Meisterschaft der Springreiter

Sie scharren mit den Hufen

Von Hans-Joachim Leyenberg
07.12.2020
, 11:39
Am Ende des Jahres herrscht bei den Springreitern so viel Dankbarkeit wie nie, dass sie überhaupt Wettkämpfe durchführen dürfen. Die Meisterschaft war das Lebenszeichen eines Sports.

So eine deutsche Meisterschaft wie die der Springreiter am Wochenende in Riesenbeck gab es noch nie. Zur Adventszeit statt im Sommer. In der Halle statt unter freiem Himmel. Fernab jeder Routine der Berufsreiter, in der gemeinhin ein Wochenende dem anderen gleicht. Nach einem Turnier war sonst schon wieder vor dem nächsten Turnier. Aber in diesem Jahr ist seit März ja aus den bekannten Corona-Gründen alles anders.

Eine Bilanz der Saison? Das Fazit des Bundestrainers Otto Becker für 2020 fällt aus. Aber am Ende des Jahres ist bei den Aktiven aktuell so viel Dankbarkeit wie nie zuvor: Für die Möglichkeit, überhaupt wieder an einem Wettkampf teilzunehmen, „rauszukommen von zu Hause“. Finja Bormann aus Harsum bei Hildesheim sagte das frei weg, ein Persönchen eingerahmt von ihrer schwarz-rot-goldenen Siegerschleife, die ihr bis zur Wade reichte. Der Wallach A crazy son of Lavina hatte sie über die Distanz von drei Springen an drei Tagen souverän zum nationalen Titel getragen.

Das Gefühl einer vorweggenommenen Bescherung teilte sie mit Philipp Weishaupt, der mit Asathir ein Heimspiel hatte, denn die Reithalle in Riesenbeck ist zugleich Arbeitsplatz der beiden. Für die 13-jährige Stute dürfte es daheim über den Tag hinaus eine Extraration an Leckerlies geben. Dass es nach wie vor einen nur den Amazonen vorbehaltenen Titel gibt, mutet anachronistisch an. Wer jetzt Ausgrenzung beklagen sollte, dem sei verraten: Frauen dürfen laut Reglement auch um den „großen“ Titel reiten, tun es auch – in der Vergangenheit schon mit Männern im geschlagenen Feld.

Selbst der große Ludger Beerbaum hat entsprechende Erfahrungen mit seiner Schwägerin gemacht. Der neunmalige deutsche Meister ist 57 Jahre alt, mittlerweile von gezügeltem Ehrgeiz, wenn es um Meriten im Sattel geht, geblieben ist seine Durchsetzungsfähigkeit. „Irgendwie“ wollte er, der in Riesenbeck einen Turnier- und Handelsstall betreibt, nicht akzeptieren, dass es in der Liste der deutschen Titelträger 2020 eine Leerstelle geben würde. Der studierte Betriebswirt lud außer seinen Landsleuten auch die internationale Elite ein. „Wir sind fast überrannt worden.“ Was Otto Becker zu den Meldezahlen aus seinem Beritt zu erzählen hat, gilt auch für die Prominenz aus aller Herren Länder. Für Jeroen Dubbeldam etwa, Denis Lynch, der mit Chopin’s Bushi das lukrativste Springen gewann, oder Robert Whitaker.

Was zählte, war letztlich nicht der Lockruf des Preisgeldes, es war die Chance, mal wieder in die Turnieratmosphäre einzutauchen. Unter den Bedingungen der neuen Routine: also Zugang nur mit dem Befund eines negativen Testes und nur einem Begleiter, sei es Pfleger oder Trainer. Manche hatten ihr bestes Pferd im heimatlichen Stall gelassen, der Bundestrainer wollte „interessante Ansätze und Erkenntnisse“ gesehen haben. Riesenbeck war kein neuer Anfang, nur das Lebenszeichen eines Sports, der am Samstag nicht von Bildern verschont wurde, auf die diese Disziplin nur allzu gerne verzichten würde: Nach einem Sturz der Belgierin Annelies Vorsselmans folgte am Sonntag die Diagnose, dass ihr Pferd Firkov du Rouet wegen einer Fraktur eingeschläfert werden musste.

Fortan verflüchtigte sich die Aufbruchstimmung einer Interessengemeinschaft, die um die Risiken weiß, aber sie gerne verdrängt. Der Befund, dass so mancher Vierbeiner nach entspannten Monaten ohne Turnierstrapazen „superfrisch“ daherkam, galt ja auch für Firkov du Rouet. Und die Zweibeiner? Steve Guerdat, Führender einer quasi gerupften Weltrangliste, schwärmte gar von einer „wunderschönen Zeit zu Hause“. Aber inzwischen scharren sie gewissermaßen mit den Hufen, um wieder in die Gänge zu kommen, ohne konkret zu wissen, wie es weitergeht. Mit dem Reiten von Berufs wegen.

Engemann zieht es nach Kolumbien

Einer wie Heinrich-Hermann Engemann hat die Konsequenzen gezogen und wird Nationaltrainer in Kolumbien. In Riesenbeck haben sie ihn, der für Deutschland geritten ist, der zusammen mit Otto Becker Aktivensprecher war und dann an Beckers Seite Ko-Bundestrainer auf Honorarbasis, verabschiedet. Es waren wirtschaftliche Gründe „mit dem Einbruch im März“, in Kolumbien anzuheuern. Um deren Springreiter fit zu machen für Olympia.

Engemanns Vertrag datiert bis zu den Spielen in Paris. Er sei bestrebt, eines Tages mit seinen Reitern „vor Otto zu stehen“, sagte er lächelnd. Eine Kampfansage, die Becker sportlich nahm. In diesen Zeiten empfiehlt der Bundestrainer, seit 2008 Seite an Seite mit Engemann, einen „Schuss Gelassenheit, um zu sehen, wo wir reiten, wo wir die Pferde einsetzen können“. Für einen flüchtigen Ausflug war es Riesenbeck.

Quelle: F.A.Z.
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