Radrennen Paris-Roubaix

Die schmutzige Königin

Von Alex Westhoff
02.10.2021
, 13:56
Schlamm, Schweiß, Kopfsteinpflaster: Bei Regen wird Paris-Roubaix unberechenbar.
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Das Radrennen Paris-Roubaix ist die Härte, schon in „normalen“ Jahren. Beim ausnahmsweise herbstlichen Klassiker soll es nun regnen – das bedeutet noch mehr Chaos.
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Als Philippe Gilbert 2019 in Roubaix triumphierte, war er 36 Jahre alt und ein strahlender Altmeister, der vom Zahn der Zeit nichts wissen wollte. Wenn der Belgier an diesem Sonntag losfährt, um seinen Titel zu verteidigen, tut er dies im Alter von 39 Jahren – und im Wissen, dass es schwer wird, den Anschluss zu halten an die neue Radsport-Generation.

Dass er nicht mehr zu den Favoriten gehört, denen zugetraut wird, die „Königin der Klassiker“ zu erobern. 903 Tage werden zwischen Gilberts Sternstunde bei der 117. und der 118. Ausgabe von Paris-Roubaix liegen. Die prestigeträchtige Auseinandersetzung in Nordfrankreich ist einzigartig im Radsportkalender. Eine wilde Hatz über Kopfsteinpflaster, das so grob und kantig und unverändert daliegt, wie es zu Napoleons Zeiten angelegt wurde. Ein zehrender Rütteltest für Mensch und Rennmaschine, geprägt von Pannen und Stürzen.

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Faktoren Zufall und Glück

Im Peloton gehen die Meinungen seit jeher auseinander. Manche halten es für zu viel des Zirkus‘, weil der Sieger nicht nur große Kräfte benötigt, sondern auch mit den Faktoren Zufall und Glück im Bunde stehen muss. Manche verachten es als unwürdige Schinderei auf Wegen, die selbst die dortigen Bauern mit ihren Traktoren meiden. Und manche lieben es, schmeißen sich mit feurigen Herzen an die Königin heran.

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Paris-Roubaix ist die Härte – schon in „normalen“ Jahren. Aber als Matsch- und Regenausgabe bekommt es epische Züge, wenn die besten Radfahrer der Welt sich von Helm bis Schuh dreckverkrustet einen Schlagabtausch liefern. Seit vielen Jahren war das Rennen eine staubige Angelegenheit, weil es das Frühlingswetter gut meinte mit den Fahrern. Bei dieser vom angestammten April-Termin in den Herbst verschobenen Ausgabe wird es anders werden.

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Für das Wochenende ist viel Regen vorhergesagt. Und glitschiges Pflaster – das Pavé erstreckt sich in 30 Sektoren auf insgesamt 55 Kilometer – verändert den Charakter des Rennens. Noch mehr Chaos! Noch mehr Hektik! Noch mehr Spektakel! Noch mehr „Hölle des Nordens“, wie ein weiterer Beinamen des Traditionsrennens heißt. Keiner der Starter hat Erfahrungen am eigenen Leib gemacht, wie sich der Weg nach Roubaix unter solchen Bedingungen anfühlt. Denn die letzte richtig verregnete Ausgabe war 2002, als der Belgier Johan Museeuw zum dritten Mal im Velodrom in Roubaix siegte.

Asphaltpiste mit Steilkurven

Noch so eine Besonderheit des Klassikers ist, dass das Rennen mit drei finalen Runden auf der historischen Radbahn endet. 2019 schaffte es Nils Politt gemeinsam mit Philippe Gilbert auf die Asphaltpiste mit Steilkurven. Am Ende wurde es Rang zwei für den Kölner, was damals seinen endgültigen Durchbruch und größten Erfolg seiner Karriere darstellte. Auf den überwiegend flachen 257,7 Kilometern kann der diesjährige Tour-de-France-Etappensieger Politt seine Tempohärte ausspielen.

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Um mit zäher Kraft die Pflastersektoren zu bewältigen, ist Politts Gewicht von 80 Kilogramm ein Vorteil. Der 27-Jährige wird mit dem ähnlich gebauten einstigen Weltmeister Peter Sagan, Roubaix-Sieger von 2018, beim Team Bora-hansgrohe eine Doppelspitze bilden. Ein besonderes Erlebnis wartet in Nordfrankreich auf den Oberurseler John Degenkolb. Der 32-jährige, Roubaix-Sieger von 2015 hatte sich einst sehr engagiert, um Spenden zu sammeln, welche das dortige Nachwuchsrennen erhielten. Zum Dank wurde dem Pavé-Abschnitt in Hornaing der Beiname „John Degenkolb“ verliehen. Der Deutsche wird trotz seines üblen Sturzes im WM-Rennen vor einer Woche bei seinem erklärten Lieblingsrennen starten – und sein eigenes Pflasterstück unter die Reifen nehmen können.

Erstmals Profirennen für Frauen

Eine Premiere in der langen Geschichte von Paris-Roubaix ist, dass in diesem Jahr auf der Strecke erstmals ein Profirennen für Frauen ausgetragen wird. Und dann gleich unter nassen, also schwierigsten aller Voraussetzungen. Rennbedingungen, die Mathieu van Poel ein entspanntes „wird bestimmt cool“ abringen. Der niederländische Star fährt das Rennen zum ersten Mal und gehört gleich zu den Topfavoriten. Van der Poel ist überzeugt, dass sein von einem Sturz beim olympischen Mountainbike-Rennen lädierter Rücken den unablässigen Schlägen auf dem Kopfsteinpflaster standhalten wird.

Seine Fähigkeit, über lange Zeit enorme Wattwerte in die Pedalen zu drücken, wird ihm entgegenkommen. Zumal das Rennen vermutlich noch selektiver werden wird, so dass die Favoriten – nachdem sie ihre Helfer unterwegs nahezu „verheizt“ haben werden – früher als sonst unter sich sein könnten. Dann könnte auch wieder die Stunde des Wout van Aert schlagen. Nach der Enttäuschung bei der Heim-WM will der Belgier seine Supersaison gerne im Velodrom krönen.

Van der Poel und Van Aert sind beide mehrmalige Weltmeister im Radcross, sind als widrige Bedingungen nicht nur gewöhnt, sondern haben die Steuerkunst auf Matsch und Gestein von der Pike auf gelernt. Man darf gespannt sein, ob der Sieger am Ende tatsächlich einer aus der Riege der Profis sein wird, die vom Cross den Weg auf die Straße gefunden haben. Oder ob es am Ende bei Paris-Roubaix ganz anders kommt. Wie schon so oft.

Quelle: F.A.Z.
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