Karriereende von Tony Martin

Die Stimme der Vernunft

EIN KOMMENTAR Von Alex Westhoff
27.09.2021
, 08:45
Er war nicht nur ein Radsportler, er setzte sich auch für die Belange anderer Fahrer ein: Tony Martin
Tony Martin hat viel Haut gelassen auf den Straßen. Auch deshalb setzte er sich stets für mehr Sicherheit im Radsport ein. Eine Geste bleibt besonders im Gedächtnis – sein Engagement wird fehlen.
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Tony Martin wurde bei seinem Abschied regelrecht überschüttet mit Gratulationen und Danksagungen. Dank von Kollegen aus aller Herren Länder für einen Großen seiner Zunft. Für einen, der nicht nur lange Zeit am Stück enorm kräftig in die Pedale treten konnte, sondern auch kraftvoll seine Stimme erhob.

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Der (als einer der wenigen im Peloton) Missstände im Radsport klar benannte und anprangerte. Nie destruktiv, sondern immer lösungsorientiert. Dass sich beim Thema Sicherheit für die Fahrer kaum etwas tut, hat ihn, den mit Titeln und Trophäen Dekorierten, in seinen letzten Jahren auf dem Rad zusehends zermürbt.

Martin, der viermalige Zeitfahrweltmeister, der ehedem Unkaputtbare, steigt ab. Aber nicht weil seine Leidenschaft für den Radsport erloschen wäre, sondern wegen des gesundheitlichen Risikos, das dieser den Fahrern abverlangt. Ein schlechtes Zeichen für die Branche. Der 36-Jährige ist ein Kronzeuge für diese Entwicklung im Radsport.

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Bilder vom blutend auf dem Asphalt kauernden Martin füllen das Archiv, seine Karriere ist gespickt von heftigen Unfällen und Verletzungen. Martin hat viel Haut gelassen – fünf seiner 13 Teilnahmen bei der Tour de France musste er verletzungsbedingt vorzeitig abbrechen. Nicht weil er einen besonders halsbrecherischen Fahrstil pflegte, ganz im Gegenteil.

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Der introvertierte Asket

Sondern weil er im stürzenden Peloton oft mit zu Boden geschleudert worden ist. Martins Spätwerk mit den Beinen ist geprägt von seinen aufopferungsvollen Helferdiensten für sein Team Jumbo-Visma. Das Spätwerk mit der Stimme richtet sich an Verantwortliche und auch Kollegen, Wege zu finden, dass die Gladiatoren sicher fahren können und nicht ständig übereinander herfallen (bei Massenstürzen).

Martin war kein Showman auf dem Rad, eher ein Tüftler, ein in­trovertierter Asket, der nicht viel Aufhebens um sich machte. Die Stimme der Vernunft eines hochanerkannten und respektierten Sportsmannes wird fehlen. Zumal hierzulande niemand bereitsteht, ihn in dieser Rolle zu beerben.

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Tony Martin ist sozialisiert worden in seinem Sport, als dieser in der Post-Ullrich-Ära hierzulande mit Dopingvergehen gleichgesetzt wurde. Es gehörte ein langer Atem dazu, dem standzuhalten und zu einem der Frontmänner des sogenannten „neuen Radsports“ zu werden. Man kann zwar nicht wissen, ob er zeit seiner erfolgreichen Laufbahn wirklich allen Verlockungen widerstanden hat. Aber Martin wirkte in seinem Kampf immer glaubwürdig.

Und im Kampf gegen die Uhr zeitweise schier unschlagbar. Im Zeitfahren hat Martin eine Dekade geprägt. Fast auf den Tag zehn Jahre nach seinem ersten Einzel-Weltmeistertitel geht er mit dem Gewinn der Mixed-Staffel in Flandern, seinem achten WM-Titel, in Radsport-Rente. Bleiben wird auch das ikonische Bild von der letztjährigen Tour de France. Als zig Fahrer auf regennassen Straßen bei Nizza ins Rutschen geraten waren. Martin, der gelernte Polizeimeister, brachte das Peloton mit einer Geste zur Vernunft.

Quelle: F.A.S.
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