi’an für Olympia in Peking – und will ein Zeichen der Überlegenheit senden.

In einem voll besetzten Stadion in Xi’an hat Chinas Staats- und Parteichef Xi Jinping in dieser Woche die sogenannten Nationalen Spiele eröffnet. Die Großveranstaltung mit Wettkämpfen in allen olympischen Disziplinen findet in China alle vier Jahre statt. In diesem Jahr kommt ihr eine besondere Bedeutung zu. Es ist die wichtigste Bewährungsprobe vor den Olympischen Winterspielen in Peking im Februar 2022. So kurz nach den Olympischen Sommerspielen in Tokio soll das Sportfest zudem eine politische Botschaft senden: China sei besser in der Lage als Japan, Großereignisse in Zeiten der Pandemie zu organisieren.

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In den Staatsmedien wird genüsslich darauf hingewiesen, dass die Eröffnungsfeier und die Wettkämpfe in Tokio, anders als in Xi’an, vor fast leeren Rängen stattfanden. Selbst die Zahl der Athleten wird als Ausweis der Überlegenheit dargestellt. Tokio: 11.309. Xi’an: mehr als 12.000. Unerwähnt bleibt in den Berichten, dass die Tickets für die Eröffnungsfeier nicht käuflich zu erwerben waren. Die meisten Teilnehmer waren Mitarbeiter von Staatsbetrieben. In Xi’an ist zu hören, sie hätten vorab eine zweiwöchige Quarantäne durchlaufen.

Politisierte Showeinlagen

Die Feier gab einen Vorgeschmack auf die Politisierung des Sports in China, die auch bei den Olympischen Spielen zu erwarten ist. So wurden etwa die Athleten aus Tibet vom Stadionsprecher mit dem Lob empfangen, wonach die Region der Kommunistischen Partei besonders eifrig folge. Den Sportlern aus Xinjiang, wo die muslimische Bevölkerung massiv unterdrückt wird, wurde beschieden, dass ihre Region sich derzeit auf dem höchsten Entwicklungsstand ihrer Geschichte befinde.

Eine Showeinlage bezog sich auf den „Langen Marsch“ der Roten Armee, den Gründungsmythos der Volksrepublik. Der Parteisekretär der Gastgeberprovinz Shaanxi, Liu Guozhong, sagte, die Spiele in Xi’an seien eine wichtige Wegmarke auf dem Weg Chinas zu einer Sportgroßmacht. Der Bevölkerung von Xi’an kommt bei den Spielen, die noch bis Ende des Monats dauern, keine Rolle zu. Während der Eröffnungsfeier war das neu gebaute Stadion weiträumig abgesperrt. Etwa zweihundert Bewohner hatten sich dennoch an der Zufahrtsstraße eingefunden, um einen Blick auf das einen Kilometer entfernte, blau angestrahlte Stadion zu werfen.

Druck auf Funktionäre

Zwar werden die Wettkämpfe auf Großbildschirmen in der Stadt beworben, doch Public Viewing gibt es nicht. Derlei unkontrollierte Versammlungen gelten in China als Gefahr für die öffentliche Sicherheit. Ursprünglich hatte Xi’an gehofft, dass die Spiele der Stadt einen Tourismusboom bescheren könnten. Doch wichtige Sehenswürdigkeiten wie die Terrakotta-Armee sind derzeit geschlossen. Die Veranstalter haben darauf verzichtet, die Wettkämpfe landesweit zu bewerben.

Die Funktionäre der Provinz stehen unter großem Druck. Als Ziel für die Spiele wurden „null Infektionen“ ausgegeben. Wenn es verfehlt wird, wäre das ein politisches Problem. Zwar ist das Infektionsgeschehen in China wegen der strikten Einreisebeschränkungen weitgehend unter Kontrolle, doch in der südostchinesischen Provinz Fujian ist es just in diesen Tagen zu einem neuen Ausbruch mit bislang 270 Fällen gekommen.

In Staatsmedien wird vollmundig behauptet, das Präventionskonzept der Nationalen Spiele sei besser als in Tokio. Alle 13,6 Millionen Einwohner von Xi’an waren vorab auf Corona getestet worden. Die Impfquote liegt nach offiziellen Angaben bei 94 Prozent der impfbaren Bevölkerung. Athleten, Medien und, anders als in Tokio, auch die Ordner sind in eigenen Unterkünften und Transportmitteln von der Außenwelt vollständig abgeschirmt und mussten sich vorab isolieren und regelmäßig testen lassen.

Anlehnung an olympische Tradition

Wer am Bahnhof oder Flughafen in Xi’an ankommt, muss einen Impfnachweis sowie einen aktuellen Negativtest und ein digitales Bewegungsprofil der vergangenen zwei Wochen vorlegen. In den Sporthallen selbst wird dann nicht mehr so genau hingeschaut. Bei den Halbfinals im Badminton hieß es bei der Buchung noch, nur jeder zweite Platz sei verfügbar. Doch in Wirklichkeit waren dort, wo die Sicht gut war, alle Plätze besetzt. Die Masken rutschten schnell nach unten.

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Bei den Nationalen Spielen treten Chinas Provinzen gegeneinander an, was einen Anreiz für die Lokalregierungen bedeutet, mehr in Sportförderung zu investieren. Ein weiterer Wettbewerber ist die Volksbefreiungsarmee, die den Medaillenspiegel aller vergangenen Spiele anführt. Auch Branchen wie zum Beispiel der Sportverband der Kohleminenarbeiter stellen eigene Teams auf. Der Vorläufer der Veranstaltungsreihe geht auf die letzten Jahre der Qing-Dynastie zurück. Die neuere Version fand erstmals 1959 statt und lehnt sich bewusst an die olympische Tradition an.

Strengere Regeln bei Olympia in Peking

Die nächsten Nationalen Spiele finden 2025 in Hongkong, Macau und Guangdong statt. Sie sollen die Integration der Sonderverwaltungszone Hongkong in den Rest Chinas auch emotional vorantreiben. In der Vergangenheit kam es in Hongkong häufig dazu, dass die chinesische Nationalhymne ausgebuht wurde. Seit 2020 ist dies per Gesetz verboten. Zum Einmarsch der Hongkonger Athleten bei der Eröffnung in dieser Woche hob der Stadionsprecher ihre „patriotischen Gefühle“ hervor.

Auch wenn die Erfahrungen von Xi’an in die Vorbereitungen für die Winterspiele einfließen, dürften die Regeln in Peking ungleich strenger sein. Zum einen weil China der Welt demonstrieren will, dass seine Corona-Prävention dem Vorgehen in westlichen Gesellschaften überlegen ist. Zum anderen weil Einreisen aus dem Ausland als größte Gefahrenquelle in der Pandemie betrachtet werden. Noch hat China nicht bekannt gegeben, ob Zuschauer aus dem Ausland zugelassen werden. Die Wahrscheinlichkeit ist gering.

Die Global Times schätzte, es werde mit 30 000 Einreisenden gerechnet. Keiner wird die Blase aus Flughafen, Olympischem Dorf und Sportstätten verlassen können. Chinesische Ordner werden nach den Spielen wohl einer dreiwöchigen Quarantäne unterliegen. Politisch konnte Peking diese Woche einen ersten Erfolg verkünden: Russlands Präsident Wladimir Putin hat die Einladung zur Eröffnungsfeier angenommen. Die wegen des Staatsdopings verhängte Verweigerung einer IOC-Akkreditierung für Vertreter des russischen Staats umgeht China mit der dafür vorgesehenen Ausnahme: Die Einladung an Putin kam vom Staats- und Parteichef.

Quelle: F.A.Z.
Friederike Böge
Friederike Böge
Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.
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