Speerwerferin Martina Willing

Die mit dem Fighting Spirit

Von Tobias Landwehr, Tokio
01.09.2021
, 18:50
Speerwerferin Martina Willing ist die erfahrenste Athletin im deutschen Kader.
Ihre Premiere war 1992 in Barcelona: Martina Willing ist nun in Tokio zum neunten Mal bei den Paralympics dabei – und gibt ihre Einstellung an die Jüngeren weiter.
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Es gibt zwei Kanji-Symbole, die „Toukon“ ausgesprochen werden und im Japanischen „Kampfgeist“ bedeuten. Sie prangen neben der roten japanischen Sonne auf der Stirn von Martina Willing, gedruckt auf einem Hachimaki, jenem Stirnband, das in Nippon Sportler, Kämpfer und Tifosi tragen, wenn es zu wichtigen Matches kommt. „Das ist ein Dankeschön an Tokio“, sagt die deutsche Para-Athletin über das Stirnband. „Die haben sich so ins Zeug gelegt, dass so vieles, dass durch die Corona-Situation ins Hintertreffen geraten ist, ausgeglichen wurde.“

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Dass auch Willing voller Kampfgeist ist, daran besteht kein Zweifel. Es sind ihre neunten Spiele. Ob in Sprint- oder Wurfdisziplinen, die blinde Sportlerin gewann jedes Mal mindestens eine Medaille. In Tokio tritt sie dieses Mal „nur“ im Speerwurf an, der Startklasse F56. Sie ist die einzige Blinde und mit 61 Jahren die Älteste in diesem Wettstreit.

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Doch erst mal muss sie lange warten. Jeder Athlet wirft sechs Mal hintereinander. Willing ist Vorletzte. Sie muss miterleben, wie die Iranerin Hashemiyeh Motaghian Moavi ihren Weltrekord aus den Rekordbüchern streicht. „Ich habe es im Vorfeld ja schon geahnt und auf den Trainingsplätzen gespürt: Die Medaillen werden nur über das Maximum vergeben.“

Fünf Mal ein neuer Weltrekord

Ihren „Kampfgeist“ trägt Willing nicht ohne Grund. Als sie 21 wird, erblindet sie vollends aufgrund einer Sehstörung, die sie schon von Geburt an begleitet. Über ein zufällig aufgeschnapptes Gespräch erfährt sie vom Para-Sport, trainiert und ergattert 1992 schließlich das Ticket zu den Paralympics in Barcelona. Ob Speer, Diskus oder Kugel, überall gewinnt sie Medaillen. Das Multitalent tritt 1994 auch bei den Winterspielen in Lillehammer an, gewinnt Silber im Langlauf, Bronze im Biathlon – und stürzt schwer im letzten Skilanglaufrennen. Sie muss sich am Knie operieren lassen. Schon vorher ist klar: Nach der OP wird sie nie wieder laufen können, denn die Spritze des Anästhetikums löst eine Blutung im Rückenmark aus, welche die Nerven abdrückt. Querschnittlähmung.

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Diese Zeit war ein harter, persönlicher Kampf, der sie jedoch wieder in den Leistungssport zurückführt. „Ich hatte ja einen Vorteil: Ich kannte ja bereits viele Sportler, die in Rollstuhl- oder sitzenden Disziplinen antraten.“ Willing ist von nun an nicht mehr vom paralympischen Siegertreppchen fortzudenken. Fünf Mal gelingt ihr in verschiedenen Disziplinen ein neuer Weltrekord.

Auch Merle Marie Menje hat der Kampfgeist gepackt.
Auch Merle Marie Menje hat der Kampfgeist gepackt. Bild: Imago

Der im Speerwurf ist nun passé. Ihr gelingen im zweiten Wurf 19,78 Meter, sie bleibt unter ihrer Saisonbestleistung. „Es ist auch in Ordnung, dass die jungen Leute eine Runde besser sein sollten als ich.“ Die jungen Leute sind in diesem Fall bis zu 41 Jahre jünger als Willing, die in Tokio Fünfte von neun Teilnehmerinnen wurde. „In meiner Karriere konnte ich ja genug Medaillen sammeln“, sagt Martina Willing. „Ich kann den Fighting Spirit schon weitergeben. Ich habe festgestellt, dass wir Älteren – auch wenn wir nicht mehr so häufig Medaillen gewinnen – für die Mannschaft und insbesondere für die Jungen sehr wichtig sind.“

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„Beim ersten Mal war ich eher stolz“

Die junge Para-Welt ist eine andere als 1992 in Barcelona. Eine höhere, weitere und schnellere, eine professionellere. Eine, in der die 17-jährige Rennrollstuhl-Fahrerin Merle Marie Menje voller Ehrgeiz die Besten ihrer T54-Klasse herausfordert. Die Mondo-Bahn glänzt regennass, während die bunten Jerseys in ihren Pfützen spiegeln. 1500 Meter: Mitten im Fünferpack prescht Menje in die letzte Runde, die Glocke tönt durch die Arena. Menje wurde schon über 800 Meter Vierte, über 5000 Meter Sechste.

Doch im Pulk stecken auch noch die siebenmalige Goldgewinnerin Tatyana McFadden aus den Vereinigten Staaten oder die Australierin Madison de Rozario, die über 800 Meter Gold gewinnt. Wasser spritzt von der Bahn hoch, die Ziellinie liegt noch in der Ferne, Menje lässt McFadden hinter sich. Doch eine Wagenlänge vor ihr fährt de Rozario ein – und davor Zhaoqian Zhou und Manuela Schär. Die zweitjüngste Athletin im deutschen Kader wird wieder Vierte.

„Beim ersten Mal war ich eher stolz“, sagt Menje. „Jetzt heute, wo es wirklich um einiges besser aussah, gerade in der letzten Runde, bin ich ein bisschen enttäuscht.“ Die Augen leuchten trotzdem, der Kampfgeist, die Paralympics haben sie gepackt. Menje hat noch einen vierten Versuch. An diesem Donnerstag startet sie über 400 Meter.

Und in wenigen Monaten könnte sie auch bei den Winterspielen in Peking an den Start gehen, im Skilanglauf. Danach folgen sogleich die Leichtathletik-Weltmeisterschaften. „Man muss dann zumindest darüber diskutieren, ob man das bei einer jungen Athleten aneinanderreihen kann“, sagt Chef de Mission Karl Quade. Denn Menje soll und will mit der Freude am Sport der Para-Szene noch viele schöne Momente bescheren. Eventuell so viele, wie es Willing – die sich auch Paris 2024 noch gut vorstellen kann – bislang getan hat.

Quelle: F.A.Z.
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