Becky Hammon

Die erste Trainerin in der NBA?

Von Jürgen Kalwa, New York
11.01.2021
, 14:10
Bislang Assistenztrainerin: Becky Hammon bei den San Antonio Spurs
Auf dem steinigen Weg nach oben beweist Becky Hammon viel Durchhaltevermögen. Als erste Frau in der NBA-Geschichte könnte sie nun Coach eines Männer-Teams werden. Und sie bekommt prominente Unterstützung.
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Vielleicht wäre alles ganz anders gelaufen, wenn die beiden nicht im Sommer 2012 auf dem Rückweg aus London im Flugzeug nebeneinander gesessen hätten. Sie: die beste Spielerin in einer Mannschaft, die nie ganz das gehalten hatte, was man sich von ihr versprochen hatte. Er: einer der besten Basketball-Trainer seiner Generation. Das Gespräch verlief sehr angeregt. Denn sie unterhielten sich über alles Mögliche: über Politik und über guten Wein. Und über Russland, für das sie in den Tagen davor – obwohl Amerikanerin – zum zweiten Mal bei Olympischen Spielen auf dem Platz gestanden hatte.

Um Basketball ging es irgendwann auch. Aber nur weil Gregg Popovich, der damals mit den San Antonio Spurs schon viermal die NBA-Meisterschaft gewonnen hatte, einen Hang dazu hat, seine Gegenüber mit kleinen Provokationen aus der Reserve zu locken: „Wenn du als Assistenztrainer für mich arbeiten würdest, würdest du mir jedes Mal die Wahrheit sagen?“, fragte er. „Ich wüsste nicht, weshalb du mich sonst überhaupt fragen würdest“, sagte Becky Hammon, die damals für die San Antonio Silver Stars in der Frauenliga WNBA spielte. Sie erinnerte sich auch noch Jahre später an seine Antwort: „Gut. Ich will keinen Haufen aus Ja-Sagern.“

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Die Szene aus dem Flieger zurück nach Texas wurde zum Präludium einer ungewöhnlichen Karriere. Die begann, als sich Hammon ein Jahr darauf im linken Knie das Kreuzband riss und während der Reha-Zeit als Praktikantin in Popovichs Trainerteam anheuerte. Sie war bei Taktikdiskussionen und bei Sitzungen dabei, bei denen Videoaufzeichnungen von Spielen analysiert wurden, und saß bei Heimspielen direkt hinter der Auswechselbank. Und wenn Popovich sie nach ihrer Meinung fragte, sagte sie sie ihm.

Durchsetzungsvermögen in der Männer-Liga: Becky Hammon
Durchsetzungsvermögen in der Männer-Liga: Becky Hammon Bild: AFP

Sie bestand damals den wichtigsten Test. „Wenn man lange genug dabei gewesen ist, dann weiß man, wer coachen kann und wer nicht“, nannte Popovich später als Grund dafür, weshalb er Hammon 2014 fest angestellt hatte. „Becky ist eine von diesen Leuten. Sie ist ein Steve Kerr. Sie ist ein Doc Rivers. Sie gehört zu den Leuten, die ein Gefühl für das Spiel haben.“ Eine solche Aussage wäre allerdings nur halb so bedeutsam, wenn die betreffende Person den üblichen Chromosomensatz hätte. Weshalb Becky Hammon seit ein paar Jahren sowohl von skeptischen Blicken als auch von großen Schlagzeilen begleitet wird.

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„Becky Hammon schreibt Geschichte“

So wie Anfang Januar beim Heimspiel der Spurs gegen die Los Angeles Lakers, als Popovich sich in der ersten Hälfte mit den Schiedsrichtern anlegte, aus der Halle verwiesen wurde und die 43-Jährige für den Rest des Spiels seinen Posten übernahm. „Becky Hammon schreibt Geschichte“, trompeteten Amerikas Sportmedien über den Augenblick, in dem zum ersten Mal eine Frau in einer amerikanischen Männer-Liga die Chefrolle übernommen hatte. Popovich und Hammon erwiesen sich hinterher als hervorragend eingespieltes Duo. Sie quittierte die Aufmerksamkeit eher gelassen („Klar, das ist etwas Besonderes, aber ich denke nicht gerne über das große Ganze nach“). Und er sortierte den Moment als Teil einer normalen Entwicklung ein: „Wir haben Becky nicht verpflichtet, um Geschichte zu schreiben. Sie hat sich das erarbeitet. Sie ist qualifiziert. Ja, sie ist zufälligerweise eine Frau. Aber das sollte irrelevant sein.“

Das geht schon seit 2014 so, als der Cheftrainer in dem für ihn typischen sarkastischen Ton die Reaktionen auf seine Entscheidung verspottete: „Die Leute sind irgendwie durchgedreht, als hätten wir die Welt vor dem Faschismus gerettet oder so.“ Das eine ist die Atmosphäre, die Popovich in San Antonio geschaffen hat, wo er schalten und walten kann, wie er möchte. Das andere ist die noch ungeklärte Frage, wie offen die 29 anderen Klubs in der NBA sind, wenn es um die Anstellung von Frauen an exponierten Stellen geht. Immerhin waren die Milwaukee Bucks vor zwei Jahren bereit, Hammon als Kandidatin für den offenen Cheftrainerposten wenigstens zu einem Gespräch einzuladen.

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Der Job ging allerdings an Mike Budenholzer, einen eindeutig erfahreneren, ehemaligen Popovich-Assistenten. Eine Leistungsstufe unter der NBA, im College-Basketball, gab es Offerten. Doch Hammon lehnte zum Beispiel 2017 ab, das Männerteam der University of Florida zu übernehmen. Aufgewachsen in Rapid City in South Dakota, war sie zwar schon als kleines Mädchen an nichts anderem interessiert als an Basketball. Aber sie musste früh in einem Spiel für lange Leute lernen zu kompensieren. Denn sie wuchs gerade mal auf 1,68 Meter heran. Wohl auch deshalb ignorierten sie so gut wie alle College-Teams. Und auch in der WNBA kam sie nicht gleich zum Zug.

„Ich musste eine Tracht Prügel einstecken“

Erst im Laufe der Zeit demonstrierte sie mit sechs Berufungen ins All-Star-Team und einem Liga-Rekord in der Statistik-Kategorie „Assists“ ihre Qualitäten. Doch kein Aspekt ihrer Karriere war so delikat wie die Erfahrung von 2008, als sie für ZSKA Moskau spielte und von den Verantwortlichen des amerikanischen Verbandes nicht in den Olympia-Kader für die Spiele von Peking aufgenommen wurde. Sie entschloss sich, die russische Staatsangehörigkeit anzunehmen, um trotzdem teilnehmen zu können. Während das Resultat mit einer Bronzemedaille ganz zufriedenstellend ausfiel, hagelte es heftige Kritik in der Heimat, die sie zum Außenseiter abstempelte. Die amerikanische Trainerin Anne Donovan unterstellte Hammon mangelnden Patriotismus. Und ihre WNBA-Kollegin Lisa Leslie verweigerte ihr nach der Semifinal-Begegnung der beiden Teams den Handschlag. „Ich musste eine Tracht Prügel einstecken“, sagte sie später. „Aber es hat mir dabei geholfen, innerlich stärker zu werden.“

Das Reservoir an Selbstbewusstsein wird sie brauchen, um sich als Trainerin zu behaupten. Tatsächlich stehen die Chancen nicht schlecht, dass sie in San Antonio als Erbin von Popovich ins Rampenlicht treten kann. Denn der ist 71 Jahre alt. Und sein Vertrag über elf Millionen Dollar pro Saison läuft in einem Jahr aus. Doch im Trainerstab der Spurs arbeitete zwischendurch schon ein gewisser Tim Duncan, der als Repräsentant der Erfolgsära des Klubs einen enormen Popularitätsvorsprung hätte. Der gab zwar im November seinen Assistentenposten auf, aber das dürfte seine Chancen nicht mindern.

Quelle: F.A.Z.
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