Paralympische Spiele 1964

Mit sechs kriegsversehrten deutschen Sportlern

Von Patrick Welter, Tokio
30.08.2021
, 19:01
Kronprinz Akihito und Michiko begrüßen deutsche Athleten.
Längst vergessen: 1964 war Japan mit seinen paralympischen Spielen der Zeit voraus. Und bei dem Nationalen Sportfest im Anschluss waren sogar Sportler aus Westdeutschland dabei.
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Am 12. November 1964 gingen in Tokio die für Japan ersten Paralympischen Spiele zu Ende. Die Stimmung im berühmten von Kenzo Tange gebauten Yoyogi National Gymnasium war festlich. Die Fahnen der beteiligten Nationen waren aufgereiht. Kronprinz Akihito und seine Frau Michiko überreichten den japanischen und ausländischen querschnittgelähmten Rollstuhl-Sportlern Medaillen.

Dann wurde die schottische Weise „Auld Lang Syne“ gespielt, die Japaner als „Hotaru no hikari“, Licht der Glühwürmchen, kennen. Sie wird in Japan gerne als sentimental-feierlicher Rausschmeißer genutzt.

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Schon am nächsten Morgen um 10 Uhr standen Akihito und Michiko auf der hölzernen Ehrentribüne des Oda-Sportfelds im Olympischen Dorf und eröffneten die Spiele der Behindertensportler noch einmal. Es begann ein zweiter, ein nationaler Teil des Sportfests.

Sehbehinderte Sportler

Jetzt kämpften amputierte, sehbehinderte oder taube Sportler um Medaillen. Die Japaner blieben nicht unter sich: An dem nationalen Teil nahmen sechs kriegsversehrte Sportler aus Westdeutschland teil, als einzige Ausländer und außer Konkurrenz. In ihren groben Trainingsanzügen verbreiteten sie ein wenig internationalen Flair.

Die bizarre historische Episode zeigt eine japanisch-deutsche Kooperation, die der Zukunft der Paralympischen Spiele weit vorausgriff und mit der Japan Sportgeschichte schrieb. Sie spiegelt zugleich die Rivalität von Sportfunktionären wider, die den damals noch entstehenden internationalen Behindertensport prägte. Auch darin waren die Deutschen verwickelt.

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In Vergessenheit geraten

57 Jahre später ist dieses Kapitel der Sportgeschichte in Deutschland und in Japan in Vergessenheit geraten. Im Deutschen Behindertensportverband (DBS) und im Japanischen Paralympischen Verband ist über die Geschichte der sechs westdeutschen Sportler auf Anfrage nichts mehr bekannt.

„Diejenigen, die etwas über die Hintergründe sagen können, sind alle gestorben“, antwortet der 96 Jahre alte Seiichiro Ite aus dem Altersheim in Yokohama schriftlich auf Fragen der F.A.Z. Ite war 1964 im japanischen Gesundheitsministerium an der Vorbereitung der Spiele beteiligt. Er weiß nur noch, dass deutsche Sportler an beiden Teilen der Paralympische Spiele in Tokio teilnahmen.

Der Einlauf der deutschen Mannschaft 1964
Der Einlauf der deutschen Mannschaft 1964 Bild: Japanese Para-Sports Association

Die Idee, in Tokio nach den Olympischen Spielen 1964 auch ein internationales Behindertensportfest abzuhalten, kam in Japan erst nach 1960 auf, nach den ersten Paralympischen Spielen in Rom, an denen keine Japaner teilnahmen. Damals hießen die Wettkämpfe noch Stoke-Mandeville-Spiele. In Deutschland wurden sie „Weltspiele der Rollstuhlfahrer“ genannt.

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Sport zur Rehabilitation

Das Stoke-Mandeville-Krankenhaus im gleichnamigen Dorf nordwestlich von London gilt als Geburtsort der Paralympischen Bewegung. Dort setzte der Arzt Ludwig Guttmann Sport zur Rehabilitation von kriegsversehrten Querschnittgelähmten ein. 1948 veranstaltete er erstmals einen Sportwettkampf. Guttmann war 1939 aus Deutschland vor den Nazis nach England geflohen.

Der japanische Dr. Guttmann heißt Yutaka Nakamura, Leiter der orthopädischen Abteilung an einem nationalen Krankenhaus in Beppu auf der südlichen Hauptinsel Kyushu. 1960 reiste Nakamura nach Europa und studierte in Stoke Mandeville die Arbeit von Guttmann. Das öffnete dem Japaner die Augen für den Nutzen des Sports für die Rehabilitation .

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In Japan stieß das auf viel Ablehnung, weil es als schädlich für die Behinderten angesehen wurde. Kritisiert wurde auch, dass Behinderte in Wettkämpfen zur Schau gestellt würden. Nakamura aber war hartnäckig. 1961 war er die treibende Kraft hinter einem Sportwettkampf für Körperbehinderte in der Präfektur Oita, einer Premiere in Japan.

Im selben Jahr besuchte der Arzt Westdeutschland, um mehr über den Behindertensport zu lernen. Hans Lorenzen, Professor an der Deutschen Sporthochschule in Köln, bat den Japaner, sich für internationale Wettkämpfe auch für Amputierte und Blinde einzusetzen.

Gegenstück von Olympia

Der Gegensatz zeigt das Schisma, das in den frühen Sechzigerjahren die Förderer des internationalen Behindertensports teilte. Guttmann wollte seine Sportwettkämpfe für Querschnittgelähmte zum Gegenstück der Olympischen Spiele aufbauen.

Eine westdeutsche Fraktion um Lorenzen und Gerd Brinkmann, dem Präsidenten des Deutschen Versehrtensportverbands, Vorläufer des DBS, plädierten dagegen für internationale Wettkämpfe aller Körperbehinderter. Brinkmann war auch Generalsekretär der Arbeitsgruppe für Versehrtensport der Internationalen Veteranenvereinigung in Paris. Zwischen ihm und Guttmann kam es persönlich zu einem Zerwürfnis. Die Japaner mit ihrem Wunsch nach Paralympischen Spielen in Tokio standen zwischen den Fronten.

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1963 entsandte das Land Sportler sowohl zu den Stoke-Mandeville-Spielen für Querschnittgelähmte in England als auch zu einem internationalen Wettkampf für Behinderte im österreichischen Linz. Das war wahrscheinlich der erste internationale Wettkampf für Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen, schreibt der amerikanische Historiker Dennis Frost in einer Studie über Behindertensport in Japan.

Beides vereinen

Querschnittgelähmte waren in Linz nicht dabei. Nakamura schlug vor, beide Wettkämpfe in den Paralympischen Spielen in Tokio zu vereinen. Damit fand er die Zustimmung des Präsidenten des Vorbereitungskomitees, Yoshisuke Kasai. Für einen solchen breiten Ansatz gab es nicht zuletzt innerjapanische Gründe.

Die Zustimmung und Hilfe des Gesundheitsministeriums waren so eher zu erlangen. Auch hatte der einflussreiche Lions Club in Japan seine finanzielle Unterstützung unter der Bedingung zugesagt, dass Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen teilnehmen könnten.

Plakat aus Tokio: Paralympics war damals noch gar nicht offiziell akzeptiert, steht aber in großen Buchstaben, „Stoke-Mandeville-Games“ nur klein.
Plakat aus Tokio: Paralympics war damals noch gar nicht offiziell akzeptiert, steht aber in großen Buchstaben, „Stoke-Mandeville-Games“ nur klein. Bild: Japanese Para-Sports Association

Den Vorschlag vereinter Spiele habe Nakamura sowohl Guttmann als auch Brinkmann präsentiert, erklärt Yuko Nakajima von der Paralympischen Forschungsgruppe der Nippon Foundation. Unklar ist in den japanischen Quellen, woran diese Idee vereinter Spiele letztlich scheiterte. Es kann Widerstand Guttmanns gewesen sein, sein eingeführtes Konzept der Weltspiele für Querschnittsgelähmte zu verwässern. Es kann das Problem gewesen sein, dass für andere Behindertensportarten noch keine klaren Regeln gesetzt waren.

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„Sportwettkampf“

So oder so kam es in Tokio zu zweigeteilten Paralympischen Spielen, dem ersten internationalen Teil als Stoke-Mandeville-Spiele und dem zweiten, westdeutsch beeinflussten nationalen Teil für Amputierte und andere Behinderte. In Japan nannten die Organisatoren beide Teile „Internationalen Sportwettkampf für Körperbehinderte“.

Das Land war damit der Zeit weit voraus, weil es das Konzept der heutigen Paralympischen Spiele vorwegnahm. Im Nachhinein erkannte das erst 1989 gegründete Internationale Paralympische Komitee (IPC) freilich nur den ersten Teil der Veranstaltung in Tokio als Paralympische Spiele an. Erst 1976 in Toronto gab es nach IPC-Lesart Paralympische Spiele mit Amputierten und Sehbehinderten.

Auch in anderer Hinsicht war Japan 1964 Pionier. Erstmals nutzten die Organisatoren groß auf den Plakaten den informellen Namen „Paralympic“, der erst 1988 in Seoul offiziell von der paralympischen Bewegung übernommen wurde. Nach den japanischen Erzählungen hat den Begriff ein japanischer Journalist erfunden.

Als Zeichen des Respekts luden die japanischen Organisatoren zum zweiten nationalen Teil der Spiele auch Deutschland, Österreich und Frankreich ein. Es kamen nur die Deutschen. Hintergrund ist auch hier das Zerwürfnis zwischen Guttmann und Brinkmann.

Getrennte Mannschaften

Der Krach zwischen den beiden habe dazu geführt, dass der Deutsche Versehrtenverband die Stoke-Mandeville-Spiele 1964 in Japan boykottierte, berichtet Ian Brittain in einer Studie. Aus Deutschland reisten so zwei getrennte Mannschaften nach Tokio an.

Der erste internationale Teil des Sportfests, die Stoke-Mandeville-Spiele, versammelte für fünf Tage 369 Querschnittgelähmte. 24 davon kamen aus Deutschland unter Leitung von Walter Weiß vom Johannes-Straubinger-Haus in Württemberg. Der zweite nationale Teil aber, der 480 Sportler mit anderen Behinderungen zusammenbrachte, wurde aus Deutschland vom Versehrtenverband besetzt.

Es reisten an: Heinz Haep, Bernd Herrmann, Klaus Petereit, Rolf Schäfer, Gustav Weise und Mannschaftsleiter Herbert Kersten. Kronprinz Akihito, der heutige Kaiser emeritus, und seine Frau Michiko begrüßten die Westdeutschen auf dem Oda-Sportfeld mit Handschlag.

Wie viele Zuschauer dem Ereignis beiwohnten ist unklar. In manchen zeitgenössischen Quellen ist von 100.000 Zuschauern die Rede. Die deutsche Botschaft beklagte dagegen in ihrem Bericht an das Auswärtige Amt eine „schwache Beteiligung von ein paar tausend Zuschauern“.

Die Botschaft stellte dem gegenüber, dass gleichzeitig zu den Paralympischen Spielen 70.000 Menschen den Eröffnungstagen eines Kulturfestivals der religiös-politischen Bewegung Sokagakkai beigewohnt hätten.

Die meisten Zuschauer der Spiele seien gar nicht wegen der Behindertensportler gekommen, meint Ite in Yokohama. Sie hätten das Sportfeld im Olympischen Dorf sehen wollen, auf dem wenige Wochen zuvor noch Stars wie der äthiopische Marathonläufer und olympische Goldmedaillengewinner Abebe Bikila trainiert hatten.

So schilderten es 1964 auch die japanischen Zeitungen. Doch Ite misst den Erfolg der Spiele anders: Japan habe die Paralympischen Spiele gewollt, um den Behindertensport zu entwickeln. Das sei gelungen, findet er ehemalige Staatsdiener. Nach 1964 habe es jedes Jahr im Anschluss an das Nationale Sportfest auch ein Nationales Sportfest für Körperbehinderte gegeben.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Welter, Patrick
Patrick Welter
Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.
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