Straßenrad-WM

Auf und ab in Flandern

Von Alex Westhoff
26.09.2021
, 08:27
Nils Politt ist in guter Form, meint John Degenkolb.
Deutschlands WM-Hoffnung Nils Politt freut sich auf das schwere Rennen samt begeisterter Zuschauer am Rand: Flandern ist eine Radsportregion, hier ist die Begeisterung besonders groß. Favoriten sind aber andere.

Rad-Weltmeisterschaften haben für die deutschen Männer meist nur Erlebnis-, aber kaum Ergebniswert. Der letzte deutsche Champion im Straßenrennen war Rudi Altig 1966, der letzte Medaillengewinner André Greipel 2011. Dass das WM-Rennen an diesem Sonntag ein Erlebnis wird, gar spektakuläre Züge tragen wird, ist sicher. Schließlich führt die Strecke kreuz und quer und auf und ab in der Region, in der die Radsport-Historie besonders reich und die Begeisterung besonders unverbrüchlich ist: Flandern.

Dort werde Corona nun „einen Tag lang vergessen“, sagt Nils Politt und prognostiziert eine aufgestaute belgische Lust an volksfestähnlichen Szenen am Streckenrand. Politt ist der erfolgreichste deutsche Radprofi dieses Jahres. Dass Politt im deutschen Team, zumal auf seinem bevorzugten Klassikerterrain, zu Kapitän und Führungskraft erkoren wurde, vermochte nicht zu überraschen. Wenn der Kölner die versammelte Elite bezwingen sollte, wäre es aber, keine Frage, eine riesige Überraschung.

Wenn er sich lange in Reichweite der Medaillen abstrampeln sollte, allerdings nicht. Politt ist in diesem Jahr so stark im Sattel unterwegs wie noch nie. Auf seinen Triumph bei der Tour-de-France-Etappe in Nîmes ließ der 27-Jährige unlängst den Gesamtsieg bei der Deutschland Tour folgen.

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John Degenkolb, bei der Weltmeisterschaft als Politts Helfer nominiert, hat dessen Stärke dort aus nächster Nähe erlebt. „Nils befindet sich aktuell in herausragender Form. Bei der Deutschland Tour musste er eigentlich nur lenken, gefahren ist er wie ein Moped“, so der 31-jährige Oberurseler.

„Der Kurs ist unrhythmisch“

Einen besonderen Antrieb wird Politt auch beim Finale und Höhepunkt der flandrischen WM-Festwoche benötigen. Durch die schiere Länge des Rennens (267,7 Kilometer von Antwerpen nach Löwen) samt dem Bombardement von ständig vor dem Lenker auftauchenden kleinen, steilen Hügeln wird ein zermürbender Schlagabtausch der Besten erwartet.

„Es wird ein extrem schweres Rennen. Der Kurs hat viele Kurven zu Beginn, ist unrhythmisch, eine Mischung aus Ardennen- und Flamen-Klassiker. Alles, was Belgien im Radsport zu bieten hat“, sagt Politt in Erwartung von enorm fordernden sonntäglichen sechseinhalb Stunden im Sattel.

Alaphilippe möchte Titel verteidigen

Im Rennfinale dürfte nur noch eine überschaubare Anzahl des erlesenen Feldes um das Regenbogentrikot des Weltmeisters wetteifern. Nicht verwunderlich wäre, wenn am Schluss des Ausscheidungsrennens noch Wout van Aert und Julian Alaphilippe übrig blieben. Ersterer, der belgische Alleskönner, will, unterstützt von einem namhaften Team, seine herausragende Saison daheim krönen.

Der Franzose Alaphilippe setzt alles auf seine Titelverteidigung. Fraglich bleibt, ob der Niederländer Mathieu van der Poel nach seinem Sturz im olympischen Mountainbike-Rennen wieder bei (seinen enormen) Kräften ist. Und das slowenische Team bringt niemand Geringeren als den aktuellen Tour-Champion Tadej Pogacar und den aktuellen Vuelta-Sieger Primoz Roglic an den Start. Politt kann in diesem Peloton also aus der kommoden Lage des ambitionierten Außenseiters beobachten, was die Belgier als voraussichtliche Vorausfahrer mit ihren Heim-Titelkämpfen anstellen wollen.

„Wenn der Kopf stimmt, dann stimmen die Beine. Das hab ich 2019 schon gehabt, und dazu habe ich dieses Jahr wieder zurückgefunden“, sagt der Profi vom Team Bora-hansgrohe, der vor zwei Jahren mit Rang zwei bei Paris–Roubaix sein Profil im Peloton schärfte. Nach einer Durststrecke 2020 ist Politt nun auf der Höhe seiner Schaffenskraft. „Meine Chancen? Schwer zu sagen“, sagt er. „Ich habe mich in diesem Jahr schon mal selbst überrascht.“

Quelle: F.A.Z.
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