NBA

Hip-Hop? Stopp!

Von Jürgen Kalwa, New York
16.11.2005
, 16:27
Eine strenge Kleiderordnung für Basketballspieler soll den Ghetto-Look in der NBA beenden. Doch die Freunde von schief aufgesetzten Baseballkappen, Kopftüchern, riesigen Ketten und herunterhängenden Hosen protestieren.
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Das wichtigste, was der amerikanische Basketballspieler Alan Iverson der Mitwelt mitzuteilen hat, können interessierte Sportanhänger auf seinem entblößten Oberkörper lesen. Das ist nicht weiter schwierig. Der 30 Jahre alte Profi der "Philadelphia 76ers" zeigt gerne Haut - sei es auf den Titelseiten von auflagenstarken Magazinen wie "Sports Illustrated" oder in der Fernsehreklame für das Sportbekleidungsunternehmen Reebok.

Zahllose Tätowierungen - manche auf englisch, andere auf chinesisch und tibetisch - zieren Hals, Arme, Brust und Bauch. Die Aussagen gehen stark ins platitüdenhafte: "Nur die Starken überleben", "Hab vor niemandem Angst", "Loyalität".

Den gemeinsamen Nenner der Parolen und kryptischen Symbolbegriffe hat sein Werbepartner Reebok vor einiger Zeit in den Kampagnenslogan gegossen: "Ich bin, was ich bin." Das Unternehmen konnte sich offensichtlich kein besseres Idol ausmalen, um junge Leute dazu zu bringen, "ihre eigene Individualität zu erkennen". Iverson ist der Inbegriff des Sportlers, der aus armen Verhältnissen stammt, schon mehrfach mit den Strafverfolgungsbehörden zu tun hatte und auf dem Basketballplatz so spielt, als fürchte er weder Tod noch Teufel.

An die Regeln der Geschäftswelt angelehnt

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Die Liga, in der der zweifache Vater pro Jahr rund 15 Millionen Dollar verdient, hat durchaus etwas für Ausnahmefiguren übrig. Das galt insbesondere in der Zeit, als Spieler wie Michael Jordan und Magic Johnson dem hundert Jahre alten Mannschaftsspiel mit ihrem zirzensischen Umgang mit dem Ball eine neue Dimension hinzufügten. Jordan und Johnson mußte man allerdings nicht erklären, daß Profisportler in der Öffentlichkeit auftreten und einen entsprechenden Eindruck erwecken. Ihre Arbeit versahen sie in kurzen Hosen und ärmellosen Trikots. In der Umkleidekabine schlüpften sie in seriöse Herrenoberbekleidung, so wie das unter Amerikas Geschäftsleuten üblich ist, die mit einem gutem Anzug samt Schlips und Kragen ihre Identität als Erfolgsmensch signalisieren.

Die große Zeit der "Dream-Team"-Profis ist schon eine Weile vorbei. Deshalb stieß David Stern, der Geschäftsführer der National Basketball Association (NBA), die einen Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar produziert, vor ein paar Wochen auf erheblichen Widerstand, als er den 400 Spielern eine Kleiderordnung verordnete, die sich an die Regeln der Geschäftswelt anlehnt. Iverson, ein Freund von schief aufgesetzten Baseballkappen, Kopftüchern, riesigen Ketten und viel zu großen, schlaff herunterhängenden Hosen, wie man das in den Großstadtghettos als "Gangsta-Look" pflegt, protestierte am lautesten: "Jeder hat seinen eigenen Stil. Es ist einfach unfair, wenn man das jemandem nimmt. Sie zielen auf Leute wie mich, Leute, die Hip-Hop mögen. Stecke einen Mörder in einen Anzug - und er ist immer noch ein Mörder."

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Der Stil trägt ein Stigma

Andere Profis sprachen gar von Rassismus. Das ist ein Vorwurf, den Soziologie-Professor S. Craig Watkins von der Universität Texas in Austin indirekt bestätigte. Das Problem liege in der öffentlichen Wahrnehmung, die Basketball immer mehr als Selbstdarstellungsspielfeld dunkelhäutiger Amerikaner akzeptiert. Aber: "So populär und einflußreich Hip-Hop auch inzwischen ist - der Stil trägt ein Stigma."

Das Dekret bereitete auch Weißen Kopfzerbrechen. So sah sich der Würzburger Dirk Nowitzki, der am liebsten in schlumpfigen Trainingsklamotten durchs Leben geht, genötigt, gleich "ein paar Anzüge" zu kaufen. Einer reiche nicht: "Du mußt auch welche zum Wechseln haben." Sein Arbeitgeber Mark Cuban, der Eigentümer der "Dallas Mavericks", wollte sich zunächst der Anordung entziehen. Der Siebenundvierzigjährige trägt am liebsten T-Shirts - egal bei welchem Anlaß. Aber dann kramte er einen alten hellblauen Blazer aus dem Schrank und fügte sich dem Druck der NBA-Zentrale in New York.

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Als die neue Saison Anfang November begann, hatte sich auch unter den schwarzen Spielern der Unmut gelegt. Alan Iverson stieg vor dem ersten Match aus seinem Rolls-Royce, aus dessen Lautsprechern Hip-Hop-Musik dröhnte. Er trug ein etwas zu großes braunes Hemd mit Kragen und eine etwas zu große braune Lederjacke. Er lächelte und begrüßte seine Fans mit dem Friedenszeichen. Nach dem Spiel gab er sich konziliant: "Das ist mein Beruf. Man hat eine Kleiderordnung verhängt. Also muß ich damit umgehen. Die Leute denken, ich würde mich nicht an Regeln halten. Aber damit habe ich kein Problem."

In der Modeindustrie Teil des Establishments

Schon gar nicht, wenn sich der grelle Hip-Hop-Stil binnen kurzem wie andere Moden auch verflüchtigt. Bei den Wahlen Anfang des Monats in Detroit fiel Beobachtern auf, daß sich der schwarze Bürgermeister Kwame Kilpatrick von seinem großen Diamant-Ohrring getrennt hatte. Er sehe plötzlich "mehr wie Motown als wie Compton" aus, meinte die "Washington Post" in Anspielung auf die Zeit von Gesangsgruppen wie den Temptations und Four Tops, die in den sechziger Jahren in Anzügen auftraten. In den Jahren danach war der Los-Angeles-Stadtteil Compton zu einem Codewort für Gangs und Gewalt geworden und zu einem Identifikationssymbol für Rapper wie Niggas With Attitude ("Straight Outta Compton") und ihren Haß auf die weiße Gesellschaft.

Längst gehören die Hintermänner des Ghetto-Trends in der Modeindustrie zum Establishment. Der ehemalige Rapper Sean Combs verkauft seine Produkte im New Yorker Edelkaufhaus Bloomingdale's und arbeitet mit den Parfumeuren von Estee Lauder zusammen. Giorgio Armani hatte den Rapper 50 Cent in die erste Reihe bei seiner letzten Schau in Mailand gesetzt. Das heißt aber nicht, daß nun die gesamte Freizeitkultur wie Hip-Hop aussieht: In Combs' Geschäft gegenüber der Public Library in Manhattan bekommt man vor allem auch Anzüge. Iverson und Co. können dort beruhigt einkaufen gehen: Hier werden sie auch für die neue Kleiderordnung das richtige finden.

Quelle: F.A.Z. vom 16. November 2005
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