Bereit für die Königin

Wie Radprofi Jonas Rutsch für Furore sorgt

Von Alex Westhoff
23.07.2020
, 15:26
Gleich in seiner ersten Profisaison wird Radfahrer Jonas Rutsch ausgebremst. Nun freut er sich auf die Wiederaufnahme der Rennen. Starten soll er unter anderem beim Klassiker Paris-Roubaix.

Die Beine still zu halten unter einem Schreibtisch und stundenlang für Klausuren zu büffeln – das ist er nicht mehr gewohnt. Sein Puls sei dabei so langsam geworden, dass er ihn nur mit reichlich Kaffee in Schwung halten konnte. „Mein ganzes Sein“, erzählt Jonas Rutsch schmunzelnd, „war ja auf körperliche Arbeit eingestellt.“ Auf Radfahren, viel Radfahren.

Der 22-Jährige ist durch die Pandemie wie aus einem schönen Traum gerissen worden. Rutsch hatte im vorigen Jahr den Sprung in die erste Radsport-Liga geschafft und einen Vertrag beim World-Tour-Team EF unterschrieben. Bei seinen ersten Renneinsätzen im Januar und Februar war er aber nicht nur der Jungprofi, der zum Lernen auf große Tour mitgenommen wurde, sondern direkt wie überraschend ein Schwungrad für seine Equipe. Der Odenwälder wusste bei den australischen Rennen sowie zum Start der europäischen Klassikersaison mit viel Kraft und einem großen Rennfahrerherzen zu beeindrucken. Die Branche war aufmerksam geworden auf diesen frühreifen Deutschen im Sattel, der trotz seiner 1,97 Meter Körpergröße auch verblüffend schnell die Berge hochfuhr.

Als die Radsport-Saison coronabedingt zum Erliegen kam, wollte Rutsch es zunächst nicht wahrhaben. Soll die Radsport-Welt just dann kollabieren, als er nach entbehrungsreichen Jahren gerade am Ziel angelangt war? In was für eine Zukunft radelt er als Jungprofi mit keiner Handvoll erstklassiger Arbeitsproben, wenn Teams sterben und sich mehr Fahrer um weniger Stellen balgen? Nun sind die ganzheitlichen Folgen für den Radsport noch nicht absehbar – vieles wird davon abhängen, ob die Tour de France gestartet wird. Aber Rutsch war in tiefer Sorge.

Vor Corona-Nachrichten davongeradelt

„In der ersten Zeit habe ich es eher übertrieben im Training“, sagt er. Er ist vor den Corona-Nachrichten regelrecht davongeradelt, hat sich jeden Tag morgens auf sein Rad gesetzt und ist mitunter erst am frühen Abend heimgekehrt. „Ich habe den Kopf ausgeknipst und bin den ganzen Tag Fahrrad gefahren“, sagt Rutsch. Mit der Zeit ist er dann von der Teamführung gebremst worden, seit einigen Wochen folgt er einem Aufbautrainingsplan. Denn vom 5. bis 9. August soll es für ihn weitergehen.

Wie auch der Oberurseler John Degenkolb (Team Lotto-Soudal) ist Rutsch von seinem Team ins Aufgebot für die verkürzte Polen-Rundfahrt berufen worden. Rutsch freut sich, dass die Zeit der auf Online-Plattformen ausgetragenen Rennen dann vorbei sein wird. Aber natürlich hat er die raren Gelegenheiten, die Teamfarben zu repräsentieren, ernsthaft bestritten und einige solide Resultate erzielt. Die finale Etappe der virtuellen Tour de France hat Rutsch im Wohnzimmer seines Erbacher Elternhauses bestritten. Statt sich in das neue Leben eines Radprofis mit steter Abfolge aus Reisen, Rennen und Trainingslager stürzen zu können, mussten die bekannten Straßen herhalten. Der Odenwald, als er bei seinen Eltern war; der Rheingau-Taunus vor den Toren seines Wiesbadener Wohnorts als Mitglied der Sportfördergruppe der Hessischen Polizei; das Schwäbische in der Nähe von Augsburg, als er seine Freundin besuchte.

„Auf mittlere Sicht sehe ich mich schon als Klassikerfahrer“

Sein Team EF fährt bislang, was die Planung der Renneinsätze der Profis betrifft, noch auf Sicht. Rutsch weiß aber sicher, dass er im ersten Profijahr noch für keine Grand Tour, also die drei großen Landesrundfahrten, vorgesehen ist. Sofern der von August bis Spätherbst dicht getaktete Kalender verwirklicht werden kann, soll der Hesse den Fokus auf die großen Eintagesrennen legen. Als „Highlight des Jahres“, so Rusch, soll er voraussichtlich auch die sogenannte „Königin der Klassiker“, Paris-Roubaix, fahren.

Bei seiner erfolgreichen Feuertaufe im Rennbetrieb zu Jahresbeginn war Rutsch als Tempomacher, Ausreißer und auch als Anfahrer für Sprints im Peloton tätig. Was für ein Fahrertyp der Jungprofi werden will, ob Spezialist oder Allrounder? „Ich bin dankbar dafür, wie es jetzt gerade ist. Das ergibt ein weites Feld, in dem ich arbeiten kann“, sagt Rutsch. „Aber auf mittlere Sicht sehe ich mich schon als Klassikerfahrer.“ Der dann parallel seine Polizeiausbildung weit vorangetrieben hat. Denn Corona hat es ihm immerhin ermöglicht, einige Klausuren früher als gedacht „wegzuschreiben und die Last von den Schultern zu nehmen“, wie Rutsch sagt. Das sei das „Bittersüße“ an der Pandemie. Aber dennoch ist der Erbacher nun froh, die Beine zunächst nicht mehr unter den Schreibtisch legen, sondern mit ihnen als Rennfahrer in die Pedalen treten zu müssen.

Quelle: F.A.Z.
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