Sportler bei Paralympics

„Ich begann mit Sport, um die Tochter zu ernähren“

Von Tobias Landwehr, Tokio
28.08.2021
, 12:01
Alles für die Kinder: Die blinde Brasilianerin Silvânia Costa de Oliveira gewinnt im Weitsprung in der Klasse T11 Gold.
Die Leben der Athleten bei den Paralympics sind kaum zu vergleichen. Am Ziel aber ist allen eines gemeinsam: Ihr Weg war extrem weit. Die Geschichten sind so faszinierend wie bedrückend.
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Weite. Weite. Weite. Der Nordwesten Namibias bietet viel Buschland, wenig Erhebung, ganz viel Hitze und seltsame Namen. Imkerhof heißt da ein Ort, Hochfeld das nächste Dörfchen. Wo Deutsche sich einst zu schaffen gemacht hatten. Die nächste Siedlung heißt dann wieder Okapanda. Vor allem kann man weit schauen.

Szenenwechsel, andere Seite des Atlantiks, wieder weit im Inland. Der Rio Paraná staut sich hier auf zum Jupiá-Stausee bei Três Lagoas, der Stadt der drei Seen. Das Gewässer ist zwar in etwa so groß wie der Bodensee, aber nur eines von fast zwei Dutzend Stauwehren dieser Dimension. Sonst bietet auch Três Lagoas im mittleren Westen Brasiliens viel Buschland, wenig Erhebungen und einen weiten Blick.

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Es ist schön in beiden Ländern – bis einem die Sicht genommen wird. Das mussten zwei junge Frauen erfahren. Das Seltsame ist, dass diese Ereignisse die Brasilianerin Silvânia Costa de Oliveira und die Namibierin Lahja Ishitile in der japanischen Kapitale Tokio zusammengeführt hat: im T11, dem Weitsprung der komplett Erblindeten bei den Paralympics. Der Weg dorthin war sehr unterschiedlich, aber ihre Geschichten sind so faszinierend wie bedrückend.

„Das macht mich richtig stolz“

Ishitile setzt als Erste eine Weite. Ihr Guide positioniert sie dazu auf der Markierung ihrer Ablaufstelle und zeigt ihr über das Ausstrecken ihrer Arme die Wegrichtung. Dann läuft er an die Absprunglinie, richtet sich exakt mittig aus und klatscht. Er gibt Ishitile Orientierung. Von da an ist alles Routine. Anlauf, optimale Schrittzahl. Viele Guides zählen laut mit.

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Das fröhliche Flaggengewitter, das entsteht, wenn Weitspringer möglichst nah an den Absprung möchten, aber der große Zeh oder gar ganze Füße die schwarze Linie kreuzen, bleibt aus. Erblindete haben eine Absprungzone von einem Meter. Die Distanz wird zum Absprungschritt gemessen. Ishitile kommt auf 4,32 Meter.

Mit sieben Jahren nimmt eine Infektion der Namibierin langsam, aber stetig das Augenlicht. Ihre Mutter weinte jeden Tag, berichtet Ishitile, doch ihre Eltern hörten nie auf, sie zu unterstützen. So kommt sie an die richtige Schule, an den richtigen Lehrer, der sie zum Sport animiert. Ishitile wird Para-Athletin, Namibias einzige in Tokio. „Das bewegt mich so sehr, das macht mich richtig stolz.“ Es ist leicht vorstellbar, dass der Weg zu den Paralympics ein weiter und schwieriger ist, ebenso wie Ishitiles Weg zum Training in Windhoek, Namibias Hauptstadt. „Wir sind da auf uns allein gestellt und müssen echt ackern“, sagt Ishitile. Dann kam die Pandemie: „Wir hatten finanzielle Schwierigkeiten, wegen der Verschiebung. Es ist hart.“

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Ishitiles 4,32 Meter sind ordentlich, aber noch weit weg vom paralympischen Rekord, der bei 5,07 Meter liegt. Eine, die ihn brechen kann, ist de Oliveira. 2016 in Rio wurde sie, der die Stargardt-Krankheit das Augenlicht nahm, Olympiasiegerin. „Ich habe mit dem Sport angefangen, um meine Tochter ernähren zu können. Durch meinen Sieg in Rio konnte ich ihr eine bessere Zukunft bieten“, sagt de Oliveira.

„Viel, viel, viel Unterstützung“

Was sie 2016 bei ihrem Sieg nicht wusste: Sie war im zweiten Monat schwanger. „Ich dachte nach der Geburt, ich müsste aufhören – aber nein! Ich habe es für meine Tochter gemacht, für meinen Sohn muss ich jetzt erst recht weitermachen!“ Doch beim Wettbewerb läuft es anfangs nicht zusammen. Zwei Fehlversuche.

Dann springt sie auf Platz drei, vorerst. Ishitile kann auch so weit kommen. Doch der Rhythmus fehlt, 4,52 Meter, zu mehr reicht es am Freitag nicht. Macht nichts. Es war nur ihr Auftakt zu den Paralympics, über 400 Meter ist sie stärker. „Die Namibianer schauen die Paralympics im TV, und sie mögen sie auch sehr. Aber es fehlt an Unterstützung. Viele Leute in Namibia haben immer noch Schwierigkeiten, sich mit Behinderungen auseinanderzusetzen.“

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In Brasilien ist das mittlerweile etwas anders. Das Land „kämpfte 2012 in London und 2016 in Rio mit Deutschland um einen Platz unter den ersten zehn in der inoffiziellen Nationenwertung. „Wir bekommen viel, viel, viel Unterstützung. Unser Präsident Bolsonaro hat das ausweiten können, und wir konnten das in gutes Training ummünzen. Aber natürlich haben wir auch große Sponsoren“, sagt de Oliveira. Aber noch kann sie die Hilfe in Tokio nicht vergolden. „Ich bin hier mit mehr mentaler als physischer Stärke angereist.“

Die Rückkehr nach der Schwangerschaft war für sie die anstrengendste Zeit ihrer Karriere. „Aber ich bin vor allem mit viel Lust am Wettkampf angereist, und ich denke, das hat es am Ende ausgemacht.“ Hat es tatsächlich. Den vorletzten Sprung – oder zumindest sein Ergebnis – bekommen alle im Nationalstadion mit. De Oliveiras Freudenschreie durchwehen das ganze Rund: exakt fünf Meter. Gold! Die Arena wird zur Festa do Brasil. „Wuhu! Brasilien! Ich habe das Gefühl, ganz Brasilien erwartet mich. Ab dem ersten September bin ich wieder da, und ich will mit euch allen feiern!“, sagt sie und lacht. Der Copacabana-Spirit hat die Spiele noch nicht verlassen.

Die Wege sind weit, sehr weit

Die Geschichten von de Oliveira und Ishitile sind nur zwei von Menschen mit gänzlich anderen Voraussetzungen. Da ist zum Beispiel der Japaner Tomoki Satou, dem eine Rückenmarksentzündung die Gewalt über die Beine nahm und der nach dem Vorlauf am liebsten schnell zurück in die Katakomben will, um den Fokus zu bewahren. „In Rio wurde ich vom US-Kollegen Raymond Martin noch krass geschlagen. Jetzt in Tokio möchte ich mich bei diesen Spielen für Japan in die Annalen eintragen“, sagt Satou voller Inbrunst.

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Der Druck der eigenen Erwartung und der Erwartung, die er seinen Landsleuten zuschreibt, ist aus jeder Silbe zu hören. „Die Atmosphäre hat sich wirklich gewandelt, und dafür bin ich dankbar. Das möchte ich mit all meiner Kraft, mit einem guten Lauf zum Ausdruck bringen.“ Am Abend rollt er in Wimpernschlagweite nahezu zeitgleich mit Raymond Martin über die Ziellinie, Fotofinish. Satou ist am Ende vorne, Gold. Ob der Fakt, dass die Paralmypics in Tokio stattfinden, geholfen hat? „Auf jeden Fall. Von meinem Land und von unserem Nationalen Olympischen Komitee kam eine bedeutende Unterstützung.“

Am Freitag beeindrucken auch die Australierin Isis Holt und die Deutsche Isabelle Förder, die – beide teilgelähmt – ungläubig auf die Anzeigetafel starren und ihre Leistung nicht fassen können. Während die Australierin im australischen Fördersystem kaum einen Unterschied zu ihren Olympiakollegen spürt, will sich die Deutsche aus der Sportpolitik lieber ganz raushalten. Die ukrainischen Medaillengewinner Vladyslav Bilyi und Yuliia Pavlenko erleben einen enttäuschten Kameramann Vitaly, der nach den Interviews etwas traurig mit dem Kopf schüttelt: „Wir haben so gute Athleten, doch so wenig Interesse im Land.“

Die Wege dieser Athleten sind kaum zu vergleichen. Am Ziel in Tokio lässt sich für alle aber eines sagen: Sie waren weit, weit, weit.

Quelle: F.A.Z.
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