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Marcel Kittel beendet Karriere

„Ich habe jede Motivation verloren, mich weiter zu quälen“

Von Alex Westhoff
 - 16:25
Marcel Kittel beim Radklassiker Paris-Roubaix im Jahr 2018

Sie sind beinahe gleich alt, sind nur 90 Kilometer voneinander entfernt in Thüringen geboren und haben mit großen Erfolgen entscheidend mitgeholfen, dem deutschen Radsport aus seiner finsteren Krise hierzulande herauszuhelfen. Die Rede ist von John Degenkolb, 30 Jahre alt, und Marcel Kittel, 31 Jahre alt. Kein Alter, um als Radprofi gezwungenermaßen kürzerzutreten. Und doch war in der Szene zuletzt viel die Rede von der neuen deutschen Welle im Räderwerk, jüngeren, verheißungsvollen Rennfahrern, die sich erste Meriten erworben haben. Sind die alten Platzhirsche wirklich schon reif fürs Altenteil? Degenkolb und Kittel, einst Mannschaftskollegen im Profizirkus, haben ihre Entscheidungen getroffen – und sie könnten unterschiedlicher nicht sein.

Degenkolb, der von diesem Samstag an bei der Spanien-Rundfahrt drei Wochen in die Pedale tritt, will es weiter wissen. „Meine Ambitionen sind nach wie vor groß. Ich wechsele nun das Team, um weiter aus dem Vollen schöpfen zu können“, sagte er der F.A.Z.. Der in Oberursel im Taunus heimisch gewordene Klassikerexperte kehrt am Jahresende seiner Equipe Trek-Segafredo den Rücken und heuert bei der belgischen Mannschaft Lotto-Soudal an. Kittel dagegen hat genug. „Ich habe jede Motivation verloren, mich weiter auf dem Rad zu quälen“, sagte er dem „Spiegel“.

Aus einer Auszeit ist nun also der Abbruch einer erfolgreichen Karriere geworden. Eine Zäsur für den blonden Modellathleten und auch für den hiesigen Radsport, der seinen Rekordgewinner bei Tour-de-France-Etappen verliert. 14 Teilstücke der Frankreich-Rundfahrt hat Kittel für sich entscheiden können. Eine besonders dominante Position im Peloton nahm er im Juli 2017 ein, als er im Sprint fünf Etappen gewann. „Familie, Freunde, alles kam zu kurz. Dazu die permanente Müdigkeit und die Routine. Ich habe diesen Verlust an Lebensqualität immer mehr realisiert“, sagt Kittel nun am Ende seines monatelangen Entscheidungsprozesses.

Aus einer Auszeit wurde das Karriereende

Im Mai hatte er überraschend seinen gut dotierten Vertrag beim Team Katusha-Alpecin aufgelöst und die Saison vorzeitig beendet. Im Reizklima der russisch geprägten, sportlich seit langer Zeit kriselnden Mannschaft habe er kein Vertrauen gespürt, sagt er, „sondern nur Druck, Druck, Druck“. Damals gab es Spekulationen, ob der Radstar an einem Burnout leidet oder litt.

Während der diesjährigen Tour gewährte Kittel im Rahmen seines kurzen Engagements als TV-Experte für die ARD erstmals Einblicke in sein Innenleben. „Niemand sieht wirklich, wie hart dieser Sport ist, wie viel man investieren muss. Wie lange man von zu Hause weg ist und was er physisch und psychisch verlangt“, sagte der Thüringer. Die Geburt seines ersten Kindes in diesem November wird eine Rolle gespielt haben. Und natürlich die Frage, ob er es wirklich will und kann, die enormen Anstrengungen auf sich zu nehmen, sich diesen Winter wieder in Form zu bringen für Rennen auf WorldTour-Niveau. Wieder in die Mühle Radsport einzutreten, welche die volle Energie und enorm viel Zeit beansprucht.

Kittel, der sich nahe seines Wohnorts für ein Wirtschaftswissenschafts-Studium in Konstanz eingeschrieben hat, hat die Antwort für sich gefunden: Nein. Sein langjähriger Manager Jörg Werne sagt: „Es gab auf dem Weg zu dieser Entscheidung einige Schwankungen, aber die Stoßrichtung ging stets in Richtung aufhören. Ist es richtig, wie es sich anfühlt, ändert sich das wieder, soll ich es in meine Alter doch nochmal versuchen, lauteten die Fragen, die er sich gestellt hat.“

Trainingslager statt Tour de France

Degenkolb hat seinen Sommer in diversen Trainingslagern verbracht, als die Radsportwelt gebannt die Tour de France verfolgte. Weil sein Abgang am Saisonende feststand, hat Trek-Segafredo den 30-jährigen Familienvater nicht für die Große Schleife nominiert. Zumal die drei Jahre bei dem amerikanischen Team für beide Seiten nicht rund liefen. Als Jäger von Siegen bei Klassikern verpflichtet, ist Degenkolb auf seinem bevorzugten Terrain kein einziger Triumph gelungen. Der Gewinn einer Tour-Etappe 2018 vermochte nicht komplett zu überstrahlen, dass sich beide Vertragsparteien weitaus mehr voneinander versprochen haben.

Nun macht sich Degenkolb bereit für 3272 Kilometer durch das brütend heiße Spanien, verteilt auf 21 Etappen. Die sechs flachen und vier hügeligen Teilstücke passen in das Beuteschema von Degenkolb, der mit dem Ziel zu seiner sechsten Vuelta angereist ist, eine Etappe für sich zu entscheiden. Enorme zehn Tagessiege bei der Spanien-Rundfahrt, die zwar als Grand Tour fungiert und den Fahrern alles abverlangt, aber stets im Schatten von Giro d’Italia und Tour de France steht, hat Degenkolb schon gesammelt. Fünf waren es alleine bei der Ausgabe 2012. Degenkolb hat mit dem Radsport noch lange nicht abgeschlossen. „Das werden“, sagt er, „drei Wochen echte Radsportfiesta.“ Kittel wird keine Feiertage auf dem Rad mehr erleben, zumindest nicht mehr als Profi.

Quelle: F.A.Z.
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