Eishockey-WM im August

Protest der Spielerinnen zeigt Wirkung

Von Bernd Schwickerath
04.05.2021
, 14:31
Der Zeitrahmen ist ungewöhnlich, aber lieber im Hochsommer spielen, als gar nicht. Die Spielerinnen fühlen sich seit Jahren benachteiligt. Nun soll ihre abgesagte Eishockey-WM doch noch stattfinden.

Die Nachricht der IIHF kam so unverhofft wie willkommen. Am Freitagabend ließ der Eishockey-Weltverband wissen: Die kürzlich abgesagte WM der Frauen in Kanada findet dieses Jahr doch noch statt. Nach hektischen Tagen mit diversen Diskussionen innerhalb der IIHF, mit den Teams und den kanadischen Behörden sei ein Datum gefunden. Gespielt wird zwischen dem 21. und dem 30. August, ein „wichtiger erster Meilenstein“, sagte IIHF-Präsident Rene Fasel. Nun gehe es darum, einen konkreten Ort zu finden. Franz Reindl, der Präsident des Deutschen Eishockey-Bundes (DEB), stellte nach der Neuansetzung des Turniers erleichtert fest: „Der Frauen-Eishockeysport auf höchstem Level hatte eine schnelle Entscheidung verdient und sie nun bekommen.“

Vor ein paar Tagen war die Laune in der Szene noch ganz anders, vor allem bei den Spielerinnen selbst. Denn eigentlich sollte die WM bereits am kommenden Donnerstag beginnen. Die Teams bereiteten sich seit Monaten darauf vor, zuletzt von der Außenwelt abgeschottet, um das Infektionsrisiko zu verringern. Die Deutschen taten das im Bundesleistungszentrum in Füssen, bis es wenige Stunden vor dem Abflug mit einer Chartermaschine plötzlich hieß: „Treffen im Meeting-Raum in zehn Minuten“, erinnert sich Kapitänin Julia Zorn, die erst nichts Böses ahnte. „Es war eine positiv aufgeregte Stimmung, am Abend davor wurde der finale Kader bekannt gegeben. Wir waren in der Kabine, die letzten Reißverschlüsse der Eishockeytaschen sind gerade zugegangen.“ Doch dann der Schock: Die Behörden der kanadischen Provinz Nova Scotia hatten das Turnier wegen der Corona-Situation vor Ort abgesagt. „Dann saßen wir da alle und haben mit dem Ofenrohr ins Gebirge geschaut“, sagt Zorn.

Der Schock hielt allerdings nicht lange an. Es folgte ein Aufstand der Spielerinnen aus aller Welt in den sozialen Medien. Sie wollten nicht einsehen, warum die Männer, U 20 und U 18 ihre Weltmeisterschaft spielen dürfen, „aber einmal mehr fällt unsere aus“, schrieb Zorn bei Twitter. „Wir sind traurig, enttäuscht und frustriert! Das Frauen-Eishockey verdient Besseres! Wir verdienen es, eine WM zu spielen!“ Ähnlich klang Alina Müller aus der Schweiz: Es sei „absolut skandalös“, den besten Spielerinnen der Welt „die beste Plattform zu nehmen, um das Frauen-Hockey weiterzuentwickeln“. Und Hilary Knight, Superstar aus den Vereinigten Staaten, sah in alledem nur eine „weitere Erinnerung daran, dass Frauen-Eishockey immer noch zweitrangig behandelt wird“. Da konnte auch der offene Brief von IIHF-Präsident Fasel an die „liebe Frauen-Eishockey-Familie“ nicht helfen.

Die systematische Benachteiligung ist ja nicht wegzudiskutieren. Und auch die Aufstände dagegen sind nicht neu. Seit Jahren finden die wichtigsten Kämpfe der Aktiven neben dem Eis statt. 2017 drohte das amerikanische Team damit, die Heim-WM zu boykottieren, wenn sich die (finanziellen) Bedingungen nicht verbesserten. Kurz vor dem Turnier gab der Verband nach. Was die besten Spielerinnen der Welt erstmals ihre Macht spüren ließ. Danach entschlossen sie sich dazu, auch die einzige Frauen-Profiliga zu boykottieren, die Zustände und die geringen Gehälter in der NWHL seien unwürdig für Leistungssportlerinnen, hieß es von der extra gegründeten Gewerkschaft.

Also veranstaltet die seitdem eine eigene Serie mit Showspielen durch Nordamerika. Und will das so lange tun, bis sich grundlegend etwas ändert. Dieser Tage verkündete die NWHL zwar, die Gehaltsobergrenze kräftig anzuheben, künftig kann jedes der sechs Profiteams bis zu 300.000 Dollar ausgeben. Bei mindestens 20 Spielerinnen reicht das für die meisten dennoch nicht zum Leben. Viele müssen nebenher arbeiten gehen.

In Deutschland kann keine einzige Spielerin vom Eishockey leben. Zumindest nicht direkt, aber immerhin 16 Nationalspielerinnen sind bei der Bundeswehr angestellt. „Aber wir haben einige in der Mannschaft, die arbeiten 40 Stunden die Woche und fahren teilweise eine Stunde zum Training“, sagt Julia Zorn. Gerade für sie ist eine WM-Verlegung um knapp drei Monate nicht so einfach zu machen. Da braucht es flexible Arbeitgeber, wenn der wochenlange Urlaub kurzfristig verschoben wird. Nicht nur für das Turnier selbst, es wird ja wieder Lehrgänge vorher geben. Und – was alle betrifft – es gibt auch eine gewisse Trainingssteuerung, um pünktlich zum Start in Topform zu sein.

„Wir sind jetzt fit“, sagt Zorn, die dennoch mit der Neuansetzung im August leben kann. Der Termin sei zwar „nicht ganz optimal, aber unter den gegebenen Umständen okay“. Schließlich beginnen im September viele nationale Ligen, im November steht die Olympia-Qualifikation an. Da war nicht viel Spielraum. Umso glücklicher sind die Spielerinnen, dass nach der Absage aus Nova Scotia überhaupt gespielt werden kann. „Das war das, was wir Spielerinnen gefordert hatten“, sagt Zorn, „wir haben wieder gesehen, wie einflussreich wir Spielerinnen sein können.“

Quelle: F.A.Z.
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