Paralympics in Tokio

Wo das Herz der Spiele langsamer schlägt

Von Tobias Landwehr, Tokio
31.08.2021
, 08:33
Die Amerikanerin Mallory Weggemann freut sich über ihre Goldmedaille im Rückenschwimmen über 100 Meter.
Der sportliche Wettkampf der Paralympics steht Olympia in nichts nach. Doch zwischen den Disziplinen bleibt etwas mehr Zeit zum Durchatmen – denn es gibt einen Zufluchtsort für alle Athleten.
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Zweifelsohne, das japanische Nationalstadion mit seinem Zen-Garten-Stil ist ein Blickfang. Unter all den funktionellen Architekturträumen oder Schnellbauquadern ist die Arena unweit des Meiji-Heiligtums eine der wenigen, die Spirit, ja etwas Erhabenes ausstrahlt. Aber das Nationalstadion, es ist nicht das Herz der Olympischen und Paralympischen Spiele. Das Herz ist auch nicht das Aquatics Center der Schwimmer oder das weitläufige Tokioter Big Sight, von wo aus Medien Bilder um den Globus funken. Nein, es ist die Ariake ZeroBase: ein von außen etwas unscheinbarer Pop-up-Stand.

Kinder toben hier auf Kunstrasen und zwischen Wasserspielen, während konstanter Wind Tokios schwüle Hitze vertreibt. Brasilianischer Forró verströmt zwischen Food-Trucks und einem Craft-Beer-Stand einen gechillten Vibe. Bei Pulled-Pork und Nihon-Cha kann man der Yurikamome-Hochbahn dabei zusehen, wie sie träge und in der Sonne glänzend vorbeizieht. Doch das Beste: Die ZeroBase liegt inmitten all der paralympischen und olympischen Sport-Arenen! Keine drei Minuten Fußweg, und schon ist man am Ariake Taiso Kyougijo, der einstmals olympischen Turnarena, wo Lukas Dauser Silber am Barren errang. Bei den Paralympics, wo Felix Streng am Montag Gold für Deutschland ersprintet, geht es etwas gemächlicher, aber nicht weniger spannend zu.

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Boris Nicolai etwa versucht sich im Boccia an der letzten Möglichkeit, ins Viertelfinale einzuziehen. Die Regeln sind jedoch hart: Nur der Gruppensieger kommt weiter, daneben die zwei besten Gruppenzweiten. Ingenieur Nicolai aus Saarbrücken, der an Muskeldystrophie erkrankt ist, braucht gegen seinen Konkurrenten Duban Cely einen hohen Sieg. Doch der Kolumbianer erweist sich als zäh. Und im letzten Durchgang schafft Nicolai es nicht, zwei gut positionierte Kugeln des Kolumbianers vom Pallino fortzustoßen, was die Niederlage und damit das paralympische Ende für Deutschlands ersten Athleten im Boccia bedeutet.

„Basketball ist mein Leben“

Vom Ariake Taiso Kyougijo sind es keine sieben Minuten zum nächsten aufregenden Punkt. In der Ariake-Arena am Ostwolken-Kanal, der unromantischer ist, als er klingt, messen sich die deutschen Rollstuhl-Basketballer mit Iran. Und nur der Sieger zieht ins Viertelfinale ein. Deutschland kontrolliert die ersten drei Viertel. „Dann hat sich Iran richtig aufgepuscht. Wir mussten da hingegen ruhig bleiben“, sagt Aufbauspieler Thomas Böhme.

Der deutsche Basketballer Thomas Böhme visiert den Korb der US-Mannschaft an.
Der deutsche Basketballer Thomas Böhme visiert den Korb der US-Mannschaft an. Bild: dpa

Doch der deutsche Vorsprung schmilzt zusehends, sodass das Team eine Auszeit nehmen muss. Bei nur noch zwei Punkten Vorsprung und sieben Sekunden auf der Uhr hat der deutsche Center Aliaksandr Halouski Freiwürfe – verfehlt jedoch den ersten. „Aber ich wusste, dass er den zweiten reinmacht, er ist so ein sicherer Schütze“, sagt Teamkollege Böhme nach dem Spiel in der Mixed Zone. Halouski verwandelt, Iran kommt in der letzten Sekunde im Gemenge zwar noch zum Drei-Meter-Wurf, verfehlt jedoch: Deutschland steht im Viertelfinale. Böhme, Topscorer in drei von fünf Partien, bleibt fokussiert, ist aber sichtlich happy. „Denn Basketball, das ist schon mein Leben.“

Zurück zur ZeroBase, um sich per Kaltgetränk und relaxter Atmosphäre zu erden – aber auch, um mit Ahmed aus dem Jemen zu sprechen. „Hier sollten alle Leute zusammenkommen. Japaner und Gäste, alle sollten miteinander verbunden werden“, sagt der Manager der Pop-up-Mall. „Mit Corona und dem Zuschauerverbot haben wir einen Haufen Geld verloren. Die meisten Kunden sind abgesprungen. Japanisches Publikum, das wäre richtig gewesen. Atmosphäre und Einnahmen hätten so viel besser sein können.“ Im Hintergrund demontiert ein Baukran bereits den Urban Sports Park, Austragungsort von Skating und BMX. Wobei sich da im übrigen die Frage stellt: Wann wird Rollstuhl-Actionsport wohl paralympisch?

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Stars auf dem Tennisplatz

Auf der Südseite der ZeroBase tobt jedenfalls noch die Tennis-Action. Zwei Athleten „smashen“ sich zu dem, was Novak Djokovic verwehrt blieb: dem Golden Slam. Die Niederländerin Diede de Groot und der Australier Dylan Alcott gewannen bisher alle Rollstuhl-Tennis-Grand-Slams in diesem Jahr. Das gelang zuvor noch niemandem. Auch, weil Wimbledon erst seit 2016 die Rollstuhlwelt willkommen heißt. „Die haben gedacht, wir wären nicht in der Lage, dort Tennis zu spielen“, sagt der elfmalige Grand-Slam-Champ de Groot. „Aber wir machen jedes Jahr, jede Woche Fortschritte in unserem Sport.“

Wer im Rollstuhl-Tennis Titel holen will, muss irgendwann an ihr vorbei: Diede de Groot
Wer im Rollstuhl-Tennis Titel holen will, muss irgendwann an ihr vorbei: Diede de Groot Bild: Reuters

De Groot lässt sich derzeit nicht aufhalten. Auch die Chinesin Jinlian Huang ist in der zweiten Runde keine Hürde für die Niederländerin mit unterschiedlicher Beinlänge und harten Grundlinienschlägen. Für ihren Jahres-Golden-Slam braucht de Groot aber auch Jet-Lag-Resistenz: Am vierten September enden die Tokioter Tennis-Matches, und schon am neunten beginnen die US Open. Dazwischen liegen zwölfeinhalb Stunden Flug. „Das habe ich alles schon vorher gebucht, damit ich mir den Stress nicht in Tokio antun muss.“

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Vor einer lichtdurchtränkten Hochhauskulisse ist Stress in der ZeroBase, der letzten Station eines paralympischen Tages, kein Thema. Dafür Natsukashisa. Die Sehnsucht nach dem „Was wäre, wenn“. Denn was die eigentliche Währung von Olympischen und Paralympischen Spielen ist, wird hier im Herzen der Spiele durch ihr Fehlen spürbar. Zwischenmenschlichkeit. Dennoch: Das Herz, es schlägt. Nur eben gemächlich.

Quelle: F.A.Z.
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