Rad-WM in Flandern

Alaphilippe zermürbt alle Gegner

Von Michael Eder
26.09.2021
, 16:47
Hat den Absprung geschafft: Julian Alaphilippe wird zum zweiten Mal nacheinander Weltmeister
Der Franzose Julian Alaphilippe holt sich mit einer beherzten Attacken wie im Vorjahr im Alleingang das Regenbogentrikot. Nils Politt präsentiert sich zwar angriffslustig, ist aber chancenlos.

Es ist nicht immer so, dass die Straßenrad-WM im Herbst zu den größten Rennen des Jahres zählt. Diesmal aber war es so. Ein besseres, spannenderes, härteres WM-Rennen hatte man seit vielen Jahren nicht gesehen. Ein größeres Spektakel auch nicht. Das lag auch am Ort des Geschehens. An Flandern, der belgischen Region, der Herzkammer des Radsports, wo am Sonntag Hunderttausende Fans zusammenkamen, um den besten Rennfahrern zu huldigen. Und um, so der Plan der gastgebenden Flamen, am Ende einen der Ihren als neuen Weltmeister zu feiern.

Wout van Aert, der belgische Held der Saison, der bei der Tour de France drei Etappen gewonnen hatte, war auserkoren, seinen Landsleuten und sich den großen Traum zu erfüllen. Van Aert musste aber dem französischen Titelverteidiger Julian Alaphilippe den Sieg in einem superschweren Rennen überlassen, das von Antwerpen auf einem Rundkurs nach Leuven führte. Alaphilippe gewann mit 32 Sekunden Vorsprung, er hatte das Feld in den letzten anderthalb Stunden des Rennens mit kühlem Kopf und ständigen Attacken so lange zerlegt, bis er allein an der Spitze übrig geblieben war.

Herz für van Aert

Zweiter wurde im Sprint einer Vierergruppe der Niederländer Dylan van Baarle, Bronze ging an den Dänen Michael Valgren. Bester Deutscher war Nils Politt auf Rang 16. Wout van Aert wurde nur Elfter, eine nationale Enttäuschung, aber seine Landsleute feierten trotzdem: Ihr Herz gehört van Aert, ihr Herz gehört aber auch dem Radsport. Und der bot ihnen an diesem flämischen Feiertag alles, was sie von ihm erwarten – außer einem Sieger aus ihrem Lager.

Das Rennen über rund 270 Kilometer und 2500 Höhenmeter war, wie erwartet, schon früh ein Länderkampf zwischen Frankreich und Belgien. Die französische Nationalmannschaft fuhr für ihren Kapitän Alaphilippe und war bemüht, das Tempo am Anschlag zu halten, zu testen, wer an diesem besonderen Tag würde mithalten können. Ziel war es, die Konkurrenz müde zu fahren.

Die Belgier hielten dagegen, sie schufteten für van Aert, den Favoriten des Tages mit dem patriotischen Auftrag, das Regenbogentrikot des Weltmeisters in Flandern zu behalten. Nicht ganz klar war die Rolle, die der zweite Topstar im belgischen Team, Jungstar Remco Evenepoel, spielen würde. Die belgische Radsportlegende Eddy Merckx hatte ihn vor dem Rennen scharf kritisiert. Als Egomanen, als einen, der das Ethos des Radsports nicht verstanden habe, der nur auf eigene Rechnung fahre und jeden Teamspirit vermissen lasse.

Enges Rennen. Rad-WM in Flandern
Enges Rennen. Rad-WM in Flandern Bild: dpa

„Wenn es nur einen Teamkapitän gibt, sollte man Evenepoel nicht nominieren, er fährt hauptsächlich für sich selbst, das haben wir bei Olympia gesehen“, sagte der 76-jährige Merckx. Evenepoel, 21 Jahre alt, entgegnete, er sei nicht am Start, „um es dem Team zu vermasseln. Ich werde mein Bestes geben.“

Einen ersten Eindruck seiner Klasse und Ambitionen lieferte Evenepoel neunzig Kilometer vor dem Ziel, als Nils Politt, der Kapitän der deutschen Mannschaft, der nach dem Ausscheiden von Maximilian Schachmann und John Degenkolb früh auf sich allein gestellt war, angriff und sich um ihn eine Spitzengruppe bildete. Evenepoel war dabei und war es auch noch, als Politt nach 25 Kilometern in einem der giftigen Anstiege den An­schluss verlor.

Würde der belgische Wunderknabe gewinnen können? Gewinnen wollen? Sechzig Kilometer vor dem Ziel tauchte Alaphilippe plötzlich aus den Tiefen des Verfolgerfeldes auf, gemeinsam mit van Aert zog er das Tempo an, formierte eine Verfolgergruppe mit allen Favoriten, die bald zur Spitzengruppe aufschloss. Auch die nächste Attacke setzte Alaphilippe, und zur allgemeinen Überraschung konnte van Aert nicht folgen.

Nun war es Evenepoel, der sich mit Hingabe und Volldampf in den Dienst der belgischen Mannschaft stellte. Er setzte sich an die Spitze der Verfolger und führte sie zurück zur Gruppe von Alaphilippe. Mehr Teamwork, als er nun zeigte, ging nicht. 26 Kilometer vor dem Ziel stieg Evenepoel entkräftet aus, frenetisch gefeiert von den Zuschauern, die einen neuen Liebling gefunden hatten.

Rund zwanzig Kilometer vor dem Ziel holte Alaphilippe bei einem giftigen Anstieg zum nächsten Schlag aus. Wie ein Boxer, der immer wieder Wirkungstreffer setzt, so lange, bis dem Gegner die Luft ausgeht, zermürbte er die Konkurrenz. Noch einmal wurde er eingefangen, noch einmal griff er an, van Aert war geschlagen, alle anderen auch, und Alaphilippe fuhr mit schmerzverzerrter Miene, wie es seine Art ist, in Richtung Ziel.

Quelle: F.A.Z.
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