LA Lakers in NBA-Finalserie

Auserwählt von LeBron James

Von Jürgen Kalwa, New York
30.09.2020
, 18:11
Wertvoller Zugang für die Lakers: Anthony Davis
Die Los Angeles Lakers streben nach einem längeren Tief ihren 17. Titel an. Im NBA-Finale gegen die Miami Heat gelten sie als Favorit. Das liegt aber nicht alleine am besten Basketballspieler dieser Generation.
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Das Manöver wirkte, als ob eine unsichtbare Hand einen Gutteil der Planeten im Sonnensystem neu sortiert hätte. Denn es handelte sich um eine Transaktion, wie sie nur alle paar Jahre in der NBA passiert. Involviert waren: drei Mannschaften, sieben Spieler und ein Bündel von Zusicherungen für mehrere zukünftige Nachwuchs-Drafts, bei denen sich Klubs einmal im Jahr mit neuen Talenten eindecken. Moritz Wagner und Isaac Bonga landeten mit einem Federstrich und ohne, dass sie irgendjemand gefragt hätte, beim neuen Arbeitgeber in Washington, fast 4000 Kilometer weiter östlich. Drei junge Amerikaner fanden sich am unteren Ende des Mississippi wieder. Und alles nur, damit die Los Angeles Lakers einen Spieler bekommen konnten, der mit einer seltenen Qualität gesegnet ist: Mit ihm wird jedes Team spürbar besser.

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Vierzehn Monate später ist die Resonanz der komplizierten Tauschaktion, durch die der 27 Jahre alte Center Anthony Davis bei den Los Angeles Lakers landete, noch immer zu spüren. Die Lakers, die im Verlaufe von Jahrzehnten mit legendären extralangen Kerlen wie Wilt Chamberlain, Kareem Abdul-Jabbar, Shaquille O’Neal immer wieder die NBA dominierten, stehen nach einem längeren Tief mal wieder ganz oben, streben den siebzehnten Meistertitel an.

Jede Tauschaktion sorgt für Ungewissheit

Der wichtigste Faktor bei dieser Entwicklung: die Verpflichtung des 2,08 Meter großen Spielers mit der Nummer 3. Dessen Fähigkeiten kommen sowohl in der Defensive als auch in der Offensive zum Tragen: wenn er Bälle abblockt, Abpraller einsammelt, sich unterm Korb Platz schafft, um zu punkten, oder wenn er aus der Distanz wirft. Im Schnitt kam Davis in den Play-offs auf 28,8 Punkte, 9,3 Rebounds, bei einer Trefferquote von 57,1 Prozent. Selbst seine Versuche, Dreier zu verwandeln, sind bemerkenswert: jeder dritte Wurf landet im Korb. Die Lakers haben vor zwei Jahren mit LeBron James den besten Basketballer seiner Generation unter Vertrag genommen. Doch erst mit Davis wurde aus dem Team ein Titelanwärter. Der klare Favorit der Finalserie gegen die Miami Heat, die am Mittwoch (03.00 Uhr MESZ am Donnerstag) in der Quarantäneblase von Walt Disney World in Orlando beginnt.

In der National Basketball Association Mannschaften mit zwei oder sogar drei überragenden Spielern zusammenzufügen, um sich in Play-off-Auseinandersetzungen von jeweils bis zu sieben Begegnungen behaupten zu können, ist keine leichte Übung. Die Liga sorgt mit ihren strukturellen Verstrebungen wie der Draft, die schlechte Teams aufpäppelt, und der Salary Cap, die das Niveau der Spitzengehälter deckelt, dafür, dass sich kein Klub einen Kader aus Spitzenspielern einfach zusammenkaufen kann. Jede Tauschaktion sorgt für Ungewissheit. Denn für den teuren Neuzugang muss eine Mannschaft, um den von der NBA verlangten Gegenwert bereitzustellen, ganz viel Substanz abgeben. Wer es trotzdem riskiert, arbeitet mit einer simplen Kalkulation: Der Umbau soll einen raschen Erfolg ermöglichen, und zwar auf Kosten einer langfristigen Planung.

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Er bringt die Mannschaft nach oben

Dass Davis bei den Lakers landete, ist kein Zufall. Dass LeBron James einen Nebenmann von besonderem Kaliber braucht, um nach Meisterschaftserfolgen mit den Miami Heat (2012 und 2013) und den Cleveland Cavaliers (2016) seine Erfolgsbilanz in Los Angeles auszubauen, war ihm klar, als er 2018 für 154 Millionen Dollar und vier Jahre in Kalifornien unterschrieb. Attraktive Optionen gab es kaum. Und die wurden noch weniger, als Kawhi Leonard (von den Toronto Raptors zu den Los Angeles Clippers) und Kevin Durant (von den Golden State Warriors zu den Brooklyn Nets) klarmachten, dass sie lieber in Teams spielen, in denen sie als Nummer eins betrachtet werden. Die Perspektive für Davis sah anders aus. Für ihn hatte es in New Orleans in sieben Jahren nur zweimal zu einer Play-off-Teilnahme gereicht.

Seine Ambitionen gingen jedoch weiter. Eine statistisch fundierte Analyse, wie sie von den Programmierern des populären Computerspiels „NBA2K20“ betrieben wird, belegte, dass er zu den besten zehn Spielern in der Liga gehört, als der mit Abstand stärkste Center. „Das ist der Grund, weshalb ich sein Mannschaftskollege sein wollte und weshalb ich ihn zu uns gebracht habe“, verriet LeBron James, nachdem die Lakers in der Halbfinalserie in fünf Begegnungen Denver ausgeschaltet hatten. „Ich wollte, dass er etwas erlebt, was er bis dahin in dieser Liga noch nicht erlebt hat.“ Die beiden hatten sich bereits kurz nach dem Wechsel darüber unterhalten. „Als ich hier angekommen bin“, erinnerte sich Davis, „da hat er mir gesagt, dass er mir meinen ersten Meisterschaftsring geben will.“

LeBron James ist inzwischen 35 Jahre alt und nicht weit vom Karriereende entfernt. Er hat hart gearbeitet, um die Lakers aus dem Keller der Tabelle herauszuhieven. Nuggets-Trainer Michael Malone war beeindruckt. Es sei unglaublich, was „LeBron zu diesem Zeitpunkt in seiner Laufbahn leistet, wie er noch immer Wege findet, sich zu verbessern, und jede Mannschaft, in der er spielt, nach ganz oben bringt.“ Das ist mit jeder Spielzeit schwieriger geworden. Vergangene Saison fehlte er monatelang wegen einer Verletzung. Die Lakers verpassten die Play-offs. Die Finalserie fand zum ersten Mal seit 2010 ohne ihn statt. In dieser Saison ist alles wie gehabt. Eine Atmosphäre, an die sich Davis längst gewöhnt hat: „Diese Jungs hier wollen nur eins: die Meisterschaft.“

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Quelle: F.A.Z.
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